Zum Hauptinhalt springen

Der verwunschene Garten

MArtin Heim

Niemand weiss genau, wann das Haus von seinen letzten menschlichen Bewohnern verlassen wurde. Es ist zwar ein altes Haus, aber von ausladender Grösse. Auch steht es nicht still und bescheiden in einem verschämten Winkel einer knapp bemessenen Liegenschaft. Einstigen Wohlstand seiner Bewohner ausstrahlend, steht es würdevoll und wohlplatziert auf einem Landstück von ansehnlicher Ausdehnung. Gegen Süden und Westen hat es ein paar schattenspendende Bäume. Sie sind im Verlaufe der Zeit von wild wucherndem Gestrüpp und Gebüsch in die Mangel genommen worden. Zugang zum Haus kann man sich ohne weiteres verschaffen. Ein einfach begeh- und befahrbarer Naturweg führt durch das Landstück direkt dorthin. Es lohnt sich allerdings, nicht zu fahren, sondern zu gehen. Denn alles, was schneller ist als zu Fuss, ist zu schnell. Der Wegrand ist bewachsen mit verschiedensten Gräsern und Blumen. Auch wenn man botanisch nicht sattelfest ist, fallen allgemein bekannte Arten wie Veilchen, Nelken und Wegwarten auf. Besondere Erwähnung verdienen die sechs Gewächshäuser. Beidseits des Weges stehen sie dicht aneinandergereiht, jedes um die fünfzehn Meter lang. Von aussen sind sie alle mit Brombeerstauden und anderem Dornengestrüpp eingewachsen. Fast Unglaubliches ist allerdings im Inneren der Glashäuser auszumachen: Sie sind vollgewuchert mit einem gewaltigen Wirrwarr von Brombeerstauden. Es ist nicht vorstellbar, das sich dort drin in den letzten Jahren ein menschliches Wesen hätte aufgehalten haben können. Was ich bis jetzt verschwiegen habe, ist, dass sich das alles im sonnigen und sehr warmen Italien befindet. Ich ertappe mich dabei, wie ich reflexartig nach meinen bloss in Sandalen steckenden Füssen sehe. Immerhin scheine ich mich in einem Schlaraffenland für giftige Schlangen und Skorpione zu befinden. Die Szenerie gleicht einem verwunschenen Garten. Einfach vorzustellen, dass hier irgendwo Dornröschen in seinem hundertjährigen Schlafe liegt. Die Tür zum Haus ist nur leicht angelehnt und geht fast von selbst auf. Vorsichtigen Schrittes geht es durch den Korridor über die Treppe in den ersten Stock. Überall hängen staubbehangene Spinnengewebe von der Decke. Eine alte Lampe erzählt von ehemaliger wohnlicher Behaglichkeit. Aus den Wänden dringt ein intensiver Modergeruch, der das ganze Haus beherrscht. Ehemalige solide Bürgerlichkeit wird zunehmend von der Vergänglichkeit in Beschlag genommen. Eine am Boden verstreute Münzensammlung und wahllos hingeworfene Haushaltgegenstände lassen auf Plünderung schliessen. In einem Küchenschrank stehen Flaschen mit Flüssigkeitsresten. Vom Fenster her fällt ein schmaler Lichtstrahl in ein sehr wohnlich eingerichtetes Zimmer. An einer Wand steht eine Kommode. Dort sind alte Familienfotos aufgereiht. Mein Blick wandert weiter und bleibt schliesslich auf einem reinlich zurechtgemachten Bett haften. Denn auf diesem Bett liegt ein kleiner Zettel mit etwas Hingekritzeltem. Natürlich schaue ich jetzt genauer hin. Und was ich schliesslich entziffern kann, erstaunt mich doch sehr. Denn es ist die Faxnummer des Solothurner Tagblattes. Das erinnert mich an diese Kolumne hier, die ich noch zu schreiben habe. Dass es die letzte sein würde, kommt mir dabei nicht in den Sinn. Auch ist nichts davon auf dem Zettel zu lesen. Aber vielleicht steht das auf einem ganz andern Zettel geschrieben… Martin Heim ist freischaffender Künstler und Zeichnungslehrer. Er lebt in Neuendorf.>

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch