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Wenn die Welt über das Dorf kommt

Casalciprano ist eines jener Dörfer Italiens, die wegen der Emigration beinahe ausgestorben wären. Doch jeden August kommen die verlorenen Kinder zurück. Von Oliver Meiler, Casalciprano

Irgendwann sagt Assuntino Picciani, der pensionierte Hilfsarbeiter aus Bayern: «Bei uns, im Kegelverein in Kirchseeon, sehen wir das anders.» Italo Valente, der Schuhmacher aus der Bronx, den die «New York Times» schon zweimal in seiner Werkstatt besuchte, fragt: «Ist Amerika nicht das grossartigste Land dieser Welt?» Einwände würde er nicht gelten lassen. Und Biagino Battezzatore aus Montreal, ein Arbeiterleben lang bei den kanadischen Eisenbahnen, macht zwischendurch lange Sätze auf Französisch, die niemand unter den Kastanienbäumen am Marktplatz versteht, aber alle abnicken, als hätten sie verstanden. Als wären sie froh, dass sie wieder dran sind mit Erzählen. Sie reden von früher, berichten aus einem anderen Leben. Reden auch von der weiten, fernen Welt. Im Dialekt der Kindheit, nur globalisiert, geprägt durch viele Jahrzehnte im Exil. «Yeah, yeah», wirft Italo immer wieder ein, wohl ohne es zu merken, und: «Right!» Sie reden von Fussball, von Politik, von Italien, von Silvio Berlusconi. «Einen Haufen Schmarrn reden wir da», sagt Assuntino, «aber schön ist es.» Das hier ist Casalciprano, wie angeklebt an einen Hügel mit seinen mittelalterlichen Mauern, 670 Meter?über Meer, Provinz Campobasso, in der bergischen und bäurischen Region Molise. Ein verlorenes Dorf mit einer viel zu grossen Kirche, ausgezehrt von mehreren Wellen der Emigration: keine Bar mehr, keine Trattoria, nur zwei Lebensmittelläden und Vereine fürs Karten- und fürs Billiardspiel. 600 Einwohner unter dem Jahr, doppelt so viele im August. Tiefe Provinz im Herbst, im Winter, im Frühling. Und ein Dorf von Welt im Sommer, rund um Ferragosto. Und der Sohn von Orazio? Dann kehren die Emigranten zurück. Für zwei, drei Wochen. Sitzen oben auf dem «muretto», der kleinen Mauer am Marktplatz, wohnen in ihren Häusern, die sonst leer stehen. Reden, reden, reden. Assuntino, Italo, Biagino. Namen, wie man sie im Süden Italiens trägt, Namen wie Chiffren der Nostalgie. Und Michele aus Argentinien, Stefano aus Venezuela. Nur den Sohn von Orazio, der 1955 nach Australien ausgewandert war – wie hiess er noch? –, den hat man hier schon länger nicht mehr gesehen. Kopfschütteln reihum. Alle sind sie verlorene Kinder von Casalciprano. Keiner von ihnen würde je zurückkommen wollen, fest und dauerhaft. «Nein!», sagt Assuntino bestimmt. Nur für den Sommer. Im August feiern sie hier die grossen Feste, die Hochzeiten und Taufen. Damit auch alle dabei sein können, die Söhne und Töchter der Emigration mit Koffern voller schöner Kleider und Geschenken aus der neuen Welt, den Insignien des Wohlstands. Die Armut hatte sie vertrieben. In Casalciprano hatten sie keine Aussicht auf Bildung. Nach der Primarschule war für die meisten die Schule vorbei. Und die einzige Perspektive im Dorf war eine schlecht entlöhnte Stelle auf dem Acker von einem der vier Grossgrundbesitzer, den Signori mit ihren schönen Villen. Kein Geld für ein Auto, fürs Spiel, für die Gründung einer Familie. Zukunft gab es nur im Ausland. Nunzio Lombardi, 83, war 30 Jahre lang Bürgermeister von Casalciprano. Er hat die jungen Männer alle gehen sehen, oft ohne ihre Frauen, von denen etliche zu weissen Witwen werden sollten – «vedove bianche», aus den Augen und aus dem Sinn ihrer ausgezogenen Männer, die in der Ferne neue Familien gründeten. Für so manche hat er die Passformalitäten erledigt: «Es waren eigentlich immer nur kleine Tragödien, aber ausweglose», sagt er. Das Dorf lag auch fünf Jahre nach dem Krieg noch am Boden. Der Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit sollte Casalciprano nie richtig erfassen. Die Perspektivenlosigkeit riss sie alle weg, die frischen Kräfte, alle Ressourcen des Dorfes. In einer ersten Welle, um 1950, wanderten viele nach Argentinien aus, wo Juan Perón regierte und die Italiener mit einer günstigen Anstellungspolitik lockte. Als Perón weg war, waren es auch die Privilegien der Italiener. Das neue Eldorado hiess Venezuela, von dem man sich in Casalciprano sagte, es sei das Land, in dem man schnell reich werden könne. Besser noch als Argentinien. Dann kamen Amerika, Australien, Nordeuropa. Am bayrischen Stammtisch Der Bürgermeister hat studiert, deshalb blieb er in Casalciprano. Er war der Lehrer im Dorf, Assuntino nennt ihn noch immer «maestro». Nunzio sagt, Venezuela habe ihn schon gereizt. Doch der Mut habe ihm gefehlt. Es sind keine Schmerzensgeschichten, die die Rückkehrer erzählen, keine dunklen Geschichten der Diskriminierung. «Ich hatte Glück, München war ja nicht das Ende der Welt», sagt Assuntino, «ich fand sofort eine Arbeit bei Fiat. Ich konnte mich integrieren, hatte bald nur noch deutsche Freunde, bin auch bei der freiwilligen Feuerwehr, habe einen Stammtisch.» Später wird er sagen, die Leute in Casalciprano würden heute gut leben «mit unserem Geld». Assuntino meint: mit dem Geld aus Deutschland, mit den Subventionen der Europäischen Union. Er versteht viele italienische Eigenheiten nicht mehr, sie sind ihm fremd geworden. Die Post ist ihm zu langsam, die Behörden sind ihm zu träge, die Leute zu unpünktlich. Er gilt hier als Deutscher, als «tedesco». Und in Deutschland gilt er als Italiener. Schuhmacher Italos Frau Dora, ebenfalls aus Casalciprano, lebte schon in der Bronx, als sie heirateten – im Dorf natürlich, in der Heimat. In New York fand er eine Reproduktion der Heimat, eine Miniatur: Little Italy – gute Bars, gute Restaurants, viele Molisani, Cousins und Nichten aus Casalciprano. Die Neapoletaner brachten den Mozzarella nach New York. Und die Sizilianer die Mafia, doch darüber redet man besser nicht. Sogar die «vongole», die Muscheln, liessen sie aus Italien kommen. Von den sechs Geschwistern Italos ist nur einer nicht ausgewandert, weil er Flugangst hatte. Italo lacht: «Flugangst!» Die anderen flogen alle aus, für immer: nach Cleveland, Ohio, nach Kanada, nach Melbourne, Australien. Italo ist jetzt 82, ein eleganter Mann mit moderner Sonnenbrille und fein gebügeltem Hemd, zufrieden mit dem Leben. Seine Kinder haben studiert, sie haben selber Kinder. «New York ist mein Leben», sagt Italo, «yeah, yeah! Hier im Dorf ist es zwar schön, schau dir nur die Landschaften an! Doch alles steht still, hier ist nichts.» Raus und nordwärts Nur Biagino aus Montreal, der mal ein Genosse gewesen sein soll, ist aufgebracht. Vor allem wettert er gegen Berlusconi, er nennt ihn den Boss aller Bosse. «Die Polizei fasst zwar viele Mafiosi», sagt er, «doch sie fasst nur jene, die gegen Berlusconi sind.» Das Bild Italiens im Ausland leide unter diesem Herrn. «Yeah, yeah», sagt Italo, der immer christdemokratisch wählt: «Pierferdinando Casini, den finde ich gut.» Doch Assuntino fragt: «Haben wir denn einen Besseren als Berlusconi? In Deutschland haben wir die Merkel. Ist die etwa gut?» Reden, reden, reden. Auch viel Schmarrn. Der Maestro hört belustigt zu, als freute ihn die Verve der Voten. Dann sagt er: «Das Dorf stirbt, es hat keine Kraft mehr.» Nichts ist passiert in den letzten Jahrzehnten. Keine Politik verspricht Besserung, keine Industrie beschäftigt die Massen. Heute zieht es die Jungen aus Casalciprano in die Städte: nach Rom, Bologna, Mailand. Einfach nordwärts, wo noch Hoffnung ist. Im Süden ist keine mehr. Nun droht sogar das Autounternehmen Fiat, seine Werke im Mezzogiorno zu schliessen. Und sie kommen nicht wieder, die Jungen. Höchstens in den Ferien. Zwei, drei Wochen im Sommer. Keine Touristen Dann zieht das Flair der Welt durch die heissen Gassen. Wie ein Gewitter. Sogar die Klänge einer elektrischen Gitarre füllen das Dorf. Dann hört man auf den Wochenmärkten in Bojano und Campobasso Teenager mit breitem amerikanischem Slang. Sie tragen Baseballmützen und gehen schnell. Schneller als die Einheimischen. Das fällt auf. Es sind keine Touristen. Hierher, in die arme Provinz, kommen nur wenige Touristen. Es sind die Enkel der verlorenen Kinder des Molise. Sie ziehen an den Marktständen vorbei, die schon seit Jahrzehnten dieselbe Ware verkaufen. Kleider etwa, die sie nie tragen würden. Bonbons von Golia in den alten, ältlichen Verpackungen. Pressen fürs Olivenöl, Küchenutensilien aus einer anderen Zeit. Als wäre alles eine Kulisse für die Emigranten. Die Kulisse für ein schönes Sommerstück. In New York fanden sie eine Reproduktion der Heimat: Little Italy – Restaurants, Bars und viele Molisani. Der «tedesco» versteht viele italienische Eigenheiten nicht mehr. Die Leute sind ihm zu unpünktlich. Nunzio Lombardi, Biagino Battezzatore und Assuntino Picciani (v. l.). Foto: Oliver Meiler

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