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Wann Spicken erlaubt ist

Sich in der Schule ehrlich zu verhalten, ist Jugendlichen wichtig. Nur setzen sie eigene Massstäbe an.

Schaut der Lehrer genau, wird nicht gespickt: Unterricht an der Berufsschule Zürich. (Bild von 2006)
Schaut der Lehrer genau, wird nicht gespickt: Unterricht an der Berufsschule Zürich. (Bild von 2006)
Keystone

Die Lehrer anlügen, bei Prüfungen spicken oder die Unterschrift der Eltern fälschen: Den meisten Jugendlichen an der Zürcher Volksschule ist es zwar wichtig, grundsätzlich ehrlich zu sein. Allerdings haben die Jugendlichen eigene Messlatten, mit denen sie auch unehrliches Verhalten als gerechtfertigt einstufen. Dies ergibt eine Studie der Universität Zürich, für die 31 Interviews mit 14- bis 15-jährigen Oberstufenschülern durchgeführt wurden.

So stellte die Studie von Soziologin Emanuela Chiapparini beispielsweise fest, dass es Schüler durchaus für richtig erachten, ihre Lehrer anzulügen – wenn dies einem höheren Ziel dient. Als Beispiel gibt die Studie einen Fall an, in dem sich ein Schüler meldet, nachdem der Lehrer gefragt hat, wer in der Klasse einen Stuhl kaputt gemacht hat. Der Schüler selbst war daran zwar nicht schuld, übernimmt aber die Verantwortung, damit der Klasse eine Kollektivstrafe erspart bleibt.

Das Resultat: Er muss zwar nachsitzen, sein soziales Ansehen innerhalb der Klasse steigt dafür. «Insbesondere in realen Dilemmasituationen entscheiden Jugendliche nicht nach moralischen Kriterien, sondern orientieren sich an pragmatischen und sozialen Kriterien», heisst es in einer zusammenfassenden Medienmitteilung zur Studie.

Spicken erlaubt, wenn Lehrer isst

Dies zeigt sich auch in anderen Situationen: So sind Schüler durchaus bereit, Informationen zurückzuhalten, wenn es zu Vorteilen für die ganze Klasse führt. Verwechselt eine Lehrperson beispielsweise einen Abgabetermin für eine Hausaufgabe, sehen sich die Schüler nicht gezwungen, sie darauf aufmerksam zu machen. Auch wenn etwas passiert ist, das Konsequenzen nach sich ziehen könnte, aber die Lehrperson fragt nicht danach, wird sie kaum davon hören. Gleiches gilt, wenn die Tatbestände nicht zu überprüfen sind.

Auch Spicken ist für die Schüler nicht in jedem Fall unangebracht – vor allem, wenn die Lehrperson ihnen zu wenig Aufmerksamkeit schenkt. Die Jugendlichen «sind zum Teil entsetzt, wenn Lehrpersonen während Schultests essen oder andere Arbeiten korrigieren, anstatt das selbstständige Arbeiten zu überprüfen». Die fehlende Kontrolle werde von den Schülern scharf kritisiert und gelte gleichzeitig geradezu als Aufforderung zum Schummeln. Dabei würden die Schüler den Freiraum oft bis fast zur Provokation ausnutzen, nach dem Motto: Wer nicht schaut, ist selber schuld.

Soziologin Chiapparini folgert aus ihren Resultaten, dass es den Schülern, wenn sie unehrlich sind, nicht darum gehe, moralische Normen zu verweigern. Sie passen sich vielmehr einem Alltag an, der von vielen institutionellen Regeln geprägt ist. «Schülerinnen und Schüler wägen drohende Sanktionsmöglichkeiten ab und verhalten sich aufgrund ihrer Erfahrungen gezielt unehrlich.» Die Resultate machten also deutlich, dass Ehrlichkeit von Jugendlichen je nach Situation, Zusammenhang oder Person anders aufgefasst werde und zu anderen Verhaltensweisen führe.

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