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Voll halbnackt

Die kleine Geschichte Wie Barcelona seine freizügigen Touristen zu erziehen sucht – auf die harte Tour. Der Mensch hat ja eine eigentümliche, fast obsessive Art, sich vestimentär mitzuteilen. Machen nicht Kleider Leute? Muss nicht jeder Fahnen als Statement herhalten? Nun gibt es aber auch Menschen, die viel von ihrer baren Blösse spazieren tragen, zuweilen entschieden zu viel, und zwar selbst da, wo der gesellschaftliche Kanon eine gewisse Bedeckung vorsieht: in grossen und geschäftigen Innenstädten zum Beispiel. Barcelona hat sich über die letzten Jahre dermassen und im Crescendo geärgert über allzu nackige Touristen im Stadtbild, dass es die Nackigkeit ausserhalb des Perimeters seiner Strände seit einem Monat gesetzlich untersagt – und im Härtefall unter Strafe gestellt. 120 bis 300 Euro Busse gibt es für den unbelehrbaren Gang durch die Altstadt im Bikini. 300 bis 500 Euro für totale Nacktheit, was auch schon vorgekommen sein soll. Die Guardia Urbana, die Stadtpolizei, hat nun die ersten Zahlen publiziert. 147 Menschen wurden im ersten Monat wegen ihrer tuchlichen Knappheit angehalten, verwarnt und aufgefordert, sich umgehend dezent zu kleiden. 15 wurden gebüsst, nachdem sie sich geweigert hatten, der Forderung zu folgen. Denn ja, Barcelona geht es um Dezenz – um einen minimalen Standard davon. Leider gibt die Polizei keine näheren Informationen bekannt über die Nationalität der Freizügigen, über deren Geschlecht und über den Grad der geahndeten Nacktheit. Es wäre schöner Stoff für Hobbysoziologen.Aus Erfahrung dürften aber die männlichen britischen Touristen, die jeweils gegen Wochenende mit einer der allenthalben bekannten Billigairlines in Barcelona einfallen, nicht untervertreten sein. Man erkennt sie in der Regel am Bier in der Hand, am bunten Strandtuch über der rosa angebratenen Schulter, an erstaunlich fantasievoll bedruckten Badehosen, in Gruppen. Sie stehen nie weit weg von einem Pub bei der Rambla, wo zu ihrer hellen Begeisterung meist die Übertragung eines Fussballspiels der Güte Bolton Wanderers vs. Wigan Athletic gegeben wird.Viel Haut zeigen auch die russischen Männer (und nicht selten deren Frauen), die Polen und Skandinavier, denen Barcelona und die Strände von Barceloneta wie ein urbaner Fortsatz der Costa Brava vorkommen müssen. Nicht erst im Sommer, wenn sich Schwüle auf die Stadt legt. Schon im Frühling drängt es sehnsüchtige Nordländer, plötzlich erfüllt von mediterranem Lebensgefühl, zur Entblössung, was das Stadtbild ja nicht immer verschönert. Oft gar eher im Gegenteil. Bemüht freizügig geben sich auch Menschen, die sich an ungewöhnlichen Stellen am Körper tätowieren liessen und keine Möglichkeit verpassen, Sterne am Bauchnabel und Geweihe am Hintern zu offenbaren. Ungefragt.Es gibt in Barcelona Bürgerbewegungen und Quartiervereine, die für eine Restauration der Kleidersitten im städtischen Alltag kämpfen, etwa so, wie sich andere für ein Verbot der Ganzkörperverschleierung einsetzen. Und es gibt Lokalpolitiker, die keine Polemik zu überdrehtem Prohibitionismus scheuen, um die werte Wählerschaft bei Laune zu halten. Im letzten Jahr hatte es die Stadtverwaltung mit pädagogischen Massnahmen versucht, hatte grosse Plakate an die Mauern der Altstadt geklebt: Darauf sah man ein Paar in Badekleidung, rot durchgestrichen. Das brachte nichts, wie nicht anders zu erwarten gewesen war. Bussen aber muten verzweifelt an, auch etwas peinlich. Der Tourist ist König, gerade in der Wirtschaftskrise – auch halbnackt. Oliver Meiler, Barcelona Bildlegende. Foto: Vorname Name, Agentur

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