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Seelenfrieden im Steinenbachtal

Ruhig ist es auf dem Heurütihof. Ausser dem Blöken der Schafe herrscht hier Stille. Brigitta Zbinden und Müffel Gaberthüel leben seit 24 Jahren in der Abgeschiedenheit.

Serie Besondere Orte im Zürcher Oberland, Teil 4 Während des Sommers besuchen Journalisten des «Tages-Anzeigers» in loser Folge besondere Orte im Oberland. Das können historische Orte sein, aber auch solche, wo sich ein auffälliges Haus oder ein spezieller Baum befindet. Bisher erschienen sind die Bluetmatt in Nänikon, das Rebhäuschen in Greifensee sowie der Franzosengraben in Volketswil. (TA) Von Fabienne Riklin Sternenberg – «Paco, Kopf nach links zur Kamera», sagt Müffel Gaberthüel mit dunkler, ruhiger Stimme. Brav guckt Paco mit seinen grossen Augen in die Linse – nur die Ohren sind noch in Bewegung. Normalerweise lebt der 16-jährige Lamahengst nicht in der Stube des Heurütihofs, doch er gehört zur Familie und deshalb auch mit aufs Foto. Der Hof liegt im immer enger werdenden Steinenbachtal zwischen Schmidrüti und Sternenberg: ruhig, besinnlich und doch unheimlich nah am Leben. Brigitta Zbinden und Müffel Gaberthüel leben seit 24 Jahren dort. «Wir haben lange nach einem passenden Hof gesucht und hier unseren Traum verwirklicht», sagt Brigitta – hier werden alle beim Vornamen genannt. Sie ist Sozialpädagogin und Müffel Künstler, Fotograf, Schäfer und Lamazüchter. Seine künstlerische Ader fliesst oft in die Bauernarbeit mit ein. So mäht er Zeichnungen in die Naturschutzwiese – derzeit sind übergrosse Insekten, Reptilien und Vögel zu sehen. Für den Schutz des Kleintierlebensraums ist es Pflicht, bis zu 10 Prozent der Naturschutzwiese stehen zu lassen. «Warum soll es nur ein Quadrat und keine Zeichnung sein?», sagt Müffel schmunzelnd. An diesem regnerischen Tag ist es wohlig warm in der Stube des Hauses. Eine moderne Küche trifft dort auf einen Ofen aus dem Jahr 1799. Es riecht nach Kaffee. Vom Duft angezogen, gesellt sich auch Brigitte Bättig in die Runde. Sie ist eine der Ferien- und Wochenendgäste mit geistiger Behinderung, die auf dem Heurütihof ihre Freitage verbringt. Damit eine familiäre Atmosphäre entsteht, nehmen Brigitta und Müffel höchstens drei Personen auf einmal auf. Wohlfühltage für Behinderte Für die Menschen mit geistiger Behinderung ist der Hof eine Erholungs- und Begegnungsstätte. «Wir schenken ihnen hier die Aufmerksamkeit, die sie in Heimen nicht auf solche Art und Weise erleben können», erzählt Brigitta. Auf dem Heurütihof können sie wünschen, was es zu essen gibt, ob das Frühstück ans Bett gebracht wird, und sich im Garten sonnen. Die Sozialpädagogin, die früher selbst in Heimen gearbeitet hat, macht die Erfahrung, dass die Behinderten bereits nach wenigen Tagen auf dem Hof mit gestärktem Selbstvertrauen in ihren Alltag zurückkehren. Aber auch die Idylle macht Arbeit. 26 Hektaren Wiesenland und 14 Hektaren Wald gilt es zu bewirtschaften. Und das bei Hängen, die meistens über 35 Grad steil sind und sich zwischen 740 und 915 Meter über Meer verteilen. Daher dauern die Arbeitstage im Sommer mehr als 14 Stunden. «Auch wenn ich müde ins Bett falle, ist das für mich Lebensqualität», sagt Müffel, und seine Partnerin bezeichnet das Leben und die Ruhe hier als Luxus. «Andere brauchen die Sicht auf einen See, ich den Blick in die Hügel und Berge.» Die Strasse vom Sternenberg hinunter zum Hof ist sehr schmal und steil. Im Winter gibt es Tage, wo Zbinden wegen des Schnees nicht fährt. «Ich gehe aber immer», sagt Müffel und lacht. Er ist von kräftiger Statur und trägt seine grau melierten Haare zu einem Zopf geflochten. Während zweier Monate taucht dann der Heurütihof in einen Winterschlaf. Denn während dieser Zeit kommt kein Sonnenstrahl auf den Hof. «Umso intensiver ist danach immer wieder der Frühling mit dem neu erwachenden Leben», sagt Brigitta. «Wolltiere fazinieren mich» Gemeinsam haben Brigitta und Müffel sich zum Ziel gesetzt, das Kulturland zu erhalten und Landschaftsschutz zu betreiben. Seit 1991 ist der Hof mit der Bio-Suisse-Knospe zertifiziert. Müffel betreibt aber keinen herkömmlichen Milchbauernhof, sondern züchtet Ostfriesische Milchschafe und Lamas. Sein erstes Lamapaar erhielt er 1990 auf einen runden Geburtstag von Freunden geschenkt. Heute hält er etwa 30 Lamas. Mit ihren weichen Schwielensohlen – wie Lederballen – erklimmen sie auch steile Hänge und richten dabei, anders als Rinder, kaum Flurschäden an. Doch warum Lamas und Milchschafe? «Wolltiere haben mich schon als Kind fasziniert», sagt der Bergbauer. Erste Erfahrung hat er als Älper mit Rindvieh und Schafen gesammelt. Später wurde er sesshaft und baute mit seiner Lebenspartnerin seine eigene Milchschafzucht auf. «Früher habe ich nur auf der Alp die Tannen rauschen gehört, heute begleitet mich dieser Klang auf dem Heurütihof», sagt Müffel. Hier haben Brigitta und Müffel den Ort gefunden, wo sie beide ihrer Tätigkeit nachgehen können, den Partner in der seinen unterstützen und trotzdem die Idylle nicht verlassen müssen. Lamahengst Paco posiert gerne mit Bauer Müffel, Brigitta und Brigitte (v. r.) auf einem Foto – dafür kommt er gar in die Stube des Heurütihofs. Foto: David Baer

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