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Meister ohne Pomp und Posen

Erfrischend eigensinnig: Der finnische Pianist Henri Sigfridsson beugte sich an den Murten Classics über Griegs Klavierkonzert.

Henri Sigfridsson ist kein Tastenlöwe. Wo andere mit dicken Ausrufezeichen aufwarten, setzt der finnische Pianist lieber einen gut durchdachten Strichpunkt. Dem Starrummel im Klassikbetrieb begegnet der 35-Jährige mit augenzwinkernder Nachsicht. Geschadet hat es ihm nicht: Spätestens seit 2005, als er beim Beethoven-Wettbewerb in Bonn abräumte, ist Sigfridsson ein gefragter Mann. Dass er an den Murten Classics gleich dreimal auftritt, ist seinem Status als Artist in Residence geschuldet; es wirft aber auch ein Licht auf seinen breiten Horizont: Sigfridsson ist nicht nur ein ausgezeichneter Kammermusiker (und Sänger), auch im Revier der Tastenlöwen weiss er sich zu behaupten. Formloses Jugendwerk? Für seinen zweiten Auftritt in Murten hat sich der Finne ein Grosstier aus dem hohen Norden vorgenommen. Edvard Griegs Klavierkonzert in a-Moll (1868) ist eher eine «Fantasie für Klavier und Orchester», und es hat nie an Nörglern gefehlt, die das scheinbar formlose Jugendwerk des Norwegers geradewegs zum Teufel wünschten. Der Musikkritiker Hugo Wolf etwa hielt es gerade mal für gut genug, um «Brillenschlangen in Träume zu lullen oder rhythmische Gefühle in abgerichteten Bären zu erwecken.» Weder das Publikum noch die Gilde der Starpianisten hat sich davon beirren lassen. Griegs Konzert gehört seit langem zu den beliebtesten Werken des romantischen Repertoires. Und kaum ein Ahnherr liess es sich nehmen, das Werk mit überschäumenden Gesten aufzublähen. Dass es auch anders geht, beweist Sigfridsson im Murtner Schlosshof. Zwar geizt er nicht mit den klassischen Tricks der Grosspathetiker, er staucht und dehnt die Töne, mischt Fremdes hinein und nimmt sich einige Freiheiten, gerade in der virtuosen Kadenz des Kopfsatzes. Doch er stellt sich nicht in den Dienst des Überschwangs. Straff und eher streng klingt seine Interpretation, mitunter fast schon trocken, was allerdings auch mit der ungünstigen Akustik im Schlosshof zu tun haben dürfte. So wunderbar unberechenbar gerade der tänzerisch-versponnene Finalsatz daherkommt: Am überzeugendsten bleibt Sigfridsson dort, wo die feinen Töne gefragt sind. Das Adagio vermittelt den Eindruck von kontrollierter Schwermut, gewürzt mit einer Prise Trotz. Hier beweist Sigfridsson auch sein kammermusikalisches Flair im Dialog mit den Brünner Philharmonikern. Fast scheint es, als ob er die Töne jeweils mit den Augen an die Musiker weitergeben würde. Finales Siegerschmunzeln Das Orchester unter der Leitung von Kaspar Zehnder zeigt insgesamt zwar eine ansprechende Leistung, setzt jedoch kaum eigene Akzente. Das hat man – gerade in jüngeren Einspielungen des Werks – auch schon anders gehört. Erst nach der Pause in der 3. Symphonie von Felix Mendelssohn kommen die Musiker gänzlich aus der Reserve. Sigfridsson ist zu diesem Zeitpunkt schon längt nicht mehr auf dem Podium. Dass er mit einem dezenten Siegerschmunzeln in der Garderobe verschwunden ist, erstaunt nicht. Man weiss es ja: Wo andere mit Ausrufezeichen aufwarten, setzt der Finne lieber einen Strichpunkt; Oliver meierNächster Auftritt von Henri Sigfridsson an den Murten Classics: So, 23.8., um 11 Uhr in der Reformierten Kirche Merlach. •www.murtenclassics.ch>

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