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Die zwei Geheimnisse des Herrn Korhan

Als die Firma Bally eine Fabrik schloss, verlor der Schuhmacher Ercan Korhan seine Arbeit. Er verlegte sich aufs Schuheputzen und ist damit am Zürcher Flughafen sei 15 Jahren erfolgreich. Von Heinz Zürcher

Kloten – Ich habe schon vieles von anderen reinigen lassen: Wohnung, Auto, Kleidung, Haare. Aber Schuhe? Wenn ich – meist im Ausland – einem Schuhputzer bei der Arbeit zusah, dachte ich unweigerlich an Unterwerfung. Mir ist denn auch nicht ganz wohl bei meiner Premiere, als ich im Transitbereich des Flughafens vor Ercan Korhan auf dem Stuhl Platz nehme. Der gebürtige Türke sitzt unter mir breitbeinig auf einem schwarzen Kasten. Ein dünnes Kissen polstert sein Gesäss auf der Box, in der Schuhcremen, Bürsten, Putzmittel und für Reparaturen Absätze, Sohlen und Werkzeug Platz finden. Korhan lächelt zu mir hoch und bittet mich, den Fuss auf eine aus dem Kasten ragende Metallplatte zu stellen. Er krempelt meinen Hosenbund hoch und klemmt die Schnürsenkel in die Schuhöffnung. Ich spreche ihn auf die hellen Flecken auf der Spitze meines ledernen Schuhs an. «Schlechtes Putzmittel», sagt er. Die Creme, die ich benutzt hatte, blieb lediglich an der Oberfläche, statt das Leder zu nähren. Geheimnis Nr. 1: Die Creme Bald wird auch klar, weshalb der 48-jährige Korhan seit 15 Jahren am Flughafen Angestellten wie Passagieren Schuhe putzt und keine Mühe hat, stets zu ihren Füssen zu sitzen. «Von aussen sieht es so aus, als könne jeder Schuhe putzen. Aber das stimmt nicht – nicht, wenn man es professionell macht.» Das Wichtigste ist die Creme. In einem eigenen Labor stellt Korhan diese selber her. Wie sie zusammengesetzt ist, verrät er aber nicht. «Ich habe Kunden, die mir das Mittel oder gleich das Rezept abkaufen möchten», sagt er. «Aber das würde ich für kein Geld der Welt hergeben.» Während er mit zwei Bürsten über meinen Schuh hinwegfegt und Schmutz entfernt, denke ich an den Geschäftsmann Alexander Kennedy, der vor mir an der Reihe war und von «dem guten Zeugs» schwärmte, mit dem Korhan jeweils die Schuhe einschmiere. Auch er habe sich erst überwinden müssen, einem Menschen die Schuhe hinzustrecken, verriet mir Kennedy. «Aber dieses komische Gefühl legt sich nach dem ersten Mal.»Erst später wird mir Korhan erklären, dass er vor seinem Bürstenwirbel kurz mit den Händen über meinen Schuh fuhr, um so Dicke und Beschaffenheit des Leders zu ertasten. In Sekundenschnelle ruft er dabei ein Wissen ab, das er sich in den vergangenen 20 Jahren angeeignet hat: zunächst als Schuhmacher bei der Firma Bally und nach der Schliessung der Fabrik im aargauischen Schönenwerd als Schuhputzer. Am Paradeplatz klappt es nicht Erste Standorte am Paradeplatz und entlang der Bahnhofstrasse in Zürich floppten. «Dort herrscht zu viel Hektik – zu wenig Zeit, sich die Schuhe putzen zu lassen», vermutet Korhan. Besser läuft das Geschäft am Flughafen, wo 90 Prozent seiner Kunden Herren in Anzügen sind. Im Winter, der Zeit der Stiefel, ist auch der Frauenanteil höher. Bevor die Geschäftsflüge abheben, stehen die Vielflieger auch mal Schlange, um zu ihren Meetings mit sauberen Schuhen zu erscheinen. «Früher war das nicht so», sagt Korhan. «Heute wollen oder müssen alle einen guten Eindruck hinterlassen.» Das gelte auch für den Geruch in der Fussgegend. «Eine Nasenklammer habe ich jedenfalls noch nie tragen müssen», sagt er und lacht.Ohnehin verliert Korhan nie ein schlechtes Wort über seine Kunden. Viele kennt er persönlich, aus einer Reihe von Gesprächen von jeweils drei Minuten Dauer – so schnell hat er in der Regel ein Paar Schuhe geputzt. «Ich versuche, die Kunden aufzuheitern, erzähle positive Dinge, Lustiges.» Oder er schenkt ihnen einfach ein Lächeln – ganz nach dem Spruch auf seiner Visitenkarte: «Let me give your shoe a smile». Manche haben dafür kein Auge, tippen Nachrichten in ihr Notebook oder rufen Geschäftspartner an. Geheimnis Nr. 2: Der Lohn Einige Kunden bringen Korhan jeweils gleich zwei oder noch mehr Paare zur Reinigung mit. Andere bestellen ihn nach Hause. Dort kann es auch mal vorkommen, dass bis zu 300 Schuhe auf ihn warten. Es gibt Firmen, die Korhan regelmässig buchen, um ihren Angestellten seinen Service anzubieten. Wie viel Geld für ihn bei einem Preis von acht Franken pro Schuhpaar abzüglich der Platzmiete übrig bleibt, will er nicht verraten. Lieber zieht er seine Gummihandschuhe an und beugt sich über meine Fussbekleidung. Mit dem Schwamm verstreicht er die Creme. Es ruckelt und wackelt, und ich wünschte, die Massage würde noch etwas dauern. Den letzten Schliff gibt er mit einem Polierspray, dessen Inhalt er mit einem Seidentuch in horrendem Tempo über den Spann rubbelt. Fasziniert von der Präzision und der Hingabe für sein Handwerk, sind meine anfänglichen Hemmungen verflogen. Korhan lässt mich wissen, dass für ihn nicht oben und unten zählt, sondern nur eines: saubere Arbeit. Wieder auf Augenhöhe, frage ich ihn, ob die hellen Flecken ganz zu entfernen seien. «Ja», sagt er mit einem Grinsen, «Sie müssen nur ein paarmal wiederkommen.» Für Ercan Korhan ist nicht wichtig, wer oben und wer unten sitzt. Fotos: Sibylle Meier Bürsten, eincremen, einreiben, polieren: In drei bis maximal fünf Minuten ist das ganze Programm erledigt, und die Schuhe glänzen wieder..

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