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Luxus- statt Familienwohnungen

Um gemeinnützige Wohnungen zu realisieren, wollte der Gemeinderat Meilen dem Kanton Bauland abkaufen. Doch dieser zog den Meistbietenden vor: eine private Küsnachter Immobilienfirma.

Von Jacqueline Surer Meilen – Das Ziel steht bei praktisch allen Gemeinden an der Goldküste ganz oben auf der Dringlichkeitsliste: mehr günstigen Wohnraum für den Mittelstand zu realisieren. Auch in Meilen liebäugelt man schon lange mit einem solchen Projekt. Vor zwei Jahren glaubten die Meilemer, das ideale Stück Land für günstigen Wohnraum gefunden zu haben: Der Kanton gab bekannt, ein knapp 9000 Quadratmeter grosses Baugrundstück an der Pfannenstielstrasse unterhalb der Hohenegg verkaufen zu wollen. Das Land hatte der Kanton vor Jahren für den Bau der damals geplanten Höhenstrasse erworben, die längst aus dem Verkehrsrichtplan gestrichen worden ist. Viel Gewinn ist das Ziel Als es darum ging, eine Offerte für das Grundstück einzureichen, erlebten die Meilemer Behörden ein böses Erwachen. «Für unser Angebot hatte der Kanton nur ein müdes Lächeln übrig», sagt Gemeindeschreiber Didier Mayenzet. Der Gemeinderat wäre dem Vernehmen nach willens gewesen, 1000 Franken pro Quadratmeter Land zu bezahlen. Der geforderte Preis des Kantons überstieg diesen Betrag jedoch um ein Mehrfaches. Tatsächlich gilt beim Verkauf von kantonalem Bauland die Praxis, dass die Grundstücke an den Meistbietenden verkauft werden. So soll ein möglichst hoher Gewinn erzielt werden. Die Gemeinden haben zwar das Recht, sich am Bietverfahren zu beteiligen, werden aber nicht bevorzugt behandelt. An Regierungsrat appelliert Der Kanton habe der Gemeinde Meilen das Grundstück zum Preis eines neutralen Verkehrswertgutachtens angeboten, sagt Thomas Maag, Pressesprecher der kantonalen Baudirektion. «Das Angebot der Behörden lag jedoch deutlich tiefer. Deshalb wurde der Landverkauf öffentlich ausgeschrieben.» Für den Gemeinderat Meilen ist dieses Verhalten inakzeptabel: «Wenn nicht einmal der Kanton die Gemeinden beim Bau von gemeinnützigem Wohnraum unterstützt, ist das eine bedenkliche Entwicklung», sagt Didier Mayenzet. Die Meilemer Behörden gaben sich nicht geschlagen und gelangten mit ihrem Anliegen an Baudirektor Markus Kägi. Aber auch beim Regierungsrat blitzte die Gemeinde ab. Dieser stellt sich auf den Standpunkt, dass der Kanton den Gemeinden Bauland nicht vergünstigt überlassen dürfe, um darauf gemeinnützige Wohnungen zu realisieren. Dies käme einer verdeckten Subvention gleich, was rechtlich nicht gestattet sei. Den Zuschlag für das Grundstück hat der Kanton nun der Küsnachter Immobilienfirma Noldin AG gegeben, die das Land seit dem 1. April besitzt. Das Unternehmen beabsichtigt, auf dem Areal mehrere Wohnbauten zu errichten. Details zum Projekt gibt es noch keine. Über den Verkaufspreis wurde Stillschweigen vereinbart. Der Erlös wird in den kantonalen Strassenfonds fliessen. Die Gemeinde Meilen bleibt nicht die einzige Verliererin des Geschäfts: Dem Landverkauf fallen auch die Jugend-WG der Jugendberatungsstelle Samowar (siehe Text unten) sowie mehrere Schrebergärten zum Opfer. Gartenidyll muss weichen Wie viel Herzblut und Arbeit in ihren Schrebergärten unterhalb der Pfannenstielstrasse in Meilen steckt, sieht man auf den ersten Blick: liebevoll bewirtschaftete Gemüsebeete, blühende Sträucher, Blumen in allen Farben, und in einem grossen Gehege hopsen Kaninchen herum. Die sechs Mieterinnen und Mieter haben sich ein kleines Naturparadies geschaffen. Zu ihnen gehören Francesco Peluso und Madeleine Legler. Seit gut 30 Jahren haben die beiden unzählige Stunden und eine beachtliche Summe in ihre Gärten investiert. Während Legler auf Blumen spezialisiert ist, züchtet Francesco Peluso mit Vorliebe Gemüse. Zukunftspläne zerstört Bei Legler und Peluso ist die Trauer über den baldigen Verlust ihrer Schrebergärten gross: «Die Gärten sind ein Paradies für Blindschleichen, Vögel und Schmetterlinge. Diese Tiere werden ihre Heimat verlieren», sagt Legler. Peluso, der in Kürze in den Ruhestand tritt, wird seine Zukunftspläne ändern müssen: Er hatte geplant, den Grossteil seiner Freizeit künftig mit seinen Enkeln im Schrebergarten zu verbringen. Obwohl die Aussichten nicht allzu gut sind, will er versuchen, in Meilen einen Ersatz für seinen Gemüsegarten zu finden. Für Legler ist das keine Option: «Der Aufwand ist mir zu gross, dafür fehlt mir die Kraft.» Voraussichtlich werden die Schrebergärtner im Frühling oder Herbst 2012 die Kündigung erhalten. Dabei zusehen, wie die Bagger seinen Garten zerstören, wird Peluso nicht: «Das würde mir das Herz brechen.»

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