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Die Minerva umschiffte alle Klippen

Heute vor 175 Jahren fuhr das erste Dampfschiff auf dem Zürichsee. Doch es gab grossen Widerstand gegen die Minerva.

Von Marius Huber Schwarzmalerei, beissende Häme und sogar Sabotage – solcherlei Unbill gegen ein Dampfschiff scheint undenkbar, wenn heute Mittag die «Stadt Zürich» vom Bürkliplatz ablegt. Das Dampfschiff ist – anders als die moderne Panta Rhei – ein schwimmender Sympathieträger, dessen Charme sich selbst Landratten nicht ganz verschliessen können. Am 19. Juli 1835 aber, vor exakt 175 Jahren, als zum allerersten Mal ein Dampfer fröhlich beflaggt auf den See hinaus glitt, gab es unter den Zuschauern auch solche, die nicht in den Jubel einstimmen mochten. Die Minerva, ein über 30 Meter langes, laut tobendes Vehikel, dessen zwei mächtige Schaufelräder von mit Holz befeuerten Dampfkesseln angetrieben wurden, war nicht wenigen ungeheuer. Man sei keinen Augenblick vor Explosionen sicher, und in England sei das schliesslich an der Tagesordnung. Genau solche Bedenken versuchten die Unternehmer, die das Schiff nach Zürich gebracht hatten (siehe Kasten), mit einem Propagandakniff zu entkräften. Sie gaben dem Dampfer, der ursprünglich Vulcan hiess, den Namen der Schutzgöttin aller Schiffsbauer. Nie Schiffbruch erlitten Die grössten Schwarzmaler kamen aber aus Expertenkreisen. Ein Familienvater sei leichtsinnig und setze sein Leben aufs Spiel, wenn er ein solches Gefährt besteige. Hinter solchen Reden verbarg sich allerdings eher der Neid, dass eine Gesellschaft mit Wurzeln am Bodensee in ihrem Territorium wilderte. Trotz alledem bestand die Minerva ihre erste Fahrt ohne Probleme: In nur zwei Stunden stampfte sie nach Rapperswil, wo sie freudig begrüsst wurde. Doch für die Gegner des Dampfschiffs liess der erste Moment der Genugtuung nicht lange auf sich warten: Nur wenige Tage nach der Jungfernfahrt geriet im Maschinenraum Holz, das zu nah am heissen Kessel lag, in Brand. Der Steuermann musste zur Beruhigung der Passagiere das Ufer ansteuern. Der Höhepunkt der Diskussionen um die Minerva war im September 1835. Damals verbreitete die «Churer Zeitung» die Schreckensmeldung, «böse Leute» hätten die Minerva zweimal «zu vernichten gesucht», einmal mit einem heimlich an Bord geschleppten Pulverfässchen, ein anderes Mal, indem sie Holzscheite fürs Heizen angebohrt und mit Sprengstoff gefüllt hätten. Ein haltloses Gerücht, wie sich später herausstellte. Die Häme der Kritiker entlud sich schliesslich hemmungslos, als die Minerva im Januar 1836 zwei Monate vor Uerikon im Eis feststeckte. «Wie eine angeschossene Ente», spotteten Schiffleute in einem Zeitungsinserat. «Wo bleibt nun deine Herrlichkeit, deine Grösse, mit der du, Seetier, stolz auf die kleinen Wasserentchen, die schwimmenden Schiffchen herabsahst?» So etwas brächten nur Schiffsführer vom Bodensee zustande und wäre Zürchern nie passiert. Die ganz grosse Havarie, die manche der Minerva gewünscht hätten, ereilte diese aber nie. 1839 wurde sie, umgetauft auf den Namen Splügen, auf den Walensee verlegt. Den Schneesturm vom 16. Dezember 1850 überstand sie im sicheren Hafen. Nicht so ihr Schwesterschiff, die Delphin. Diese sank – nur ein Hund soll schwimmend das Ufer erreicht haben. Das Wrack wurde später in 125 Metern Tiefe geortet und geborgen. Ein unschönes Ende nahm auch das Nachfolgeschiff der Minerva auf dem Zürichsee, der Republikaner. Es versank in seinem Winterquartier in Richterswil, weil man bei der Wartung gespart hatte – nur ein Teil des Kamins ragte noch aus dem Wasser. Der Minerva hingegen war noch ein Comeback auf dem Zürichsee vergönnt, ehe sie 1863 aus dem Verkehr gezogen wurde. Die Informationen entstammen mehrheitlich dem Buch «Zürichsee-Schiffahrt. Geschichte, Technik, Kultur». Hg. Josua Dürst. Stäfa, 1986. Zwei Stunden nach der Abfahrt in Zürich erreichte das erste Dampfschiff auf seiner Jungfernfahrt heute vor genau 175 Jahren Rapperswil. Foto: PD

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