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«Ich finde alles relativ komisch»

Auf Zugreise zwischen zwei Lesungen: von Luzern nach Zürich mit Harry Rowohlt, dem ausschweifenden Erzähler.

Von Jean-Martin Büttner Noch nie wurde man so eindringlich auf die Fragen eingeschworen, die man nicht stellen dürfe. Auf keinen Fall oder nur auf eigenes Risiko. Jedenfalls ihm nicht: Harry Rowohlt, Übersetzer, Kolumnist, Satiriker, Hörbucheinspieler, Leser, Vortragsreisender und Harryrowohltseiender in einer Person. Der Paganini der Abschweifung, der Ire im Geiste, der Hüter der Pointen. Der «in stiller Selbstergötzung» sich Ergehende. Das sagt er selber. So solle man ihn weder devot angehen noch kritisch herausfordern. Ihn auf keinen Fall nach dem Rowohlt-Verlag fragen oder nach der «Lindenstrasse», wo er einen Penner spielt. Ihm nicht mit Zitaten von gescheiten Leuten kommen. Ihn nicht langweilen oder provozieren. Ihn anregen, aber nicht stören. Wie schwer das alles zu bewältigen ist, wird einem schnell klar, als man Harry Rowohlts Auftritt im Luzerner Théâtre la fourmi beiwohnt; das ist eine Art Hangar mit Kronleuchtern und darunter frohen Menschen. Rowohlt setzt mit der «Anschleimphase» ein, wie er sie nennt. Er erinnert sich an trunkene Nächte während der Luzerner Fasnacht in den Siebzigerjahren. Und an einen Hells Angel, der plötzlich eine Tuba auf den Kopf bekam. Später beginnt er Glossen, Kolumnen, Übersetzungen und Gedichte vorzulesen, wobei er sich immer wieder unterbricht, wenn ihm was einfällt. Was oft geschieht. Die gescheiten Raucher Zum Beispiel dass er nicht mehr trinken kann wegen der Gesundheit, sich aber viermal im Jahr «die Kante geben darf», das habe ihm sein Arzt versichert. Dass er zu blöd sei für den Computer und zu wenig blöd fürs Handy. Und dass es inzwischen einfach sei, gescheite Menschen zu treffen: Man verlasse einfach den Saal und gehe zu den Rauchern raus. «Nichtrauchen mag gesund sein, aber es macht dumm.» Er selber hat vor dem Auftritt gründlich vorgeraucht. So polemisiert, rezitiert, assoziiert, ridikülisiert und brilliert er durch den Abend. Und wie immer bei ihm kommen nicht nur Politiker und Leser und Beamte und andere Zeitgenossen dran, sondern auch Journalisten; vor allem jene, die dumm über ihn schreiben, und es scheint eine Menge von ihnen zu geben. Nur hat das alles zur Folge, dass man am Freitagmorgen, schon Stunden vor dem Treffen, saumässig nervös wird. Und hin und her überlegt, ob man jetzt mit Shakespeare oder mit Monty Python anfangen soll; dem amerikanischen Lakonismus oder den englischen Wortspielen; mit deutschen Politikern oder dem Schweizer an sich. Dann sieht man ihn auf einer Bank im Luzerner Hauptbahnhof sitzen, entspannt mit Wollkappe. Er beginnt sofort über die klebrige Fröhlichkeit von Fernsehmoderatoren zu reden. Man gesteht ihm, wie sehr man diese gute Laune hasst, diese demonstrative Pausbäckigkeit. Er strahlt und gibt einem die Hand. Man ist an Bord. Von da an wuchert und franst das Gespräch in alle Richtungen aus, unzähmbar wie sein Bart, der sein Gesicht bedeckt. Die Kollegen hatten bei ihrem Rowohlt-Briefing in einem Punkt recht: Ein Interview kann man mit ihm nicht führen. Es gleicht eher einem rhetorischen Dauerlauf mit Umwegen, Rückkommensanträgen, Witzen, Erinnerungen und Anekdoten, wobei er die Rollen mit wechselnder Stimme oder Akzenten spricht oder beides. Und ja, Shakespeare und die Pythons treten auf, aber auch Adenauer und Loriot, Asterix und Robert Crumb. Oder der Humor der Hamburger Hausbesetzer. Und die Humorlosigkeit von Benefizveranstaltungen. Auch, dass er im Zug besonders gerne liest. Dass er zwar kein Handy hat, aber SMS als Kurzform bewundert wie ein Haiku. Dass er die genormten Durchsagen «der elektrischen Feen» an Bahnhöfen «natürlich entsetzlich» findet. Das Döner-Problem Dann wird das Problem erörtert, für einen frisch gekauften Döner die bestmögliche Currysauce zu finden. Zwischendurch lacht er filterlos. Er habe keine Lust, etwas übermässig Ernstes zu schreiben, sagt er einmal: «Weil mir ja nie etwas übermässig Ernstes zustösst. Ich finde alles relativ komisch.» Der Intercity fährt durch die zersiedelte Schweiz. Bleiche Häuser langweilen sich im Morgenlicht, der Zugersee blinkt ein wenig. Es kommt sogar vor, dass Harry Rowohlt eine Frage beantwortet. Auf seine Art. Ob das Schweizer Publikum insgesamt scheuer sei als das deutsche, fragt man ihn. «Es ist jedenfalls vornehmer», sagt er. Das merke man schon daran, dass die sanitären Einrichtungen in der Schweiz überall peinlich sauber seien, egal wie abgerissen und schäbig der Saal aussehe. Wie empfindet er die Schweizer Dialekte? Er selbst wurde ja, als sechsjähriges, unterernährtes und rachitisches Kind eine Zeit lang nach Herrliberg ausgelagert, eine schlimme Erfahrung für ihn mit dieser Heimleitung. «Ich sprach als Kind Schwyzertüütsch, das musste ich mir in Deutschland schnell wieder abgewöhnen, man wurde verkloppt deswegen.» Dennoch findet er, dass «Dialekte und Jahreszeiten ausschliesslich zu unserer Erbauung da sind. Es gibt keine hässlichen Jahreszeiten und keine hässlichen Dialekte.» Wie er nach seinen Lesungen wieder herunterkomme, will man von ihm wissen. Er sieht darin kein Problem. «Als Übersetzer kennt man das Klausnerleben, es ist also ganz normal, allein zu sein.» Harry Rowohlt, der Übersetzer, hat Deutsch einmal eine Zielsprache genannt. Wie meint er das? «Deutsch ist eine poetische, aber präzise Sprache. Es kommen lauter wunderschöne Wörter drin vor, für die man auf Englisch mindestens mittlere Reife brauchen würde, die sich aber auf Deutsch sofort erschliessen.» Als Beispiel nennt er «resilient», was auf Deutsch «aufsässig» heisse, und das verstehe ja jeder Arsch. Spass am Ärger Raus aus dem Tunnel und den Zürichsee entlang, Halt in Thalwil. Man kommt wieder auf den Journalismus zu sprechen. Ob er seinen Kritikern nicht zu viel Ehre antue, sie in seinen Kolumnen zu zitieren? Ohne ihn wären ihre Sätze doch längst vergessen. Ja, sagt er, «aber wenn ich mich nicht mehr schwarzärgern kann, macht mir das Leben keinen Spass.» Dass man glücklich sei, sagt er wenig später, «das merkt man immer erst hinterher.» Harry Rowohlts Bücher, Übersetzungen und CDs erscheinen bei Kein und Aber. www.keinundaber.ch Harry Rowohlt: Der Mann kennt weder Mass noch Mittelmass.Foto: Herbert Zimmermann (13 Photo)

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