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Es ist heiss in Thunesien

pädu anliker

GEDANKEN ZUM HEISSESTEN ABEND DIESES JAHRES HALB KLAR, ABER DAFÜR WAHR Es ist Mittwochabend, 19.August. Und wer, wie ich, nicht auf Fussball steht, keinen grossen Freundeskreis hat, mit dem die Jumbopackung Cervelats verbrannt werden und das Biersonderangebot aus dem Denner vernichtet werden kann, beim 18.Mal «Jesus Christ Superstar» bei den Seespielen Hausverbot bekam, weil er ohne Mikrofon beim Mitsingen von «Hosanna hesana» den Ton nicht fand und zudem lauter sang als die erlaubten 76,4 Dezibel, wie ich, der ist am heissesten Abend des Jahres, gelinde gesagt, eine arme Sau. Fussball fand ich immer schon scheisse, obwohl ich nicht wirklich schwul bin Freunde verliert man im Alter leichter, als Mann sie gewinnt, und das Mitsingen bei «Jesus Christ Superstar» fand ich bei den happigen Eintrittspreisen und der fehlenden Toilettenpause eigentlich etwas Legitimes. Zudem konnte ich den Text auswendig, nach 17 Mal eigentlich klar, der Chor kann das ja auch, das Einzige, was ich nicht oder nur zu wenig geübt habe, war die Lautstärke meiner Performance. Die 76,4 Dezibel, mit dem die Rockoper gespielt werden muss, entsprechen in etwa dem Lärmpegel der Schiffshupe der «Blüemlere», wenn sie vor der Ländte Hilterfingen hornt und die Dezibelwerte beim Bahnhof Thun gemessen werden. Wenn Der wüsst, was i meine Das Leben ist hart, und aus Hartem gibt es Leben, wie meine Grossmutter Elisabetha Geissbühler-Lätsch (1890–1974) stets sagte, und wir Kinder begriffen nie, was sie damit meinte Ja, das Leben kann hart sein, aber jede Situation – und mag sie noch so beschissen sein – hat eine Chance für uns parat. Also ging ich an diesem heissesten aller heissen Abende in den Thunersee schwimmen und wurde angenehm überrascht vom New Public Service, den es neuerdings im lauschigen Schadaupark zu entdecken gibt. Als Erstes gibt es ein Einstiegsgeländer aus Chromstahl beim Hotel Seepark, das die letzten 112 Jahre gefehlt hat Klar, die Mauer hätte auch gleich abgesenkt werden können zum wirklich komfortablen Einsteigen. Aber man muss ja den nächsten Generationen von Stadtgärtnern auch noch grosse Taten ermöglichen. Dann haben sie neu einen Sicherheitswall rund um die Hälfte des Parkes gebaut, eine Art Firewall, von dem aus wohl kiffende und streunende Hippies, Frisbee spielende Alkoholiker und vor allem wohl die Velo-Al-Qaida bekämpft werden kann. Ganz sicher bin ich nicht, was die Funktion dieser neuen Konstruktion durch den Park betrifft, aber es sind Stahlbänder in den Boden eingelassen und ein Steinbett mit Schottersteinen aus Frutigers Hartsteinbruch Balmholz. Als alter Anarchist gehe ich mal davon aus, dass diese Steine wohl bei Bedarf auf die störenden Subjekte losgeschossen werden können. Optisch ist das Teil potthässlich, aber für die innere Sicherheit muss man heute wohl auch die schönste Parklandschaft entweihen dürfen Auf alle Fälle ist es schön, zu sehen, dass beim Verbrennen unserer Steuergelder auch an die kleinen Bürgerinnen und Bürger gedacht wird. Die Gesellschaft sind wir, und der Staat ist die von uns eingesetzte Firma, die für uns die Details des Zusammenlebens erledigt, weil wir ja alle so beschäftigt sind mit allem anderen. Mitmachen t(h)un wir zwar auch, meistens aber unfreiwillig, wie zum Beispiel bei Thuns Paradedisziplin, dem Heckenschneiden Thun ist schweizweit bekannt für seine bürgerfreundliche Kommunikation in Sachen Heckenschneiden. Schon Ende Juni werden wir von der Stadtgärtnerei dazu aufgefordert, unsere Hecken zehn Zentimeter hinter den Gartenzaun zu schneiden, ansonsten werden uns ab Mitte August die Einsatztruppen aus der Industriestrasse mit Nnnnnnn hhhhhhNnnn-Heckenscheren auf die radikale Tour vorbeigeschickt, auf unsere Kosten natürlich, denn: Ordnung muss sein!!! Vor dem Gesetz sind wir alle gleich. Dieser ausgelutschtste aller ausgelutschten Sätze wird gerne von Politikerinnen und Politikern und Behörden gebraucht (Keine weiteren Kommentare, bitte) Wenn ich auf Quartierfahrten mit meinem Fahrrad, wie in den letzten Wochen und Tagen, am Strassenrand dauernd Eschentriebe, bis zu 150 Zentimeter hoch, und anderes Gewächs touchiere, frage ich mich wirklich, ob hier das deutsche System eingeführt wird, in dem der/die Bürger/-in ein potenzieller Gesetzesübertreter ist und von den Behörden, also den Angestellten der Bürger/-innen, präventiv bekämpft werden muss. Lieber Stadtgärtner, die Hecke an der Inneren Ringstrasse 12 ist letzte Woche geschnitten worden, wir haben dann auch gleich noch die Platanentriebe und die Brennnesseln der städtischen Bäume geschnitten und in unserem Grüncontainer entsorgt. Ein Danke erwarten wir nicht, aber wir plädieren auf Straffreiheit. Entschuldigung, nun, ich bin ein wenig abgeschweift Es ist immer noch der heisse Sommerabend des Mittwochs, 19.August, aber bei mir im zweiten Stock weht ein kühler Wind durch die Wohnung und wirkt erfrischender als der italienische Weisswein, der mich beim Öffnen des Kühlschrankes so entwaffnend angestrahlt hat. Im CD-Player liegen Verbrechen der Popkultur, Maxisingles aus dem Brockenhaus No Doubt – «Hey Baby», No Angels – «There Must Be an Angel», Mad House – «Like a Prayer» und so Sachen, die ich für meine Discjockeysets brauche. Es sind CD-Singles, die immer mindestens zwei Versionen eines Songs drauf haben, bei Madonna sind es eher vier, und die Songs sind sehr cool für die Disco, weil alle sie aus dem Radio kennen. Auf dem Nachhauseweg vom Baden habe ich mir Thuns neue Bewohner/-innen auf der Gerbermatte, heute Hohmadpark, näher angeschaut, oder zumindest die Zeichen ihres Lebens in Form von Plastikhüpfburgen und Kugelgrills Menschen sah ich leider nicht so viele, sie waren wohl alle am Fussballschauen oder grillten die Cervelats, mit ihrem grossen Freundeskreis, im Bastelraum. Ich kam auch bei der Stelle der «Entführung ohne Opfer» vorbei, die am Montag dieser Zeitung eine Schlagzeile wert war, und da kam mir in den Sinn, dass die jungen Leute, die diese mysteriöse Tat der Polizei gemeldet haben, Sänger/-innen des Chores der Seespiele Thun sind, die «Jesus Christ Superstar» mit «Hesana Hosanna» wohl schon 34 Mal gesungen haben Vielleicht mit allen Proben mehr als 50 Mal. Plötzlich war ich nur noch glücklich über mein Lonesome-poor-Cowboy-Leben hier in der Provinz, glücklich darüber, Fahrrad fahren zu dürfen, statt mit «Freunden» im Bastelkeller Cervelats braten zu müssen Und vor allem sehr glücklich darüber, dieses «Hosanna hesana» aus «Jesus Christ Superstar» nicht mehr singen zu dürfen und somit vom offensichtlichen Entrücken aus dieser Welt, durch zu viel Singen dieser Lieder, verschont zu bleiben Nach hundert Minuten Schreiben ist der Text fertig, die Temperatur bei 24 Grad, die Weinflasche leer, die Eminem-Single «Just Loose It» abgespielt, und es ist definitiv zu spät zum Laufen und um Zigaretten zu kaufen Der heisseste Abend des Jahres, erlebt und aufgeschrieben von MC ANLIKER, frei nach dem Motto: Der Dichter, der Dichter kriegt eins auf den Trichter!!! E-Mail: sucks@mokka.ch redaktion-tt@bom.ch >

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