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Ohne Frauen lief nichts mehr

Schon zwei Tage vor Kriegsbeginn im September vor 70 Jahren musste die Bauernfamilie der damals 14-jährigen Greti Morgenthaler-Wegmüller aus Ursenbach im Oberaargau Vater, Knecht und Pferd hergeben. Fortan brachten die Frauen den Hof über die Runden. Ihr Alltagskampf war heroischer als derjenige der Soldaten im Reduit.

«Die letzten Tage vor dem Kriegsausbruch 1939 waren in der Schweiz nummeriert. Den 30.August nannte man den nullten Mobilmachungstag, den 31.August den ersten und den 1.September, an dem der Krieg in Polen begann, den zweiten Mobilmachungstag. Ich war damals 14 Jahre alt. Ich habe diese Tage nie vergessen. Die Mobilmachung ging uns unter die Haut. Wir waren mitten in der Arbeit auf dem Feld, als wir am nullten Mobilmachungstag am Nachmittag um drei Uhr plötzlich ohne Vater, ohne Knecht und ohne Pferd dastanden. Es war wie ein Schock. Der Vater ist plötzlich weg Um halb eins verkündeten sie im Radio nach dem Abspielen eines Militärmarschs die Generalmobilmachung. Die Wehrmänner wurden angewiesen, einen im Dienstbüchlein eingeklebten Zettel zu lesen. Dort stand, unser Vater müsse um vier Uhr in Burgdorf sein. Wir fragten bei Nachbarn herum, was zu tun sei. Meldefahrer waren im Dorf mit dem Velo unterwegs, Telefone gab es noch kaum. So erfuhren wir, die Wehrmänner müssten um drei Uhr auf dem Dorfplatz sein. Autos würden sie dann nach Burgdorf bringen. Wir konnten den Vater nicht einmal auf den Dorfplatz begleiten, wir hatten auf dem Hof alle Hände voll zu tun. Als er ging, weinten wir das lautere Wasser. Wir wussten nicht, wie lange er weg sein würde, ob er wiederkommen würde. Es hiess bloss: Einrücken, es ist Krieg. Krieg war das Wort, das sie brauchten. Später erzählte der Vater, bei der Besammlung der Soldaten im Burgdorfer Schachen sei aufgeregtes Gerede aufgekommen, wozu man überhaupt aufgeboten werde. Als dann der Befehl erfolgte, das Gewehr scharf zu laden, sei es mucksmäuschenstill geworden. Der Vater war monatelang weg. Ab und zu schrieb er einen Gruss. Später, als wir ein Telefon hatten, rief er an. Urlaub erhielt er jeweils nur für zwei, drei Tage. In den ersten Kriegsjahren war er ein abwesender Vater. Nach dem Knecht das Pferd Kaum war an jenem nullten Mobilmachungstag der Vater weg, holte die Polizei am Nachmittag auch unseren Knecht. Wir wehrten uns erst, das gehe nicht, er müsse bleiben. Aber wir Frauen konnten uns nicht durchsetzen. Der Knecht wurde auf einem grossen Hof benötigt, um seinen Vater zu ersetzen, der ebenfalls einrücken musste. Am gleichen Nachmittag holten sie auch noch unser einziges Pferd. Es war ein ‹Bündeler›. So nannte man vom Bund subventionierte Pferde. Sie wurden alle eingezogen für militärische Zwecke. Zum Glück war das Pferd unseres Nachbarn schon so alt, dass er es behalten durfte. Für schwere Arbeiten auf dem Hof konnten wir es ausleihen. Frauen auf sich gestellt Vom ersten Abend an half uns der Nachbar beim Melken. Von uns Frauen konnte keine melken. Wir hatten acht Kühe. Am Abend mussten wir für das Futter des nächsten Tag grasen. Das Mähen und Aufladen ging gut. Aber wie sollten wir das Fuder, das sonst das Pferd zog, nach Hause bringen? Die Mutter schlug vor, zwei Kühe vorzuspannen. Wir hatten noch altes Kuhzaumzeug. Die Kühe zum Fuder zu treiben kostete schon viel Kraft. Die unerfahrenen Tiere hatten keine Ahnung vom Ziehen und wollten sich nicht einspannen lassen. Wenn die eine Kuh vorwärts wollte, sträubte sich die andere. Erst mit der Zeit lernten sie, das Fuder zu ziehen. Es blieb immer sehr schwierig. Wir Frauen und Mädchen übernahmen nun alle Arbeit, die sonst die Männer verrichteten. Zum Glück konnten wir meine zwei Jahre ältere Schwester aus dem Welschlandjahr zurückholen. Wir waren zu fünft: die Mutter, die Schwester, der kleine Bruder, eine Jumpfer und ich, das Schulmädchen. Wenigstens waren das Getreide und das Heu schon eingebracht. Aber im Herbst mussten wir nun die Kartoffeln und Zuckerrüben ernten und das Getreide fürs nächste Jahr säen. Frauen und Männer, die nicht einrücken mussten, halfen uns. Das Dorf rückte in dieser Zeit näher zusammen. Nur noch halbtags Schule Als die Rationierung der Lebensmittel verfügt wurde, staunte ich, wie gross unsere Verwandtschaft war. Entfernteste Verwandte kamen plötzlich auf Besuch und wollten uns Mehl und Eier abkaufen. Das galt aber als Schwarzhandel und war verboten. Die Verwandten waren manchmal enttäuscht, wenn wir nichts herausrücken wollten. Aber wir mussten die Lebensmittel an Sammelstellen verkaufen. Man sollte meinen, dass wir Bauern wenigstens genug Mehl zum Brotbacken hatten. Aber selbst das Getreide mussten wir zur Mühle bringen, wo uns dann unsere Mehlration berechnet wurde. Ich ging damals in Kleindietwil in die achte Klasse der Sekundarschule. In der siebten Klasse wäre eigentlich eine zweitägige Schulreise Brauch gewesen. Der Lehrer aber verschob sie und sagte: Wir machen nächstes Jahre eine dreitägige und gehen dann an die Landesausstellung nach Zürich. Im April reservierte er schon eine Unterkunft in Zürich. Genau an unseren drei Schulreisetagen war dann die Mobilmachung, und unsere Schulreise fiel ins Wasser. Wir hatten reduzierten Schulbetrieb, weil gleich zwei unserer Lehrer einrücken mussten. Zwei Klassen hatten jeweils am Morgen, die anderen zwei jeweils am Nachmittag Schule. Die Polen kommen An einem Regentag im Juni 1940 kursierte die Nachricht, dass Polen zu uns kommen. Die Lehrer gaben uns frei. Es war ein wahnsinniges Ereignis: Die lange Einerkolonne der polnischen Soldaten, die mit ihren Araberpferden in unser Dorf einzogen. Wir schauten sie mit grossen Augen an. Sie sahen gedemütigt aus, und dennoch beeindruckten sie uns. Wir Oberschulmädchen bewunderten die Uniformen der Wachtmeister und Offiziere. Es waren schöne Männer darunter, die uns gut gefielen. Sie waren im Elsass zusammen mit französischen Truppen vor den Deutschen in die Schweiz geflohen und wurden nun in unseren Dörfern interniert. Erst kamen uns die Polen fremd vor. Sie wussten fast nicht wohin mit ihrer Kraft, Energie und aufgestauten Arbeitswut. Einige waren raffiniert und versuchten auf jede mögliche Art zu etwas Geld zu kommen. Dem Kohlenhändler konnten sie gesammelte Tannzapfen verkaufen. Sie spritzten sie noch mit Wasser, damit die Zapfen schwerer wurden und sie so mehr verdienten. Aber der Kohlenhändler liess sich nicht hereinlegen. Im Kompaniebüro konnte man Polen anfordern, die einem tageweise bei der Arbeit halfen. Das entlastete uns in dieser schweren Zeit, in der unsere Männer abwesend waren. Bei uns waren viele Polen auf dem Hof. Am Mittag assen sie bei uns, abends aufs Hauptverlesen mussten sie zurück in die Unterkunft. Einige Polen waren fleissig und baten, dass man sie wieder aufbiete. Man verständigte sich auf Französisch, weil die Polen ja vorher in Frankreich gewesen waren. Einer der Polen spielte bei uns auf dem Klavier jeweils wunderbar Wiener Walzer. Mit einigen Polen hielten wir jahrelang den Kontakt. Als die Polen 1941 an einen anderen Ort gingen, wurden sie von einigen vermisst. Lieb und Leid Es gab Liebesgeschichten zwischen Polen und jungen Frauen aus den Dörfern. Die Heerespolizei wollte das verhindern und befragte dann die jungen Frauen. Eine konnte sich zwar nicht an den Namen eines Polen erinnern, aber dafür auf die Initialen NB auf seinen Unterhosen. Die Heerespolizei suchte auf den Mannschaftslisten erfolglos einen Polen mit den Initialen NB. Es stellte sich dann heraus, dass es die Abkürzung der Unterhosenmarke war. Die Schweizer Soldaten bewachten die Polen streng und schritten ein, wenn sie mit Mädchen herumstanden und flirteten. Meine Schwester ging an einem Samstag mit dem Bruder in den Wald, um Beeren zu lesen. Schweizer Soldaten näherten sich und umzingelten sie. Die Soldaten hatten durch den Feldstecher die zwei im Wald gesehen und gedacht, es sei ein Mädchen mit einem Polen. Dabei war es unser Bruder gewesen. Einige Soldaten ärgerten sich, weil sie wegen des Vorfalls länger auf der Wache bleiben mussten. Aber andere lachten darüber. Es gab auch tragische Geschichten. Als ich am Radio aus meinen Erinnerungen vorlas, meldete sich bei mir eine in der Gegend geborene Frau, die verzweifelt herauszufinden versuchte, ob sie das Kind eines schweizerischen oder eines polnischen Vaters war. Traurige Nachrichten Wir achteten darauf, dass immer eines aus der Familie die Nachrichten im Radio hören konnte, um den anderen, die an der Arbeit waren, zu berichten, was Neues passiert war. Manchmal sprach Hitler im Radio. Ich dachte jeweils, dass das ein schlimmer Mensch sein müsse. Man hörte heraus, dass er einer ist, der nichts fürchtet. Man hatte Angst vor den Deutschen und ihrem brutalen Vorgehen. Alle sagten: Wenn sie nur nicht in die Schweiz kommen. Vor allem bei der zweiten Mobilmachung im Sommer 1940 war die Furcht gross, dass die Deutschen einmarschieren würden. Dass die Deutschen den Krieg verlieren würden, hat man wirklich erst gegen das Ende des Krieges geglaubt. Ich erinnere mich an die Nachricht über die irrtümliche Bombardierung Schaffhausens. Damals hörte man nachts das Furcht erregende Brummen der amerikanischen Bomber, die nach Deutschland unterwegs waren. Ich dachte jeweils, zum Glück ist alles verdunkelt, dann sehen sie unser Haus nicht. Unsere Lieblingssendung kam abends um neun Uhr auf Radio Belgrad. Wir nannten sie die ‹Lili-Marleen-Sendung›, weil am Anfang immer das gleichnamige Soldatenlied abgespielt wurde. Dann konnten deutsche Soldaten von allen Kriegsschauplätzen Grüsse und Lebenszeichen durchgeben. Immer wieder kamen uns beim Zuhören die Tränen über die armen Soldaten. Alle hörten wir die Sendung und tauschten uns darüber aus. Fehler in TV-Sendung Als ich in der TV-Sendung «Alpenfestung – Leben im Réduit» kürzlich die Männer in den alten Uniformen sah, habe ich zuerst gestrahlt. Auch mein Vater und mein Mann trugen diese Uniformen mit den Stehkragen. Das kam mir so heimelig vor. Ich liess mich gern in die Vergan-genheit zurückversetzen. Dann störte mich zusehends, dass in der Sendung Altes und Neues durcheinandergemischt wurde. Da kamen Dinge vor, die es damals noch gar nicht gab. Die Fernsehbauern tischten zwei Frauen im Landdienst etwa Züpfe auf. Um Himmels willen! Züpfe war ein Luxusprodukt, das damals keiner bekam. In der Bäckerei, in der ich aushalf, durften wir das dunkle Brot erst verkaufen, wenn es zwei Tage alt war. Und zu Hause raffelten wir noch Kartoffeln ins Mehl fürs Brot. Einmal sangen sie in der TV-Sendung «Happy birthday». Im Dorf hatten damals die meisten noch nie ein Wort Englisch gehört. In der TV-Sendung wurde auch ein Zaun mitsamt einem elektrischen Viehhüter gebaut. Ich habe mich extra erkundigt: In Ursenbach wurde der erste elektrische Zaun erst im Jahr 1954 installiert. So wie die Fernsehbäuerinnen gemütlich ein paar Kartoffeln ausgruben und mit der Sense herumhantierten, wären sie fast verhungert. Der Arbeitsalltag war viel härter. Die Sendung lieferte ein falsches Bild der Kriegszeit. Vielleicht auch dadurch, dass das Hauptgewicht auf den Soldaten lag. Mein Vater hatte immer grosses Mitleid mit uns zu Hause. Er wusste, dass wir hart arbeiteten und finanzielle Engpässe hatten, während er im Baselbiet ein paar Strässchen bauen half. Nichts gewusst vom Reduit Von der Strategie des Reduits habe ich erst nach dem Krieg gehört. Wir gingen immer davon aus, dass wir Frauen, Kinder und Alte im Falle eines Einmarschs den Deutschen ausgeliefert sein würden. Natürlich störte uns das, aber was hätten wir anderes gewollt. Die Männer waren im Militär, und wir waren zu Hause. Wir wussten, dass Brücken gesprengt worden wären, um den Vormarsch der Deutschen aufzuhalten. Wir hofften auch, dass den Deutschen bewusst war, dass die Schweizer Armee gut ausgerüstet sei. Aber wenn Hitler gewollt hätte, hätte er die Schweiz über Nacht überfallen. Selbst wenn der Schweizer Widerstand gross gewesen wäre, hätte die Schweiz gegen die Deutschen keine Chance gehabt. Dafür wäre sie zu klein gewe-sen.» Greti Morgenthaler-WegmüllerAufzeichnung: Stefan von Bergen, Leiter «Zeitpunkt». >

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