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Die Beobachterin, die einfach schreiben muss

Sie zwinkert tout Kilchberg einmal im Monat mit den Augen zu. Und sie sagt von sich: «Andere lismeten - ich schrieb.» Irmgard Peyer gehen die Stoffe nie aus.

Kilchberg. - Irmgard Peyer hat eine Gabe, um die sie viele Leute beneiden: Um Worte ringen muss sie nie. Nimmt sie einen Notizzettel in die Hand, sind ein Schreiber und eine neue Geschichte nicht mehr weit. Auch im Gespräch fliessen Gedanken, Ideen, Erinnerungen und Beobachtungen laufend spontan ineinander. Genauso verschlingt sie, was andere auf Papier bringen oder in der Begegnung berichten. Diese Frau ist voller Energie, auch mit über 70 kaum zu bremsen. «Es läuft einfach», sagt sie und meint damit: Inspiration ist immer und überall. Im Dorf beim Einkaufen etwa. Da geht sie zwischen parkierten Autos durch und schaut, was es in diesen zu entdecken gibt. Oder sie sammelt Peinlichkeiten aus ihrem öffentlichen und privaten Umfeld.

Darüber schreibt sie einmal im Monat in ihrer Rubrik «Augenzwinkern» im «Kilchberger», dem kommunalen Mitteilungsblatt. Resolut oder witzig oder angriffig oder (selbst)ironisch. Oder alles zusammen. Einigen geräts in den falschen Hals, andere applaudieren. «Das bekomme ich dann am Telefon zu hören oder in Briefen zu lesen», sagt Irmgard Peyer. Besonders freut sie sich, wenn es heisst: «Sie haben mir aus dem Herzen gesprochen.» So verleiht sie mit ihrem Lebenselixier, dem Schreiben, anderen, die die Worte nicht finden würden, doch noch eine Stimme.

Das Schreibtalent

Aufgewachsen ist sie im Baselbieter Dorf Oberwil im Leimental zusammen mit vier Geschwistern. «Jedes bekam ein Talent mit auf den Weg», sagt sie. In ihrem Fall ist daraus ein umfangreiches Werk entstanden. Dennoch verneint Irmgard Peyer einen literarischen Anspruch und sieht sich auch nicht als Schriftstellerin. Publiziert wird nur ein kleiner Teil.

«Meine Sachen sind in Kisten und Ordnern gesammelt, vielleicht gräbt sie eines Tages jemand aus, vielleicht werden sie fortgeworfen», sagt sie mit einem Lachen. Oft lese sie ihren Freundinnen oder Bekannten neue Texte vor, ehe sie entscheide, «ob ich sie auf die Menschheit loslasse.»

Meine Sachen - das sind haufenweise Notizzettel, aber auch Briefe, die sie «in der Wolle» schreibt, um Dampf abzulassen oder Gedichte aus der Jugendzeit - alles nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Es sind aber auch ihre Bühnenwerke, etwa die fünf Kindermusicals, mit denen der Kilchberger Kinderchor vor gut 30 Jahren eine Blütezeit erlebte, oder ihre eigene Interpretation der Weihnachtsgeschichte. Und ihre Schnitzelbänke von der Basler Fasnacht. Und ihre Cabaret-Nummern für das Cabaret Cholesüüri, mit dem sie bis in die 90er-Jahre durch das Land tingelte. «Wenn ich irgendwo eingeladen war, hiess es stets, du kannst doch gut texten, mach etwas Lustiges», sagt sie zur grossen Kollektion. Nein zu sagen, fällt ihr eben schwer.

Gelungen ist es ihr jedoch bei den Vereinen, da blieb sie konsequent draussen. «Sonst hätte ich in Kürze die GV-Protokolle geschrieben und wäre, weil ich nicht aufs Maul hocken kann, gleich in den Vorstand gewählt worden.» Irmgard Peyer braucht Freiheit und Bewegungsraum jenseits der Herde. Eine Optimistin wie sie droht in festen Funktionen und starren Denkmustern unterzugehen. Wer zudem andere und ihre Sorgen dicht an sich heranlässt und - ohne Geschwätzigkeit - bereit ist, viel von sich preiszugeben, braucht zum Selbstschutz Distanz. «Ich lebe am Rand», sagt sie doppeldeutig in ihrer Wohnung an der Grenze zur Stadt Zürich, «und beobachte die Welt von hier aus.»

Die Heimatdichterin

Ihr breitestes Publikum erreichte Irmgard Peyer in der «Schnabelweid» von Radio DRS 1. Auch Müsterchen aus ihrer letzten CD «Luuszapfeziit» mit Geschichten aus ihrer Jugendzeit waren in dieser Mundartsendung zu hören. Da lägen doch als Nächstes Kilchberger Geschichten nahe. Irmgard Peyer winkt ab. «Wer von den Alten will das noch wissen, und die Neuzuzüger interessiert es ohnehin nicht.» Schon einen Moment später legt sie mit einer Anekdote über die Schriftstellerwitwe Katja Mann los. Das Nein wankt. Man darf hoffen.

«Ich bin optimistisch, meist fröhlich und kann gut zuhören»: Irmgard Peyer.

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