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Von «SF bi de Lüt» an die Spitze der reformierten Kirche

Überraschung in der Synode: Sie hat Michel Müller zum neuen Zürcher Kirchenratspräsidenten gewählt.

Von Michael Meier Zürich – Der Thalwiler Pfarrer Michel Müller siegte im vierten Wahlgang ganz knapp gegen Marco Bianca aus Küsnacht mit 84 gegen 80 Stimmen. Kirchenrat Bianca galt als Hauptfavorit und erhielt im ersten Wahlgang von den 167 Synodalen die meisten Stimmen, verlor dann aber zusehends an Müller. Im dritten Wahlgang ausgeschieden ist Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist, der mit 51 Stimmen Müller (59 Stimmen) und Bianca (57 Stimmen) unterlag. Der durch seine Projekte für Randständige bekannt gewordene Sigrist war der einzige Kandidat, der weder im Kirchenrat noch in der Synode sitzt – und Mitte Februar von einer interfraktionellen Wählervereinigung nachnominiert wurde. Die Synode musste den Nachfolger des im Oktober krankheitshalber zurückgetretenen Kirchenratspräsidenten Ruedi Reich wählen und verabschiedete diesen zusammen mit Regierungsrat Markus Notter an der gestrigen Sitzung. Der 47-jährige Müller, der als Synodale nicht in den Ausstand treten musste und als einziger Kandidat für sich selber stimmen konnte, bat nach dem knappen Mehrheitsentscheid alle Synodalen, die Wahl zu akzeptieren und ihm Vertrauen entgegenzubringen. Ausserhalb der Synode ist der dreifache Familienvater erst seit kurzem bekannt, seit seinen fünf Auftritten in der TV-Sendung «SF bi de Lüt», in der er mit seiner Frau vor laufender Kamera den Eheberater konsultierte. Von den Frommen gewählt Für die meisten Synodalen kam der Ausgang der Wahl überraschend, weil allgemein ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Bianca und Sigrist vorausgesagt wurde. So meinte Pfarrer Matthias Reuter in einer Erklärung der religiös-sozialen Fraktion unmittelbar vor der Wahl, dass sich diese mit gleich vielen Stimmen für Bianca und Sigrist und erst mit grossem Abstand für Müller ausgesprochen hätte. Reuter sprach von einer Persönlichkeitswahl, die eben keine Fraktionswahl sei. Offenbar aber brachten die vier Fraktionen der Synode ihre Interessen doch ins Spiel. Die grosse Fraktion des Synodalvereins war vor der Wahl noch gespalten, hielt letztlich dann doch zu ihrem Präsidenten Michel Müller. Und die evangelisch-kirchliche Fraktion, auch die Fraktion der Frommen genannt, hatte klar eine Empfehlung für Müller abgegeben. Gegen die eigene Beteuerung spielte doch der Umstand eine Rolle, dass dieser in einer intakten Familie lebt – im Unterschied zum geschiedenen Bianca. Der bitter enttäuschte Bianca will sich nun überlegen, ob er noch in der kirchlichen Exekutive des Kirchenrats bleiben will. Er verstehe sich als Kirchenmann der Mitte, der gerne eine Brücken zwischen Tradition und Innovation, zwischen Kirchenmitgliedern und -fernen geschlagen hätte. Christoph Sigrist sei mit seinen Projekten für Sans-Papiers oder Obdachlose an der Peripherie der Kirche für Minderheiten engagiert. Gesiegt aber habe der Pfarrer mit dem konventionellsten Profil. Der Wipkinger Pfarrer Roland Diethelm von der religiös-sozialen Fraktion zeigte sich über die Wahl überrascht. Im Vorfeld habe man gedacht, dass Müller die schlechtesten Aussichten habe. Die breite Zustimmung habe er wohl durch seine Arbeit in der Synode erreicht, obwohl er keine Exekutiverfahrung habe. Für Diethelm hatten die Wahlen etwas Narzisstisches: «Es ist vor allem um Persönlichkeiten gegangen, aber niemand hat ein Programm vorgestellt.» Der aktuelle Kirchenrat sei eh in Gefahr, zu wenig mutig Inhalte umzusetzen. Pfarrer Kurt Gautschi von der interfraktionellen Wählervereinigung, die Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist portiert hatte, machte keinen Hehl aus seiner Enttäuschung. Die Synode habe die Tragweite der Wahl offenbar nicht erkannt und den profiliertesten Kandidaten, Sigrist eben, nicht gewählt. «Das ist typisch schweizerisch und reformiert: Ja niemanden wählen, der einen Kopf grösser ist als die anderen, der Visionen hat und das Mittelmass sprengt. Ja niemanden wählen, der viel Profil und Innovationskraft zeigt.» Statt auf einen Mann mit Ausstrahlung zu setzen, habe die Synode die Fraktionsinteressen gewahrt. Die evangelisch-kirchliche Fraktion wolle einen schwachen Präsidenten, dem sie demonstrieren könne, dass sie es besser wisse. Mit Müllers Wahl will das Kirchenparlament laut Gautschi auch das konservative Familienidyll konservieren. «Das ist typisch schweizerisch und reformiert: Ja niemanden wählen, der das Mittelmass sprengt.» Pfarrer Kurt Gautschi Er stach die Favoriten aus: Kirchenratspräsident Michel Müller (47).Foto: Sophie Stieger

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