Zum Hauptinhalt springen

ZU FUSS: DIESE WOCHE IN DEN KANTONEN ZÜRICH UND ZUG

Eine schöne Art, neue Schuhe einzulaufen

Als ich eines sonnigen Morgens zum Wandern auszog, wusste ich nicht, wohin ich wollte. Einzig hatte ich die feste Absicht, meine neuen Trekkingschuhe einzulaufen. Gekauft hatte ich sie bei Bellmann, dem Orthopädietechniker meines Vertrauens in Zürich-Wiedikon. Zwecks Verfertigung von Einlagen suchte ich jenes Geschäft in kurzer Zeit viermal auf. Herr Ruckstuhl hiess der kompetente und nette Mann, der mir die Einlagen fertigte. Und eben - nebenbei kaufte ich bei meiner letzten Visite auch noch Schuhe. Nicht ganz billige, doch mokassinweiche Künzli.

Vom Laden schwebte ich, die neuen Schuhe an den Füssen, über die Strasse zum Bahnhof Wiedikon und nahm den erstbesten Zug stadtauswärts. Stieg in Wädenswil spontan um auf den Zug nach Einsiedeln. Stieg in Samstagern spontan aus. Einfach, weil ich da noch nie ausgestiegen bin.

Vor mir hatte ich den mächtigen Waldriegel des Höhronen. Immer noch planlos, hielt ich auf diesen zu. Und bald schon wurde ich überrascht: Da lag das Hüttnerseeli in seinem Riedgürtel. Es ist auch ein Badesee, der Kiosk war offen, ich trank einen Kaffee.

Oben in Hütten konsultierte ich die Wegweiser und wusste nun, was ich machen wollte: sihlabwärts wandern. Ich stieg auf der Strasse zum Fluss hinunter. Las dort mit Interesse eine Warntafel der SBB. Sie besagte: Die Sihl kann ihren Pegelstand momentan schnell verändern, man meide das Flussbett; in Zürich nämlich laufen die Bauarbeiten am neuen Durchgangsbahnhof Löwenstrasse, der unter der Sihl liegt; damit die Arbeiten nicht beeinträchtigt werden, hat man dort momentan den Sihldurchlass verschmälert; diese veränderte Wasserregulierung hat Auswirkungen bis weit hinauf.

So weit das Schild; gern gebe ich zu, dass ich seinen Inhalt nicht bis ins Letzte verstanden habe.

Danach genoss ich den Fluss. Musste ihn freilich bei der Finsterseebrugg für einige Zeit wieder verlassen. Die Sihl hat strichweise unzugänglich böse und tiefe Tobel ausgefressen. Beim Wasserkraftwerk Waldhalde hatte ich sie wieder. Weiter unten, am Suenersteg, wechselte ich auf das katholische, das Zuger Ufer. Es kam die zweite Überraschung: die Fischbeiz Sihlmatt. In der Küche werkten Weissmützen, draussen herrschte an den langen Tischen lockere Stimmung. Rentner jassten. Ich ass zwei gebratene Forellen. Die Mahlzeit war ein Geschenk.

Gleich danach die nächste Überraschung: ein Tunnel-Galerien-System. Zum Sihlsprung hin, 20 Minuten weiter flussabwärts, legt die Sihl wieder einmal jede Manierlichkeit ab. Sie durchzieht eine Engstelle, auch sind in ihr Bett Felsen gestürzt; beides macht sie wütend, sie springt und schäumt und rast. Besagte Tunnel und Galerien machen die Begehung des Erosionsgebiets möglich. Dieses ist eine abenteuerliche Sache: In den Tunneln muss man den Kopf einziehen, draussen auch, die überhängende Nagelfluh bedrängt und beklemmt einen.

Ich atmete auf, als ich diese Passage hinter mir hatte. Es folgte Überraschung vier: Ich fand mich inmitten herzig gerundeter Hügelchen. Der Wanderweg führt vor der Sennweid durch jene Drumlinlandschaft, für die das Gebiet um den Hirzel berühmt ist. Drumline sind Hügel von tropfenförmigem Grundriss. Gletscher haben sie einst geformt.

Muss man gesehen haben, diese reizenden Kuppen. Sie gefielen mir so sehr, dass ich hernach ohne jede Abscheu den Lärm von der stark befahrenen Hirzelstrasse hinnahm. Sihlbrugg-Dorf dann stellte sich als moderne Ödlandschaft der Drive-ins und Autohäuser heraus. An dieser Stelle, auf diese Weise wollte ich die Sihl nicht verlassen. Ich begleitete sie daher - das dauerte noch einmal fast eine Stunde - rechtsseitig bis zur Station Sihlbrugg. Dort nahm ich Abschied, mit Füssen, die nur leicht schmerzten.

Fazit: Hervorragend gegessen. Die schönen Schuhe eingelaufen. Mehrfach überrascht worden. Einen Fluss lieben gelernt. Gehzeit: 5 Stunden, 30 Minuten. Gut 200 Meter auf-, 300 abwärts. Restaurant: Sihlmatt, Menzingen, www.sihlmatt.ch, Ruhetag Di.Internet: Fotos zur Kolumne und die Swisstopo-Wanderkarte auf www.zufuss.tagesanzeiger.ch.TA-Redaktor Thomas Widmer stellt jeden Donnerstag eine Wanderung vor. Seine Bücher sind im Echtzeit-Verlag erschienen.

Der Galerieweg vor dem Sihlsprung.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch