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«Die Pharmaindustrie hat sicher Fehler gemacht»

Die Massnahmen des Bundes gegen hohe Medikamentenpreise haben Folgen für die Berner Pharmagruppe Galenica. Wie Konzernchef Etienne Jornod im Interview sagt, rechnet die Firma mit Mindereinnahmen in Millionenhöhe.

Inwiefern tragen auch Pharmafirmen wie Galenica zu den hohen Gesundheitskosten bei? Etienne Jornod: Diese Frage ist berechtigt, doch man könnte sie auch anders stellen: Um wie viel höher wären die Gesundheitskosten, wenn es die Pharmaindustrie und damit die Medikamente nicht gäbe? Ich gebe zwei Beispiele anhand von Galenica: Dank unserer Logistik und unseres Verteilzentrums in Niederbipp können wir jedes Medikament innerhalb von zwei bis drei Stunden an jeden Ort in der Schweiz liefern. Dabei verdienen wir im Durchschnitt pro Packung einen halben Rappen. Das ist wohl weltweit ein einmaliger Beitrag zur Lebensqualität und Versorgungssicherheit. Und dank dieser Logistikleistungen haben alleine im Kanton Bern rund 1000 Arbeitnehmer eine Arbeitsstelle. Dieser volkswirtschaftliche Aspekt wird von Gesundheitspolitikern, die nach niedrigeren Kosten im Gesundheitswesen rufen, gerne vergessen. In der Schweiz leben dank der Pharmaindustrie direkt und indirekt etwa eine Million Menschen. Und das zweite Beispiel? Es betrifft Ferinject, ein Eisenpräparat, das Galenica selber herstellt. Es wird Patienten verabreicht, die etwa an einer Niereninsuffizienz leiden. Dank Ferinject können diese Personen ihrer Arbeit nachgehen, obwohl sie krank sind. Der Vorteil und damit Spareffekt von Ferinject liegt darin, dass es schneller verabreicht werden kann. Das heisst, der Patient muss nicht mehr ein Spital aufsuchen und dort vom Pflegepersonal betreut werden. Er kann schnell in eine Arztpraxis gehen, wo ihm das Präparat gespritzt wird. Ferinject widerlegt auch das Vorurteil, dass Medikamente in der Schweiz generell teurer sind als im Ausland. In Spanien zum Beispiel ist Ferinject 30 Prozent teurer als in der Schweiz. Trotzdem hat die Politik die Pharmaindustrie als Sündenbock ausgemacht. Kommuniziert die Branche zu wenig gut? Die Pharmaindustrie hat sicher Fehler gemacht. Es gab in der Vergangenheit eine gewisse Arroganz der Branchenvertreter, was Parlamentarier und Medien irritiert hat. Jetzt kommt die Retourkutsche. Nichtsdestotrotz stelle ich immer wieder mit Erstaunen fest, dass die Pharmaindustrie in den Mittelpunkt der Diskussion über die steigenden Gesundheitskosten gerückt ist. Dabei machen die Medikamente lediglich 10 Prozent der Gesundheitskosten aus. Die Spitäler verursachen 40 Prozent. Tragen nicht auch zuletzt die Managerlöhne dazu bei, dass die Pharmaindustrie als arrogant wahrgenommen wird? Novartis-Chef Daniel Vasella verdiente im vergangenen Jahr 20,5 Millionen Franken. Sie bezogen 3,1 Millionen Franken. Den Lohn von Daniel Vasella kommentiere ich nicht. Es geht bei dieser Frage vor allem um Emotionen. Schon ein Lohn von 500000 Franken ist für manche Leute ein hochsensibles Thema. Aber Ihren Lohn halten Sie für berechtigt? Selbstverständlich bin ich mir bewusst, dass ich ein hohes Gehalt beziehe. Aber: Ich war der Erste, der im Jahr 2007 seinen Lohn von den Aktionären hat bestätigen lassen. Nur gerade 1 oder 2 Prozent stimmten damals dagegen. An der Generalversammlung 2008 hat sich die Anlagestiftung Ethos klar für die Höhe meiner Entlöhnung ausgesprochen. Die Zahl der Mitarbeiter von Galenica hat sich während meiner Amtszeit als Präsident und CEO in den vergangenen 14 Jahren von 950 auf 6000 versechsfacht. Als einziges Schweizer Unternehmen haben wir 14 Jahre in Folge ein Gewinnwachstum im zweistelligen Prozentbereich präsentiert. In der gleichen Periode nahm der Gewinn von 20 Millionen auf 200 Millionen Franken zu. Der Börsenwert hat sich verachtfacht. Ich denke, ich habe genug Argumente, um meinen Lohn zumindest zu rechtfertigen. Um wieder auf die Gesundheitskosten zurückzukommen. Wie könnten diese aus Ihrer Sicht gesenkt werden? Es fängt bei den Versicherten an. Die Krankenkasse ist eine Versicherung gegen Krankheiten. Trotzdem herrscht die Mentalität vor: «Wenn ich schon 3000 Franken im Jahr an Prämien zahle, will ich auch die Leistungen beziehen.» Ich lege ja auch nicht in meinem eigenen Haus Feuer, nur damit ich die Leistungen meiner Feuerversicherung beziehen kann. Für mich sind aber die Spitalkosten das Hauptthema. Der Kantönligeist hat dazu geführt, dass alle Kantone die neuste Technologie und alle medizinischen Dienstleistungen in ihren Spitälern haben wollen. Ich als Neuenburger begreife beispielsweise nicht, warum Neuenburg und La Chaux-de-Fonds je eine Frauenklinik brauchen. Das ist doch völlig absurd. Mit dem Auto liegen beide Städte höchstens eine Viertelstunde voneinander entfernt. Wie wirken sich die Kostensenkungsmassnahmen des Bundes auf Galenica aus? Wir rechnen bei den Medikamenten mit Mindereinnahmen im einstelligen Millionenbereich. Das hat dazu geführt, dass wir Projekte aufgeben mussten. Im Pharmabereich planten wir, 40 neue Stellen in der Schweiz zu schaffen. Dieses Vorhaben wurde mit sofortiger Wirkung gestoppt. Galenica stellt nicht nur Medikamente her und vertreibt solche, sondern verkauft Arzneimittel auch über eigene Apotheken. Wie gut kommt die Integration der kürzlich übernommenen Westschweizer Apothekenkette Sun Store voran? In zwei Worten: sehr gut. Sun Store ist seit Juli vollständig eingebunden in den Geschäftsbereich Retail, der seinen Hauptsitz übrigens auch in Bern hat. Sun Store, mit Sitz in St-Sulpice, wird unter dem heutigen Markennamen weiterhin selbstständig geführt. In der Westschweiz haben vor allem kleine Hersteller Angst, dass Galenica zu marktbeherrschend wird und sie aus dem Sortiment wirft. Ich könnte jetzt abwiegeln und sagen, dass wir niemanden aus dem Sortiment werfen. Ich will aber ehrlich sein. Warum sind Apothekenketten entstanden? Warum werden diese immer grösser? Weil der Druck der Behörden auf die Medikamentenpreise ständig steigt. Das wiederum heisst, dass es für die kleinen Apotheken immer schwieriger wird, sich zu behaupten. Wer tiefere Preise fordert, muss in Kauf nehmen, dass die Grossen immer mächtiger und die Kleinen immer schwächer werden. Haben Familienapotheken in Zukunft überhaupt noch eine Chance? Ja, wenn sie zwei Bedingungen erfüllen: Sie müssen unternehmerisch denken und an gut frequentierten Standorten tätig sein. Dann treten wir gerne als Partner und Zulieferer auf und unterstützen die Familienapotheken mit unseren Dienstleistungen und Informatikinstrumenten. Vielen Familienapotheken fehlt das Geld für Investitionen. Es gibt aber auch Beispiele von erfolgreichen Apotheken: Nehmen wir etwa Dr.Noyer in Bern. Das ist für mich eine der besten Apotheken der Schweiz, geführt von einer Familie. Die Leute pilgern regelrecht dorthin, weil sie die Beratung von Jean Maurice Noyer in Anspruch nehmen wollen. Das ist absolut beeindruckend und vorbildlich. Interview: Jon MettlerStefan Schnyder >

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