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Waldstück für die letzte Ruhe Lukratives Geschäft mit der Ewigkeit

Gestern ist am Rumensee der 70. Friedwald der Schweiz eröffnet worden. Ohne den Segen des Küsnachter Gemeinderates.

Bereits vier Waldfriedhöfe in der Region Von Daniel J. Schüz Gestern Morgen, zehn Uhr, am Rumensee in Küsnacht: Der Wind, der durch die Kronen der Bäume streicht, untermalt leise raunend das vielstimmige Konzert der Vögel. Zwei Männer streifen, begleitet von einem Hund und vertieft in ein angeregtes Gespräch, durchs Unterholz. Sie haben einander noch nie zuvor gesehen. Aber sie haben ein gemeinsames Interesse – es gilt den Bäumen auf beiden Seiten des Weges. «Was haben diese Zeichen zu bedeuten?», will Andrea Bianca wissen. Dem evangelisch-reformierten Küsnachter Pfarrer sind an den Baumstämmen seltsame Buchstabenkombinationen auf kleinen grünen Tafeln aufgefallen. «Damit», erklärt Ueli Sauter, «markieren und identifizieren wir die Bäume. Wir hätten natürlich auch Zahlen verwenden können – aber die Menschen wollen nicht auch noch im Tod Nummern sein.» Ruhestätte für 99 Jahre Eine Stunde später unterzeichnen Sauter, Geschäftsführer der Friedwald GmbH, sowie die Waldbesitzer Jakob Weber, Präsident, und Peter Fietz, Vorstandsmitglied der Küsnachter Waldkorporation, einen Vertrag, der den Mischwald – Buchen, Kirsch-, Nuss- und Ahornbäume sowie eine Eiche und eine Föhre – zum 70. Schweizer Friedwald erklärt. Ab sofort können 72 markierte Bäume als letzte Ruhestätte für verstorbene Menschen erworben werden, gegen einen Unkostenbeitrag von 4900 Franken und befristet auf 99 Jahre. Wer nicht innerhalb von Friedhofsmauern bestattet werden will, reserviert für sich, aber auch für beliebig viele Familienangehörige, einen Baum, in dessen Wurzelwerk dereinst die eingeäscherten Überreste verstreut werden. Zu nah am Dorf für Gemeinderat Der amtliche Vorgang auf dem Küsnachter Grundbuchamt ist der letzte Akt eines umstrittenen Verfahrens; die Vorgeschichte des jüngsten Friedwaldes verlief alles andere als friedlich. Als der Küsnachter Gemeinderat Ende November über das Projekt orientiert und zu einer Stellungnahme eingeladen wurde, «waren wir klar dagegen», erinnert sich Gemeindepräsident Max Baumgartner. «Wir sind der Meinung, dass der Wald zu nahe am Siedlungsgebiet liegt», ergänzt Gemeindeschreiber Peter Wettstein. «Ausserdem handelt es sich um einen Erholungsraum.» Die Kommunalpolitik durfte zwar protestieren, die Entscheidungskompetenz lag jedoch beim kantonalen Forstamt – und das schlug die Küsnachter Bedenken in den Wind. «Die Zufahrtswege sind vorhanden, und es ist weder ein Natur- noch ein Wildschutzgebiet beeinträchtigt», begründet Res Guggisberg, der zuständige Kreisförster, den Entscheid. «Damit sind die gesetzlichen Auflagen erfüllt; wir konnten gar nicht anders als positiv entscheiden. Zudem zeigt die Erfahrung mit anderen Wäldern, dass die meisten Menschen, die hier joggen oder spazieren, gar nicht wissen, wo sie sich vergnügen – nämlich in einem Friedwald.»Bei «allem Verständnis für die behördlichen Bedenken» sieht auch Pfarrer Bianca kein Argument, das gegen den Friedwald spricht: «Die Lebenden, die am Rumensee grillieren wollen, und die Verstorbenen, die im Wald auf der anderen Strassenseite ruhen, kommen einander nicht in die Quere – im Gegenteil: Es gibt zwar eine Nähe, aber auch eine deutliche Abtrennung.»Klerikalen Kritikern wie dem deutschen Bischof Gebhard Fürst, der in Friedwäldern «neuheidnische Naturvergötzung» argwöhnt, hält der Küsnachter Pfarrer – er ist vor wenigen Monaten knapp nicht zum Zürcher Kirchenratspräsidenten gewählt worden – entgegen: «Die Natur steht am Anfang des Lebens und an dessen Ende, so steht es in der Schöpfungsgeschichte; und wenn die Menschen vermehrt das Bedürfnis haben, ihre letzte Ruhe draussen in der Natur zu suchen, dann sind sie ganz nah bei der Bibel. Diesem Trend müssen wir Theologen Rechnung tragen; wir dürfen dieses wichtige Feld nicht irgendwelchen privaten Ritualanbietern überlassen.» Kirche bleibt im Wald Bianca und Sauter haben bei ihrer Waldbegehung jene Stelle erreicht, wo ein mächtiger Stein neben den Überresten uralter Mauern steht, die den Weg kreuzen. «Das müssten die Fundamente einer spätmittelalterlichen Kapelle sein, die der heiligen Anna geweiht war», mutmasst der Pfarrer – und lächelt: «Somit bleibt die Kirche im Wald!» Im Wald wollen auch dessen Besitzer bleiben. Jakob Weber, Präsident der Korporation und Mitunterzeichner des Friedwald-Vertrags, denkt mit seinen 89 Jahren an eine Zukunft, die jenseits des irdischen Lebens wartet: «Er will», sagt Vorstandskollege Peter Fietz, «wie viele der Waldbesitzer, die mehrheitlich die 80er-Grenze überschritten haben, dereinst in den Wurzeln der Bäume bestattet werden – und im eigenen Wald weiterleben.» So muss das wohl auch jene Dame gesehen haben, die noch am Tag vor der amtlichen Absegnung des Küsnachter Friedwaldes einen der schönsten Bäume gesichert hat. Die Asche ihrer kürzlich verstorbenen Mutter wird bald das Wurzelwerk nähren – und dem Baum Lebenskraft geben. Der Gedanke, nach dem Tod auf einem Friedhof beerdigt zu werden, behagt immer weniger Menschen. Der Thurgauer Ueli Sauter hat diesen Trend bereits vor Jahren erkannt. 1993 gründete er die Friedwald GmbH, die heute in der Schweiz über 60 Waldfriedhöfe mit rund 2000 Bäumen betreibt. Im neusten in Küsnacht liegt der Preis für den günstigsten Baum bei rund 5000 Franken. Die Friedwald GmbH betreibt nun zusammen mit den Ablegern in Zumikon und auf dem Pfannenstiel drei Waldfriedhöfe in der Region. Dieser Erfolg ist auch der Konkurrenz nicht verborgen geblieben: Vor zwei Monaten gab die Firma Waldesruh GmbH die Eröffnung eines Waldfriedhofs in Stäfa bekannt. Das Geschäft mit den Naturfriedhöfen stösst aber nicht überall auf Gegenliebe. Als Ueli Sauter vor vier Jahren einen Friedwald in Männedorf ins Leben rufen wollte, blitzte er vor der örtlichen Waldkorporation ab. Man wolle nicht, dass sich ein Privater am Tod bereichere, begründete die Korporation den Entscheid. Von den 5000 Franken, die ein durchschnittlicher Baum koste, komme nämlich nur ein kleiner Teil der Waldkorporation zugute. Kaum Bedarf in Männedorf Ganz aufgeben wollten die Männedörfler das Projekt aber nicht. So schlug die Waldkorporation den Behörden vor, ihnen eine Waldparzelle zur Verfügung zu stellen, um darauf einen öffentlichen Waldfriedhof zu bewirtschaften. Aber auch dieses Projekt ist vor kurzem wieder in die Schublade gewandert. «In Männedorf gibt es schlicht keine Nachfrage dafür», erklärt Friedhofsvorstand Rolf Baumann. So habe es in den letzten Jahren lediglich drei Bestattungen in einem Waldfriedhof gegeben. «Die meisten Männedörfler sind mit einem günstigen Grab auf dem Friedhof zufrieden», sagt Baumann. «Oder die Angehörigen verstreuen die Asche ihrer Toten selbst.» (js) Gründer Ueli Sauter vor einem der bereits reservierten Bäume im Küsnachter Friedwald. Foto: Sabine Rock

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