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Prosecco trinken mit Dreck unter den Fingernägeln

Nach dem Xenix erhält Zürich einen zweiten grossen Kiesplatz: Auf dem Gerold-Areal eröffnet ein Gartenrestaurant, wo man die Zutaten gleich selber pflanzen kann.

Der provisorische Charakter des Gerold-Areals bleibt erhalten: Das neue Restaurant «Frau Gerolds Garten».
Der provisorische Charakter des Gerold-Areals bleibt erhalten: Das neue Restaurant «Frau Gerolds Garten».
Sabina Bobst
Terrasse mit Blick über die Bahngeleise.
Terrasse mit Blick über die Bahngeleise.
Sabina Bobst
In einem Monat gewachsen: Die provisorischen Beete.
In einem Monat gewachsen: Die provisorischen Beete.
Sabina Bobst
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Hinter «Frau Gerolds Garten» steht eine Supergroup aus Zürcher Junggastronomen. Beteiligt am neuen Restaurant sind unter anderem Mitbetreiber der Rio-Bar, des Plaza-Club, der Badi Enge, des Rimini oder der Maag-Halle. Neben dem Bahnhof Hardbrücke mischen sie internationale Lifestyle-Trends: Pop-up, Urban-Gardening, Regionality. Von der Grösse her spielt ihr Projekt in der Zürcher Oberliga: Bis zu 500 Leute finden im Garten Platz.

Doch die neunköpfige Supergroup kündet keinen Nummer-1-Hit an, sondern bleibt bescheiden: «Es ist auch ein idealistisches Projekt. Wir sind schon froh, wenn wir unsere Investitionen herausholen», sagt Mitbetreiberin Katja Weber, ihrerseits Mitgründerin des Montagmarktes im Rimini.

Einen Tag vor der Eröffnung herrscht Hektik auf dem 2500-Quadratmeter- Areal. In einer Stunde nehmen Beamte den Betrieb ab, noch fehlen einige Handgriffe. «Wir haben eine strenge Zeit hinter uns», sagt Katja Weber. «Seit Anfang Jahr sind wir ununterbrochen am Schuften.» Die Baumaschinen, die hier lange herumstanden, sind verschwunden, der Asphalt wurde aufgebrochen und durch Kies ersetzt. 15 Schiffscontainer, ein Zeltdach, unzählige Holzbänke und Stühle bilden einen Biergarten samt Terrasse.

Dazwischen stehen überall Holzkisten, in denen Radieschen, Zucchetti, Salat oder Kräuter spriessen. Die «Hochbeete» sollen ungefähr 10 Prozent der Küchenzutaten liefern. Auch die restlichen 90 seien «bio und regional», sagt Katja Weber. Und schwärmt von den Freuden des Gärtnerns, die sie gerade entdeckt habe. Lächelnd zeigt sie ihre leicht dreckigen Hände.

Vorbilder in Berlin und Zürich

Das Gärtnern im Schatten des Prime Tower bleibt nicht einigen wenigen vorbehalten. Quartierbewohner können mitsäen, mitjäten oder eigene Beete bepflanzen. Bereits haben 20 Banker aus dem Prime Tower zwei Tage lang angepackt. Grün Stadt Zürich half bei der Aussaat, die Hochschule Wädenswil wertet den Versuch wissenschaftlich aus, um die perfekten Bedingungen für einen Stadtgarten zu finden.

Anfang September eröffnen zudem mehrere Ateliers und Läden, die Mode und Design verkaufen. Urban-Art soll das ganze Areal schmücken, bereits hat die Zürcher Künstlerin Sarah Parsons einige Wände bemalt – unentgeltlich. Dazu kommen verschiedene Veranstaltungen. So soll ein Treffpunkt entstehen, der Gäste übers Quartier hinaus anzieht. Verschiedene Vorbilder haben «Frau Gerolds Garten» beeinflusst: Dass Einkaufen auch in Containern funktioniert, führt der benachbarte Freitag-Turm seit längerem vor.

Mitgeprägt hat dieses Modell auch der Londoner Boxpark, eine provisorische, verschiebbare (Pop-up) Shoppingmall aus 60 Containern. Das erfolgreiche innerstädtische Ansäen wiederum hat der Prinzessinnengarten im Berliner Stadtteil Kreuzberg vorgemacht, wo Nachbarn auf einer Brache mitten im Quartier Salat und Früchte ernten. Drei Jahre nach seiner Eröffnung gilt der Prinzessinnengarten als weltweites Vorzeigeprojekt für selbst verwaltetes Gärtnern. Und hat dazu beigetragen, dass Städter heute einen Tag lang im Dreck graben können, ohne Angst haben zu müssen, deshalb als Spiesser zu gelten.

Und dann kommt das Kongresszentrum...?

«Frau Gerolds Garten» ist ein Sommerprojekt, über die kalten Monate bleibt das Restaurant geschlossen. In fünf Jahren müssen die Betreiber das Areal voraussichtlich räumen, danach will die Stadt das neue Kongresszentrum aufs Gerold-Areal stellen. Weil es sich nicht gelohnt hätte, für die kurze Zeit richtige Häuser hochzuziehen, beschränkten sich die Betreiber auf improvisierte Bauten. Das passe auch bestens zum Ort, sagt Katja Weber. «So behält das Gerold-Areal noch eine Zeit lang seinen provisorischen Charme.»

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