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Wo sich die Städter blamieren

Nach dem TA-Artikel über die fiesesten Agglo-Fallen in Zürich schlagen Nicht-Zürcher zurück: Die Stadtzürcher tappen auf dem Land öfter in die Falle, als ihnen bewusst ist.

Landeier drücken ständig auf den Türknopf am Tram, obwohl er längst erloschen ist; sie werden im Flussbad Unterer Letten an den Eisenrechen gedrückt, weil sie keine Entenfüessli gemacht haben oder sie erwarten eine Tischbedienung in Szenebars (TA vom letzten Samstag). Die Einheimischen, die das alles besser wissen, verfolgen solche Pannen und Peinlichkeiten mit Amusement und Dankbarkeit, denn es gibt ihnen das Gefühl, urban zu sein. Sie wissen nicht, dass sie wegen ihrer Fauxpas genauso belächelt werden, kaum verlassen sie ihren urbanen Cocon. Ein paar Muster: Latte macchiato auf der Alp Die Städter kultivieren gerne ihren ganz persönlichen Geschmack. So kann der Kauf eines Sandwichs der Bedienung und den Wartenden durchaus einiges an Geduld abverlangen. Hats Butter oder Margarine drin? Ist der Käse halbfett und pasteurisiert? Gibts das Brötli auch ohne Sesam? Beim Kaffeetrinken hat sich längst eine breite Palette von Möglichkeiten etabliert. Ein Soja-Latte-macchiato decaffinato mit Vanille gehört zu den Standardbestellungen. Wenn nun ein Städter nach Verzehr seines mit Margarine beschmierten und halbfettem pasteurisiertem Käse belegten Brötli ohne Sesam eine Bergbeiz aufsucht, bestellt er gerne einen Latte macchiato. Er glaubt, sich damit rustikal zu geben – fliegt aber unweigerlich auf. (mom) Die Zimtstern-Drängler Sie tragen gern Alprausch oder Zimtstern, haben eine Zigi im Mund und versuchen es mit Vorliebe über die Aussenbahn: die Drängler am Sessellift. Und wehe, es verkratzt ein Skistock das nigelnagelneue Burton-Brett der «Züzis» – dann gibts garantiert Puff. (pak) Wäschetrocknen mit Landluft Als ich vor vielen Jahren von Zürich aufs Land in ein Bauernhaus zog, freute ich mich, meine Wäsche auf dem Stewi im warmen Sommerwind flattern zu lassen. Mit den sonnengetrockneten Leintüchern könnte ich, dachte ich zufrieden, gleich mein Bett beziehen. Gesagt, getan. Als ich mich dann nachts wohlig in meine frischen Laken kuschelte, nahm ich einen unangenehmen Geruch wahr. Ja, der Bauer aus der Nachbarschaft hatte am Nachmittag seinen Jauchewagen auf der grossen Wiese hinter unserem Haus entleert, und deshalb hatte ich das Fenster meines Schlafzimmers geschlossen. Von draussen konnte der Geruch also nicht kommen. Und neben mir lag auch nicht besagter Nachbar in den Stallkleidern, sondern mein Mann, dessen Geruchssinn offensichtlich gleich mit ihm eingeschlafen war. Erst als ich auf der Suche nach Schlaf meine Decke über die Nase zog, ging mir im dunklen Zimmer ein Licht auf: Meine Wäsche hatte beim Trocknen die Landluft in sich aufgesogen, genau so, wie ich es gewollt hatte. (roc) Hilflos auf Gleis 23/24 Das Tram beherrschen die Einheimischen im Schlaf, aber wehe, sie müssen einmal abends zur Stadt hinaus und zur Stosszeit in die S-Bahn – sie sind vollständig überfordert. Allein schon der Blick von der Rolltreppe auf die dunklen Massen von Pendlern, welche die Perrons verstopfen – eine unbekannte, unheimliche Unterwelt, auf die sie niemand vorbereitet hat. Man erkennt die Ungeübten sofort am nervösen Blick auf die Anzeigetafeln, die erst kurz vor Einfahrt angeben, auf welchem Gleis die S-sowieso einfährt. Sie schauen auch ständig gehetzt in beide Richtungen, weil sie nicht wissen, woher der Zug kommt und wo überhaupt oben und unten ist. Und kommt dann der Zug endlich, werden die Städter hilflos herumgeschoben, weil sie nicht wissen, wie man sich entschieden und effizient in einer bahnbesteigenden Masse bewegt. Dann fangen sie an zu drängeln – und alle wissen: ein Stadtzürcher! (jr) Kopf anschlagen in der S-Bahn Die S-Bahn ist, wie gesagt, für reisende Städter schon beim Einsteigen ein furchteinflössendes Mysterium. Die Reise selbst hat dann das Potenzial zum schmerzdröhnenden Martyrium. Die urbanen Menschen haben also den Doppelstöcker glücklich bestiegen. Selbst wenn sie dann einen Sitzplatz finden, dürfen sie sich nicht entspannen: Höchste Konzentration ist angesagt, denn sie wollen den angepeilten Provinzbahnhof nicht verpassen. Weil sie die Stationen aber nicht wie normale Pendler an Finessen wie der Form der Perrondachstützen unterscheiden können, stellen sie erst spät fest, dass sie angekommen sind. Sie fahren auf – und donnern mit dem Schädel gegen die Gepäckablage. Die Habitués vis-à-vis verbergen ihr schadenfreudiges Grinsen hinter dem «Blick am Abend». (ese) Polterabend in der Provinz Nur an der Street-Parade kennt der Mensch keine Scham. Sonst zieren sich Städter wie Landeier nicht selten. Gut zum Ausdruck kommt das beim Polterabend – einem Ritual, das keiner wirklich mag, aber irgendwie dazugehört, wenn zwei sich trauen. Um niemandem über den Weg zu laufen, den man kennt, finden diese bunten Abenden oft an abgelegenen Orten statt. Für den Aargauer ist dies das Niederdorf, für den Bräutigam oder die Braut aus dem Niederdorf ist es der Aargau. Trifft man also in Baden auf einen angetrunkenen Superman mit gröhlendem Anhang, handelt es sich dabei ziemlich sicher um eine Gruppe von Stadtbuben. (pa) Fauxpas im Postauto Stehe ich in Zürich aussteigebereit an der Tramtür und die Haltestelle kommt in Sicht, drücke ich in hoher Frequenz auf den Halteknopf oder halte ihn permanent gedrückt. Der Stadthysteriker will halt, dass die Tür sich möglichst schnell öffnet; und da die Knopfdrückerei keine nervenden Geräusche auslöst, ist das völlig okay. Wenn ich meine Eltern in Stein AR besuche, drücke ich bisweilen kurz vor Schachen auf dieselbe drastische Züri-Weise den Postauto-Halteknopf – ein peinlich lautes Summen ist die Folge, das nicht aufhören will. Die Dörfler drehen sich dann alle um und denken: Aha, das Nervenwrack aus Zürich. (tow) Motzen im «Oscht-Block» Der typische Stadtzürcher ist weit gereist und weltgewandt, sein Horizont reicht bis tief in die Trendquartiere von Berlin und New York. Doch wenn es um die nähere Umgebung geht, weist er oft erstaunliche Wissenslücken auf, die in einem soliden Desinteresse für die Provinz gründen. Winterthur? Das kennt er gerade noch, schliesslich fährt dorthin ja eine S-Bahn und es findet ab und zu ein Popkonzert statt. Doch dahinter beginnt «dä Oscht-Block» (alles nördlich von Winterthur) und «dä Zürcher Kongo» (Tösstal). Dinhard, Dachsen, Agasul? Fehlanzeige. Verirrt sich der Städter doch einmal ins Outback, hört man ihn prompt ausrufen, wenn dort am Wochenende die Restaurants nicht so geöffnet haben wie «z Züri une». Den Landbewohnern mags recht sein, wenn der Städter sein Revier nur ungern verlässt. So bleiben sie in ihren Geheimtipp-Ausflugszielen an Rhein, Thur oder Töss für sich. (mth) Campen in Highheels Campen ist im Trend, und so sind auch die Städter wacker mit von der Partie. Dass viele von ihnen nicht so geübt darin sind, erkennen Routiniers rasch an der schlechten Zeltaufbau-Technik der Männer – und an den Stilettos der Damen. (mom) Mit den Stilettos ins Grüne: Das müssen Zürcherinnen sein. Foto: Chris Jackson (Getty Images)

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