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Der Rhein erholt sich nicht richtig vom rekordwarmen Frühling Zu wenig Wasser im Rhein

Eine Berner Studie zeigt, dass sich der Abfluss des Rheins nach einem Frühling wie in diesem Jahr meistens nicht normalisiert. Häufen sich Niedrigwasserperioden, steht der Ruf der Binnenschifffahrt auf dem Spiel.Eine Berner Studie zeigt, dass sich der Abfluss des Rheins nach einem Frühling wie in diesem Jahr meist nicht normalisiert. Häufen sich Niedrigwasserperioden, steht der Ruf der Binnenschifffahrt auf dem Spiel.

Von Martin Läubli Der rekordwarme und ungewöhnlich trockene Frühling wirkt im Rhein bis heute nach. Der Fluss hat sich noch nicht erholt. Schifffahrtsbetriebe und Transportunternehmen passen ihre Ladungen nach wie vor dem Pegelstand an. Und dies sogar im Sommer: Normalerweise weist der Rhein in dieser Jahreszeit einen überdurchschnittlich hohen Abfluss auf. Doch seit Wochen schwankt der Pegel im Umschlaghafen Basel zwischen 500 und 560 Zentimetern. «Das ist immer noch eher wenig Wasser, komfortabel wären 600 Zentimeter, dann hätten wir keine Sorgen», sagt Nina Hochstrasser von der Hafenorganisation «Schweizerische Rheinhäfen». Nach einem Gewitter wie in der vergangenen Woche steigt der Pegel zwar schnell einmal auf diese Höhe, doch einige Tage später – so die Erfahrung dieses Sommers – sinkt er wieder auf ein niedriges Niveau. Das ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Speicherstände in den Seen und im Grundwasser tief sind. «Obwohl wir in den letzten Wochen am Alpennordhang grössere Niederschläge hatten, ist die Abflussmenge im Rhein und in anderen grösseren Flüssen der Schweiz sehr tief für diese Jahreszeit und derzeit mit dem Hitzesommer 2003 vergleichbar», sagt David Volken, Hydrologe beim Bundesamt für Umwelt. Schuld ist nicht nur der fehlende Niederschlag im Frühling, sondern auch die relativ dünne Schneedecke im Winter, die zu wenig Schmelzwasser brachte. Vor 60 Jahren gab es das letzte Mal so wenig Schnee in den Alpen. Wenig Hoffnung für Schifffahrt Die Transportkosten sind bei vielen Unternehmen durch die Niedrigwasserperiode gestiegen. Die Basler Firma Danser beispielsweise, die unter anderem zehn eigene Containerschiffe betreibt, rechnet mit Mehrkosten von 50 Prozent, weil die Schiffe nicht optimal beladen werden konnten und deshalb zusätzliche Schiffe im Einsatz waren. Etwa 10 bis 15 Prozent der Schweizer Importgüter gelangen über die Rheinhäfen in die Schweiz. Davon sind etwa die Hälfte Mineralölprodukte. Können die Unternehmen noch für diesen Sommer auf einen Pegelstand im Rhein hoffen, der für alle Transportschiffe eine Volllast zulässt? Dazu besteht wenig Hoffnung, wenn sich bewahrheitet, was Berner Hydrologen in einer noch unveröffentlichten Studie herausfanden. «In diesem Sommer ist vermutlich nicht mit einer Normalisierung des Rheinpegels zu rechnen», schreiben Guido Felder und Rolf Weingartner. Die Wissenschaftler der Gruppe Hydrologie am Geographischen Institut der Universität Bern verglichen die gemessenen Abflussdaten des Rheins bei Basel der letzten 150 Jahre mit den entsprechenden Niederschlags- und Temperaturwerten im Frühling. Seit 1864 sind 14 Fälle registriert worden, bei denen das Frühjahr ähnlich trocken und warm ausfiel wie in diesem Jahr; in 12 dieser Fälle lag dann der darauffolgende mittlere Sommerabfluss teilweise weit unter dem langjährigen Durchschnitt der Periode von 1864 bis 2009. Die Berner Forscher schätzten zudem mit einem statistischen Modell, wie gross der mittlere Rheinabfluss bei Basel nach einem Frühling wie dem vergangenen sein müsste. Sie kamen auf Abflusswerte, wie sie im Sommer 2003 gemessen wurden. «Es braucht flächendeckend sehr viel Niederschlag», sagt der Berner Hydrologieprofessor Rolf Weingartner. Das sei jedoch unwahrscheinlich: Das alpine Einzugsgebiet des Rheins ist ungefähr 36 000 Quadratkilometer gross. Böse Zukunft für Gletscher Der Rekordfrühling betraf nicht nur den Rhein in der Schweiz, sondern er wirkte sich auf der gesamten Länge der total 1230 Kilometer von der Quelle in den Alpen bis zur Nordsee aus. Werden sich solche Ereignisse in Zukunft mit dem Klimawandel häufen? Die neusten Klimaszenarien der ETH Zürich für die grossen nationalen Klima- und Hydroprojekte CCHydro und NFP61 zeigen für Europa eine deutliche Erwärmung in den nächsten 40 Jahren und besonders bis Ende des Jahrhunderts, falls der Trend nicht durch Klimaschutzmassnahmen gestoppt werden kann. Zudem sieht laut Computermodellen die Zukunft für die grossen Schweizer Gletscher bis Ende des Jahrhunderts wenig rosig aus. Neben den kleineren und mittleren Gletschern sollen auch die grossen wie Aletsch und Morteratsch bis auf kleine Reste in den höchsten Gipfellagen völlig abschmelzen. Verregnete Winter Die Klimaforscher erwarten weiter im Winter mehr Regen als Schnee, weil die Nullgradlinie steigen dürfte. Bedeutend ist, dass die Schneeschmelze wegen der Erderwärmung nach den Modellen einen Monat früher eintrifft und damit auch die Abflussspitze des Rheins. Die Verfasser des neuen Berichts «Rheinblick 2050» der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins erwarten für die zweite Hälfte des Jahrhunderts im gesamten Einzugsgebiet des Rheins eine Abnahme des Niederschlags um 10 bis 15 Prozent. Kommt hinzu, dass die verstärkte Verdunstung den Abfluss zusätzlich verringert. «Grundsätzlich müssen sich die Schifffahrts- und Transportunternehmen bewusst sein, dass der Rhein längerfristig im Sommer weniger Wasser führt», sagt Hydrologe David Volken. Die Frage ist aber: wie viel weniger? Bisher war der sommerliche Abfluss im Rhein im Vergleich zum Jahresdurchschnitt überdurchschnittlich hoch. «Der Klimawandel kann auch zu einem Ausgleich über das ganze Jahr führen, sodass sich die mittleren Abflussmengen im Sommer- und Winterhalbjahr annähern», sagt der Hydrologe Rolf Weingartner von der Universität Bern. Für ihn geben Klimaszenarien nur Hinweise, wo die Entwicklung generell hingeht: «Letztlich sind aber die einzelnen Witterungsabläufe entscheidend, wie dieser Sommer zeigt», sagt er. Es wird trotz Klimawandels immer wieder Jahre geben mit viel Schnee in den Alpen und grösseren Abflussmengen im Frühling. Was auch immer in Zukunft zu erwarten ist: Das Risiko für häufigere Pegelstände im Rhein, die gegenüber heute deutlich tiefer liegen, nimmt im Sommer zu. Und das alpine Einzugsgebiet spielt fürs gesamte Flusssystem eine grosse Rolle. Im Jahrhundertsommer 2003 stammten 60 bis 70 Prozent des Rheinwassers aus den Alpen.Mit welchen Massnahmen kann man sich darauf vorbereiten? Soll man in Zukunft vorbeugend mehr Regenwasser im Winter für den Sommer zurückhalten? Das hält David Volken vom Bundesamt für Umwelt für illusorisch. «Die Mittel- und Alpenrandseen sind bis auf Walen- und Bodensee reguliert. Und die Speicherseen in den Alpen sind in vielen Fällen zu hoch gelegen, als dass dort Niederschlag in Form von Regen fallen würde.» Keine Patentrezepte Auch die Hafenorganisation Schweizerische Rheinhäfen stellt sich die Frage, wie die Binnenschifffahrt auf die Folgen des Klimawandels reagieren könnte.Massnahmen gegen die prognostizierten häufigeren Niedrigwasserstände im Rhein würden jedoch erst rein theoretisch angedacht, so Nina Hochstrasser. Eigentlich käme nur eine Austiefung der Fahrrinne infrage. Das sei aber sehr teuer, und die ökologischen Folgen seien nicht geklärt. So bleibt vorläufig nur, die Schiffe nach dem Pegelstand zu beladen. Bis heute hat der Konsument die Mehrkosten dafür nicht tragen müssen. Ein Problem sei jedoch, dass die Binnenschifffahrt den Ruf eines zuverlässigen Transportsystems verlieren könnte, wenn sich Niedrigwasserperioden häuften, ist bei der Basler Transportfirma Danser zu vernehmen. Dann würden Kunden sich überlegen, auf die Bahn zu wechseln. Die für den Schweizer Aussenhandel bedeutenden Rheinschiffe können wegen des tiefen Wasserstandes weniger Güter transportieren. Foto: Christian Flierl

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