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Die Dampfbahn gefällt nicht allen

Nostalgisches «Tschu-Tschu» oder qualmendes Übel? Die Oberländer Dampfbahn erhitzt die Gemüter.

Von Melanie Pfändler Hinwil/Bauma – Rund 250 Oberländer unternahmen am Samstagnachmittag eine Zeitreise. Gemütlich tuckerten sie mit der Oberländer Dampfbahn zwischen Hinwil und Bauma hin und her, erfreuten sich an dem nostalgischen Erlebnis und stiessen mit einem Glas Wein auf die guten alten Zeiten an. Doch bekanntlich war auch in der Vergangenheit nicht immer alles nur Friede, Freude, Eierkuchen. Lärm, Rauchschwaden und brennende Wiesenstücke sorgen bei den direkten Anwohnern der Strecke schon seit Jahren für Unmut. Vor allem die glühend heissen Kohlestücke, die in die Gärten gewirbelt werden, stellen ein grosses Ärgernis dar. «Wir haben Brandlöcher auf unserem Trampolin und dem Dach unseres Wohnwagens», beklagt sich etwa Judith Spalinger, die mit ihrer Familie am Dorfausgang von Hinwil lebt. Auch auf den Fensterscheiben und der Fassade sei die Ablagerung der Rauchpartikel sichtbar. «Sollte es einmal zu einem grösseren Schaden kommen, werden wir Schadenersatz verlangen – notfalls auch vor Gericht», sagt Spalinger entschlossen. Bestärkt von ihren Nachbarn, hat sie Ende April beim DVZO per Mail Beschwerde eingereicht. In seiner Antwort wies der Verein darauf hin, dass er für solche Vorfälle nicht hafte. Die Anwohner seien sich dieser speziellen Umstände schliesslich bewusst und hätten die Möglichkeit, ihr Eigentum besser zu schützen. Unter Umständen müsse man auch mehr Reinigungsarbeit in Kauf nehmen. «Eine plumpe Abweisung», wie Spalinger meint. Eine andere Anwohnerin wandte sich mit ihrer Reklamation nicht an den DVZO, sondern direkt an den Ombudsmann des Kantons Zürich. Da es sich dabei jedoch erst um die zweite Beschwerde innerhalb von neun Jahren handle, kam dieser zum Schluss, dass keine Intervention vonnöten sei. Nur Schall und Rauch? Doch nun hat der DVZO aus eigenem Antrieb einen Schritt getan, um diesen Differenzen auf friedlicherem Wege beizukommen. So hatte der Verein die Fahrt am Samstag extra für die Anwohner veranstaltet. Etwa ein Drittel der Eingeladenen nahm in den mehr als hundertjährigen Waggons Platz. «Eine Museumsbahn ist ein Feuerteufel, keine Frage», gesteht DVZO-Präsident Hugo Wenger ein. «Und für manche Vorwürfe habe ich absolut Verständnis.» Der DVZO bemühe sich deshalb, die Immissionen so gering als möglich zu halten. Ab August sei eine teurere Kohlensorte im Einsatz, welche weit weniger Rauch verursache. Und in der Winterpause werde man den Einsatz eines feinmaschigeren Filters prüfen. Doch auch solche Veränderungen könnten die Situation nur bis zu einem gewissen Grad entschärfen – schliesslich sei die Strecke Hinwil–Bäretswil–Bauma stellenweise steiler als der Gotthard, sagt Wenger. Auch die Witterung habe einen entscheidenden Einfluss: An trockenen Tagen reiche ein kleiner Funke, um das Gras an den Bahnböschungen zu entzünden. Meist seien diese Brände völlig harmlos und schnell gelöscht, beruhigt Infrastrukturchef Daniel Rutschmann. Vor einem Monat sei in Kempten allerdings die Feuerwehr ausgerückt, weil ein Lokführer der SBB vorschriftsgemäss Alarm geschlagen habe. Die meisten Anwohner tragen solche Zwischenfälle mit Fassung. «Wenn wir Gäste haben, rennen immer alle in den Garten, sobald das ’Tschu-Tschu’ vorbeifährt», erzählte eine Anwohnerin schmunzelnd. Auch die übrigen Passagiere wussten nur Positives zu berichten: Die Dampfbahn sei aus der Gegend nicht mehr wegzudenken. Schliesslich sei sie auch schon länger da als sämtliche Wohnhäuser. «Wer mit dem Bähnli auf Kriegsfuss steht, fährt heute sicher nicht mit», erklärte eine Bäretswilerin den wohlwollenden Grundtenor. «Klar, manchmal stinkt es schon», fügte sie schulterzuckend hinzu, «doch dann lüftet man eben einmal kräftig durch.» «Und zudem fährt die Bahn ja nur an zwei Tagen im Monat», relativierte ein Herr am Nebentisch. «Und beim Grillieren rauchts ja auch», ergänzte ein anderer. Eva Künzi aus Hinwil erinnert das Bähnlein an ihre Kindheit. Sie plädierte für einen lockeren Umgang: «Die Leute stören sich an den Kuhglocken, dem Läuten der Kirche und sogar an lautem Kinderlachen. Fragt sich, ob mit dem Bähnlein oder mit der heutigen Gesellschaft etwas nicht stimmt.» Die mehr als hundertjährige Lokomotive sei ein «Rauchteufel» – das weiss auch der Dampfbahnverein. Foto: Nathalie Guinand

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