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Martha Argerich als Pianistin und Chaotin Kabul und Kabale im Theater Kanton Zürich

Kurz & kritisch Biografie Sie sei wie ein wunderschönes Gemälde ohne Rahmen, so hat der Dirigent Daniel Barenboim einmal über Martha Argerich gesagt. Treffender kann man die argentinische Jahrhundertpianistin, die kommenden Sonntag ihren 70. Geburtstag feiert, nicht charakterisieren: die Poesie und die Wucht ihrer Interpretationen, die sich jeder Routine verweigern; ihre Art, sich den Vorstellungen der Tourneeplaner mit Absagen zu entziehen; überhaupt ihr Lebensstil, der gewiss nicht bürgerlichen Gesetzen gehorcht. Über all das und noch viel mehr schreibt Olivier Bellamy in der ersten autorisierten Biografie der Pianistin. «Die Löwin am Klavier» lautet der Untertitel des Buches, er verspricht nichts Gutes und hält das auch. Denn Argerich ist als Mensch wie als Musikerin viel zu rätselhaft und eigen, als dass man ihr mit derart klischierten Metaphern gerecht würde. So runzelt man beim Lesen immer wieder die Stirn über Formulierungen, die einfallsloser sind als noch ihr unscheinbarster Ton, über eine kreuz und quer durch die Zeiten kurvende Dramaturgie und eine vorgetäuschte Nähe, die leicht in Taktlosigkeit umschlagen kann. Wann und warum Martha Argerich Tränen in den Augen hatte, kann Bellamy nicht wissen. Wann sie ihre Menopause erlebte, wollen wir nicht wissen.Zwischen den Klischees erfährt man trotzdem einiges über die Pianistin und ihr Umfeld. Man lernt ihre Mutter Juanita kennen, die für die Tochter unermüdlich Termine bei wichtigen Persönlichkeiten arrangierte, die diese meist verfallen liess. Man lernt Martha Argerich selbst als oft heillos überforderte Mutter von drei Töchtern kennen, aber auch als treue Freundin, WG-Patronin, Bohemienne. Auch ihre Männer werden vorgestellt, die (fast) alle nach wie vor mit ihr auftreten. Und natürlich geht es auch um die Auftritte selbst. Viele Anekdoten sind da zu vermelden über Argerichs Lampenfieber und ihre Weigerung, Verträge zu unterzeichnen (damit sie die Konzerte leichter absagen kann). Was passiert, wenn sie nicht absagt: Das versucht Bellamy immer wieder zu erklären. Er beschreibt ihre Intuition und ihre mühelose Technik, die Risikofreude, mit der sie auch Abstürze in Kauf nimmt, oder ihre Seelenverwandtschaft mit gewissen Komponisten («sie lieben mich einfach», sagt Argerich selbst etwa über Ravel und Prokofjew). Was ihre Interpretationen tatsächlich so besonders macht – das bleibt trotz allem ihr Geheimnis. Weshalb man diese Biografie schliesslich weglegt mit dem Verdacht, dass sich ein vernünftiges, nicht banalisierendes Buch über diese Musikerin vielleicht gar nicht schreiben lässt. Es geht nur darum, hinzuhören. Susanne Kübler Olivier Bellamy: Martha Argerich – Die Löwin am Klavier. C. Bertelsmann, München 2011. 287 S., ca. 32 Fr. Martha Argerichs Festival «Progetto Argerich» in Lugano findet dieses Jahr vom 8. bis 30. Juni statt. www.rsi.ch/argerich Theater Winterthur, Theater Kanton Zürich (TKZ) – Noch tourt Frischs «Don Juan oder die Liebe zur Geometrie» (TA vom 17. Mai) durch die Städtchen und Dörfer des Kantons Zürich, aber bald klingt sie aus, die erste Saison des in Winterthur beheimateten Theaters unter der neuen künstlerischen Leitung von Rüdiger Burbach. Sie lief gut, die angestrebten Einnahmen wurden übertroffen, die Besucherzahl ist die höchste seit fünf Jahren, neue Spielorte kamen hinzu, alte, die in den letzten Jahren TKZ-Abstinenz geübt hatten, luden die Truppe wieder ein. Und so, wie das Programm für die nächste Saison aussieht, wären sie dumm, es nicht wieder zu tun. Eröffnet wird am 15. September mit einer Uraufführung: Der deutsche Autor und Astrophysiker Ulrich Woelk hat dem Winterthurer Team das groteske Familiendrama «In der Nähe der grossen Stadt» (Regie: Rüdiger Burbach) auf den Leib geschrieben. Am 24. September findet die Schweizer Erstaufführung von «Wir alle für immer zusammen» des niederländischen Jugendbuchautors Guus Kuijer (Regie: Klaus Hemmerle) statt. Es ist das alljährliche Kindertheaterstück des TKZ und eine Koproduktion mit dem Theater Winterthur. Die Religionskomödie «Grüezi Kabul» von Jörg Graser, auch dies eine Schweizer Erstaufführung, heisst in der österreichischen Originalfassung «Servus Kabul» und erzählt von einer Wirtstochter, die sich in einen strenggläubigen Ägypter verknallt (ab 6. Oktober, Regie: Deborah Epstein). Von Kabul gehts zu Schillers Kabalen, denn als die Regisseurin Barbara-David Brüesch sich das TKZ-Ensemble angeschaut hatte, befand sie: «Da muss man doch ‹Kabale und Liebe› machen!» (1. Dezember). Die irische Haushaltskomödie «Das Ende vom Anfang» wird von Burgtheater-Regisseur Felix Prader inszeniert (26. Januar), und das halb text-, halb musiklastige Projekt über den besten Beatles-Werbespot der Welt mit dem Arbeitstitel «Help! A Day in the Life» wieder von Rüdiger Burbach (22. März). Das sommerliche Freilichttheater schliesslich steht im Zeichen der Freiluft: Markus Heinzelmann inszeniert Ödön von Horváths wundervolle Oktoberfestmelancholie «Kasimir und Karoline» (29. Mai). Wenn das nicht vielversprechend klingt. Simone Meier www.tkz.ch Bildlegende. Foto: Vorname Name, Agentur

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