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Die Grenzen verschoben

Mauro Lustrinelli strebt das 100. Tor seiner Super-League-Karriere an. Heute stürmt er mit Bellinzona gegen den FC Zürich.

Von David Wiederkehr, Bellinzona Was, wenn Mauro Lustrinelli morgen im Letzigrund fünf Tore schiesst? Zuerst einmal hätte der FC Zürich ein grösseres Problem. Vor allem aber würde es für den Stürmer der AC Bellinzona bedeuten, dass er eine bedeutende Marke im Schweizer Fussball erreicht hätte. Als erst 36. Spieler in der Geschichte der höchsten Spielklasse wären ihm dann 100 oder mehr Treffer gelungen. Dass es schon an diesem Wochenende im Auswärtsspiel beim FCZ so weit kommen könnte, damit rechnet Lustrinelli natürlich nicht. Aber es ist eines seiner Ziele der Saison. Mit 95 Toren ist der 34-Jährige zweitbester noch aktiver Torschütze – von diesen hat nur Hakan Yakin mehr als 100 Treffer erzielt, 128 genau. Während Alex Frei als Nummer 3 wiederum bei 73 Toren steht. «Diese Marke würde mir sehr viel bedeuten», sagt Lustrinelli, der seine Tore fast ausschliesslich für sogenannte kleine Klubs schoss – sieht man von seinem jüngsten halbjährigen Engagement bei YB ab. In Bellinzona war Lustrinelli 1999 Profi geworden. Über Wil, Thun, Sparta Prag und Luzern fand er vor zwei Jahren zurück zu seinem Stammklub, und er kehrte heim als Champions-League-Torschütze mit Thun und WM-Teilnehmer 2006. Zwölfmal spielte er für die Schweiz, ohne je eine starke Lobby gehabt zu haben. Doch wenn Lustrinelli nun auf die statistischen Eckdaten seiner lange andauernden Karriere blickt, sagt er: «Doch, darauf kann ich schon sehr stolz sein. Wer hätte das vor zehn Jahren gedacht?» Er selbst, der zu jener Zeit in Lugano sogar noch Wirtschaft studierte, jedenfalls nicht. «Als Fussballspieler in der Nationalliga?B bei Bellinzona träumt man doch nicht von der Champions League.» Vielmehr ist der Kampf gegen den Abstieg Alltag – zumal nach der vergangenen Saison, die fast mit der Relegation geendet hätte. Nun aber gelangen den Tessinern in der jungen neuen Saison zwei grosse Überraschungen: Nacheinenader bezwangen sie die Young Boys (2:1) und Basel (1:0). In beiden Partien schoss Lustrinelli das Tor zum 1:0. «Wir haben die Gunst der Stunde genutzt», sagt Lustrinelli. Beide Gegner waren rund um das Bellinzona-Spiel mit der Champions-League-Qualifikation beschäftigt – «ich kann mir gut vorstellen, dass man als Spieler da nicht besonders motiviert nach Bellinzona kommt». Der Stürmer glaubt vor dem Spiel in Zürich an die Chance eines dritten Sieges in Serie. Er sagt aber ebenso realistisch: «Für jeden Sieg müssen wir über unsere Grenzen gehen. Und selbst dann ist es gut möglich, dass wir verlieren.» Der überraschende Transfer In Bellinzona ist Lustrinelli nicht einfach der Dorfkönig, er ist der eigentliche Star einer durchschnittlichen Mannschaft. Auf der Piazza Stadio hingegen sucht man ihn vergeblich. 26 Porträts hängen an der Rückwand der Stadion-Haupttribüne, 26 Spieler der AC Bellinzona. Nur das wichtigste Gesicht fehlt. Das ist einfach begründet: Das XXL-Poster stammt aus dem vergangenen Februar – und wurde fünf Tage nach Lustrinellis Wechsel zu den Young Boys installiert. Dieser Transfer, eine Ausleihe über drei Monate, kam überraschend. Selbst für Lustrinelli: Der damalige Bellinzona-Trainer Alberto Cavasin hatte im Abstiegskampf ausgerechnet für den Stürmer keine Verwendung mehr und stellte diesem einen Stammplatz auf der Tribüne in Aussicht. Und plötzlich sah Lustrinelli die Gelegenheit, zum ersten Mal in seiner Karriere Meister zu werden. Er fand seine Ansicht bestätigt, wonach «immer eine Tür aufgeht, wenn eine andere zugeschlagen wird». Nach dem verpassten Meistertitel in Bern und der wenig befriedigenden Aussicht auf eine Reservistenrolle bei YB in der neuen Saison ging die Tür in Bellinzona wieder auf. Roberto Morinini hiess dort mittlerweile der Trainer, und der setzt auf den früheren Nationalstürmer. Wohl auch, weil Lustrinelli Sätze sagt wie: «Tore zu schiessen, ist mein Beruf. Diese Arbeit verrichte ich mit grosser Liebe.» Noch ein Jahr läuft der Vertrag mit Bellinzona; es ist höchst wahrscheinlich, dass er noch einmal verlängert wird und Lustrinelli die Karriere dort beendet, wo sie begonnen hatte. Danach würde er gerne Trainer werden. «Der Fussball, das ist meine Welt», sagt er. Nur: Er wirkt zuweilen fremd in dieser Welt. Weil in ihr ein abgeschlossenes Studium selten ist möglicherweise oder weil nicht mancher Fussballer ohne Scham zugibt, wenn er sich im mentalen Bereich professionelle Hilfe holt. Seit fast fünf Jahren arbeitet Lustrinelli mit einem Mentaltrainer – heute nicht mehr so regelmässig wie 2005/2006, als ihn Champions-League-Tore und Weltmeisterschaft zu überrumpeln drohten. Seither verhalte er sich weniger instinktiv, lebe als Mensch wie als Fussballer bewusster. «Und vor allem», sagt er, «bin ich jetzt überzeugt von mir.» Der Star und seine Mannschaftskollegen: Mauro Lustrinelli vor dem Bellinzona-Poster an der Rückwand des Stadions. Foto: Reto Oeschger

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