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KopfsalatZwiegespräch mit einem Esel

Über ein nur wenig erhellendes Gespräch mit einem Esel.

Neulich, geschätzte Leserinnen und Leser, habe ich mich mit einem Esel unterhalten. «Guten Tag», sage ich, als ich mich dem Weidezaun näherte. «Guten Tag», sagt auch der Esel, «wie ist das werte Befinden?» «Ganz ordentlich», erwidere ich, «und selber?» «Och, geht so. Heute habe ich etwas steife Hinterbeine», sagt der Esel, «die Gicht, Sie wissen schon.» Ich weiss nicht, tue aber so. «Kein Wunder, bei dem Wetterwechsel», sage ich.

«Sie wollen sich doch nicht etwa über das Wetter unterhalten?», fragt der Esel. «Nicht zwingend», sage ich, «ich bin nur etwas erstaunt, dass wir uns überhaupt unterhalten.» «Ach so», sagt der Esel und nippt an einem Tässchen Tee. «Darf ich Ihnen auch eine Tasse anbieten?», fragt er. Ich verneine höflich, zumal ich in der Tasse ein paar Grashalme zu erkennen glaube.

«Empfinden Sie es nicht als anstrengend, Mensch zu sein?»

Esel

«Wahnsinn, was so abgeht auf der Welt, nicht wahr?», stellt er fest. «Empfinden Sie es nicht als anstrengend, Mensch zu sein?», will er wissen. Ich stutze. «Die ganze Sache mit dem überbordenden Kapitalismus, den Machtstrukturen, die weltweit die Ungerechtigkeiten des Status quo zementieren. Habgier, Korruption, Armut, Elend und eine Gleichgültigkeit alldem gegenüber. Und dann auch noch diese Klimaerwärmung…» – «Schon gut, schon gut, ich weiss, was Sie meinen», unterbreche ich ihn.

«Ein paar Grad mehr stecke ich schon weg.»

Esel

«Das ist die eine Sicht der Dinge», sage ich. «Aber wissen Sie, dass sich die Zahl der Menschen in extremer Armut in den letzten 20 Jahren fast halbiert hat? Dass Schulbildung heute so vielen Menschen weltweit wie noch nie zugänglich ist? Dass pro Jahr nur etwa halb so viele Menschen an den Folgen von Umweltkatastrophen sterben wie noch vor 100 Jahren?» – «Und warum schreiben Sie als Journalist nicht darüber?», will der Esel wissen. «Tu ich ja, zum Beispiel jetzt gerade», erwidere ich. «Wie bitte?» – «Isch gliich.»

«Es gibt aber noch viel zu tun», sage ich. «Gerade was die Klimaerwärmung angeht. Die übrigens nicht nur uns Menschen, sondern auch Sie betrifft», halte ich fest. «Nun, meine Urahnen stammen aus Afrika: Ein paar Grad mehr stecke ich schon weg», sagt der Esel. «Ausserdem erhoffe ich mir etwas Linderung, was die Gicht angeht. Sie wissen schon…» «Ja, ja», erwidere ich, «auch das ist eine Sicht der Dinge.»








1 Kommentar
    R.Peters

    «Und warum schreiben Sie als Journalist nicht darüber?», will der Esel wissen. Das will ich auch wissen. Bitte mehr über Ihre Gespräche mit dem Esel. Esel sind weise Tiere mit viel Geduld. Einer Tugend, die in dieser Gesellschaft oft zu kurz kommt.