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«Die Reaktionen werden extremer»

Mit «Oesch’s die Dritten» ist Melanie Oesch zum internationalen Volksmusikstar geworden. Das hat sie auch nachdenklich gemacht.

Frau Oesch, was macht für Sie gute Musik aus? Melanie Oesch: Musik soll berühren. Das tut sie dann, wenn man in ihr den Menschen spürt. Wenn Charakter, Persönlichkeit, Eigenständigkeit, Charme drin sind. Ob Musik gut oder schlecht ist, hat nichts mit der Szene zu tun, aus der sie stammt. Musik, die nur Show ist, bleibt leer, ob es sich um Rock, Jazz oder Volksmusik handelt. Wichtig ist, dass die Personen, die auf der Bühne stehen, das auch leben, was sie dort machen. Dann wird Musik echt. Wie echt ist, was Oesch’s die Dritten auf der Bühne bieten? Sehr echt. In guter Musik muss sich meiner Meinung nach die Seele der Musiker spiegeln. Das heisst, man muss bereit sein, den Leuten etwas von sich zu geben, das in ihnen zurückbleibt. Das ist unsere Philosophie, aber man kann ihr nur folgen, wenn man sich selber bleibt. Das ist nicht immer leicht. Warum nicht? Weil Sie als Stars der populären Volksmusik stets fröhlich sein und eine heile Welt zelebrieren müssen? Wenn schon, macht uns eher dieses eindimensionale Bild unserer Volksmusik-Welt zu schaffen. Es ist entstanden, weil die – immer selteneren – volkstümlichen TV-Sendungen meistens einseitig auf die fröhlichen und zackigen Lieder setzen. Ich verstehe das schon, mit traurigen Stücken und weinendem Publikum holt man niemanden vor den Fernsehapparat. Aber gleichzeitig reduziert das die Wahrnehmung unserer Welt auf einen Ausschnitt, der von aussen als künstlich und mitunter gar als einfältig bezeichnet wird. Trotzdem machen Sie da mit. Klar, man muss Kompromisse machen, wenn man erfolgreich sein will. In unserem Fall heisst das: Wir müssen einen Auftritt in der Öffentlichkeit haben, der auffällt und die Erwartungen der Leute trifft, gleichzeitig aber kein Verrat an uns als Musiker und Menschen ist. Dieser Grat ist ziemlich schmal. Wir brauchen Ecken und Kanten und manchmal auch unsere Ellenbogen. Aber wenn da bloss Kalkül dahinter wäre, würde es nicht funktionieren. In der Welt der Volksmusik zählen Echtheit, Direktheit, Schnörkellosigkeit. Echt? Wir treten oft in Festzelten auf und sind den Leuten ganz nahe. Sie sind sehr kritisch und würden sofort merken, wenn das, was wir machen, nichts als Inszenierung wäre. Aber die Welt, in der Sie singen, ist ziemlich weit vom komplizierten, glanzlosen Alltag entfernt. Finde ich nicht. Der Kontrast zum Alltag ist auf jeden Fall nicht grösser als in jeder anderen Musikszene. Wir singen auf Deutsch, jeder versteht uns – im Unterschied zu den meist englischen Rock- und Popsongs. Die Themenpalette, die Rockmusiker besingen, ist nicht breiter als die unsrige. Auch in unser Liedgut hat nachdenkliche Töne. Wären die Leute enttäuscht, würden Sie nicht gute Laune und Fröhlichkeit verbreiten? Sicher, und diese Erwartung ist berechtigt. Uns ist bewusst, dass wir auch eine gesellschaftliche Rolle spielen. Unsere Musik bedeutet für viele Leute, für ein paar Stunden Alltag und Stress hinter sich zu lassen, sich eine kleine, schöne Flucht zu gönnen. Je nach Anlass erwartet das Publikum eine Chilbi, die Leute möchten wieder mal richtig Gas geben, aus sich herauskommen. Ich denke, es ist ganz gesund, wenn man ab und zu Dampf ablassen kann. Mit einer künstlichen Performance, die wir mechanisch abspulen, würde es uns nie gelingen, den Leuten dieses Erlebnis zu verschaffen. Wir müssen uns jedes Mal voll engagieren. Das ist es, was wir wollen, dann entfaltet unsere Kunst Wirkung. Funktioniert Ihre Kunst jetzt, da uns die Wirtschaftskrise mit steigender Arbeitslosigkeit erst richtig bevorsteht, besonders gut? Ich würde es so sagen: Die Reaktionen auf uns sind extremer geworden. Viele Leute sagen uns, wie ihnen unsere Musik über schlechte Laune, Ärger, Selbstzweifel hinweghilft. Das freut und motiviert uns. Wir spüren aber auch stärker, welche Anziehungskraft unser Bild als Familie ausübt. Es ist keine Selbstverständlichkeit mehr, dass Kinder bei Mutter und Vater aufwachsen können. Aber viele Leute haben diese Wunschvorstellung, und sie möchten mit uns zusammen erleben, was sie selber nicht mehr leben oder leben können. Es passiert in letzter Zeit häufiger, dass sich Leute an uns klammern, um jeden Preis den Kontakt oder eine Freundschaft suchen. Hier Grenzen zu ziehen, ist manchmal schwierig. Keinesfalls möchten wir Leute zurückbefördern in das gefühlsmässige Loch, aus dem sie dank uns gekommen sind. Zumal Ihr Image als glückliche Familie entscheidend ist für Ihren Erfolg. Sicher macht uns das speziell – auch musikalisch. Oesch’s die Dritten gibt es nur als Band, die jeden Ton live spielt. Das macht uns etwas unbequem, denn häufig singt in unserer Branche eine Einzelperson zu einer Playbackeinspielung. Die Musik wird so entwertet – bei uns nicht. Abgesehen davon ist der Familienauftritt kein Image – wir sind so. An einem Konzert springt der Funke nicht nur zwischen uns und dem Publikum, sondern auch unter uns sechs. Diese besondere Nähe, diese Intensität – das ist etwas Grossartiges. Spüren Sie die Wirtschaftskrise kommerziell? Nein. Ich denke, die Leute gönnen sich auch in Krisenzeiten Unterhaltung. Haben Sie Neider? Ja, jeden Tag mehr. Aber letztlich zeigt uns das, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Würde das, was wir machen, allen vorbehaltlos gefallen, hätten wir kein Profil. Es gibt Leute, die fangen bei uns an allen Ecken und Enden an, nach Negativem zu forschen. Ich sehe das positiv – jede Kritik bringt uns weiter, und mir ist klar, dass ich nie jemand werden will, der davon besessen ist, bei andern das Schlechte zu suchen. Das schockiert mich manchmal: Wie viele Leute quasi vom Schreibtisch aus Theorien aufstellen, Regeln festlegen, Urteile abgeben, ohne dass sie sich auf eine Sache einlassen, sich mit ihr auseinandersetzen. Betrachten Sie sich als Berner Oberländer Exportprodukt? Eindeutig, obwohl wir nur drei Kilometer weg von der Grenze zum Emmental wohnen. Es hat etwas gedauert, bis wir die Leute in der Heimat von uns überzeugen konnten. Aber wenn wir im Ausland unterwegs sind, ist es extrem cool, diese regionale Verwurzelung zu haben. Und apropos Export: Es liegt sicher in unserer Familie, dass man es wagt, die eigenen Grenzen auszuloten, die Leidenschaft auszuleben und zu schauen, was drinliegt. Das ist ein grandioses Lebensgefühl. Wir sprachen darüber, was Ihre Musik bewirkt. Was macht Musik mit Ihnen? Fast alles. Ich höre praktisch immer Musik unterschiedlichster Stile, das war schon früher so, die Schulaufgaben und die Vorbereitungen für die Matur habe ich immer mit Musik gemacht. Ich brauche Musik auch als Aufputschmittel oder um herunterzufahren. Musik ist für mich so wichtig wie Nahrung. Es ist ein Geschenk, dass es sie gibt. Interview: Jürg SteinerDer Autor: Jürg Steiner (juerg.steiner @bernerzeitung.ch) ist «Zeitpunkt»-Redaktor. >

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