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Stein im Bett

Pascal Mösli

Meine beiden älteren Kinder sammeln Steine. Überall. Auf Kieswegen, im Wald, in der Stadt zwischen Häusern und in Vorgärten. Sie halten sie triumphierend hoch, packen sie ein, legen sie unbemerkt in meine Tasche, damit ich sie für sie nach Hause schleppe – und zu Hause stapeln sich die Steine in ihrem Zimmer, auf allen Fenstersimsen, manchmal in meinen Schuhen, im Kühlschrank und im Bett unter dem Kissen. Kleine, graue, leichte Steine, manchmal mit scharfen Kanten, manchmal schmiegsam weich, rote, gelbe, schwarze, schwere Steine. Sie tun das seit Monaten, und so liegen sicher hundert Steine in unserer Wohnung herum. Am Anfang fand ich es lustig und aufregend, wenn sie mir immer wieder Steine wie Jagdtrophäen vorführten, kein Stein war wie der andere, und wenn man sie lange genug betrachtete, schien jeder sein eigenes Geheimnis zu haben. Später habe ich mich manchmal genervt, wenn wieder die halbe Tasche voller Steine war und ich nicht wusste, wo ich sie jetzt noch hinlegen sollte. Heute finde ich ihre Hartnäckigkeit beeindruckend, wie sie Steine an Orten finden, wo ich keine vermutete, und sie manchmal meine eilenden Schritte unterbrechen, weil sie völlig selbstvergessen den vor ihnen liegenden Stein betrachten und sich nicht entscheiden können, ob sie ihn liegen lassen oder mitnehmen wollen. Als ich den Stein unter meinem Kissen fand, kam mir eine Szene aus dem Leben von Jakob in den Sinn. Von Jakob wird im ersten Buch der Bibel erzählt, von seinem Betrug, seiner Flucht, den Jahren in der Fremde, von seinen Kämpfen und Verletzungen und dem Segen, den er auf seinem Weg erfährt. Als er alleine auf der Flucht ist und die Nacht hereinbricht, nimmt er einen Stein des Orts, legt ihn wie ein Kissen unter seinen Kopf und schläft ein. Da träumte er, wie «eine Leiter auf der Erde stand, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder». Jakob erlebte die grosse Vision seines Lebens, indem Gott ihm begegnete, der aus dem betrügerischen jungen Mann den Vater eines grossen Volkes werden liess. Spätere Generationen erinnern sich bis heute an den Stein, auf den sich Jakob in jener Nacht gelegt hatte und der ihm jenen Moment bescherte, in dem der Himmel offen war. Und sie erinnern sich daran, dass die himmlischen Visionen ganz unten auf der Erde entstehen, wenn wir unterwegs sind und im Kontakt mit der Erde und den Steinen, die uns tragen. Daran dachte ich, als ich den Stein unter meinem Kopfkissen fand, dass meine Kinder mir den Weg pflastern, damit ich in den Himmel schaue. Ich sehe heute, wenn ich unterwegs bin, an den unglaublichsten Orten viele, geheimnisvolle Steine, und ja wirklich, jeder ist ganz anders, wie ein einmaliges Gedicht des Universums. >

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