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Import ohne jede Vernunft

Kolumne Marco Morosoli Als ich kürzlich im Kiosk beim Bahnhof in Horgen ein Glace kaufen wollte, blieb ich zuerst an einem Korb mit Mineralwasser hängen. Die Marke war mir nicht geläufig. Auf der Flasche prangte nur die Zahl 938 und ein undefinierbares rundes Logo. Bei näherem Hinsehen kam ich dann aus dem Staunen nicht mehr heraus. Das Wasser stammt aus Grönland. Noch genauer aus dem Ort Qeqertarsuaq auf der Disko-Insel. Dieses Eiland ist mit einer Fläche von 8560 Quadratkilometern so gross wie Korsika. Dass Mineralwasser aus Italien oder Frankreich in die Schweiz gekarrt wird, daran habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Ich geniesse auch ab und zu ein San Pellegrino oder ein Panna, um beim Pizzaessen auch ohne Wein aus unserem südlichen Nachbarland Italianità herbeizuzaubern. Dabei habe ich aber meist ein schlechtes Gewissen, denn ich weiss: Es ist wie Eulen nach Athen zu tragen. Oder anders ausgedrückt: Der Unterschied zwischen dem Wasser aus Italien und demjenigen aus dem Hahnen – das hierzulande noch sorglos genossen werden kann – ist für unseren Gaumen kaum wahrnehmbar. Möglicherweise verfügt das Wasser aus Italien über ein paar Milligramm Mineralien oder Teile eines Metalls mehr als die Quelle, für die wir nur unseren Hahnen öffnen müssen. Der grösste Unterschied ist aber sicher der Preis. Ein Liter Grönland-Wasser kostet fünf Franken. Die Vermarkter von 938 machen den Konsum dieser Quelle mit anderen Mitteln schmackhaft. 938 leite sich aus dem pH-Wert ab. Dieser liege höher als beim Meerwasser und soll den Genuss von 938 angenehm weich gestalten. Ich habe von 938 gekostet. Und mit Verlaub: Ich spüre den Unterschied zwischen Hahnenwasser und diesem Mineralwasser nicht. Das schlechte Gewissen bezüglich der für den Transport von Grönland-Wasser verschleuderten Energie versuchen die 938-Verantwortlichen mit einem Argument zu entkräften. Da Grönland fast alles einführe, aber kaum etwas exportiere, sei Transportraum zurück nach Europa zur Genüge vorhanden. Diese Rechnung ist bestechend, aber es geht vergessen, dass die Schweiz ja nicht am Meer liegt. Der Genuss von 938 ist vom ökologischen Standpunkt aus gesehen ebenso widersinnig wie derjenige von San Pellegrino oder Panna. Ich lasse die 938-Flaschen also beim Glacekauf in Horgen in Zukunft wieder links liegen. Marco Morosoli ist Redaktor.

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