Zum Hauptinhalt springen

Der Mörder käme heute straffrei davon

Annika Hutter ist auf einem Parkplatz bei Kemptthal verschwunden, vor genau 30 Jahren. Damit ist der Fall verjährt. Jüngste Fahndungserfolge sind nun wertlos.

Von Gabriela Frischknecht Lindau – Der 11. Juli 1981 war ein Samstag, der Tag, an dem Annika Hutter in der Nähe von Kemptthal zum letzten Mal gesehen wurde. Seither ist die damals 18-jährige Schülerin verschwunden. Vor zehn Jahren nahm die Interessengruppe für ungelöste Fälle mit Sitz in Lindau die Suche nach Hutter auf, nachdem die Mutter der Verschwundenen der IG das Mandat für den Fall erteilt hatte. Die Zahlreiche Indizien und Zeugenaussagen, die sich in den zwanzig Jahren seit dem Verschwinden angesammelt hatten, deuteten daraufhin, dass Annika Hutter einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen war. Vierzig Hinweise eingegangen Als IG-Initiant Markus Fisler im letzten Herbst – kurz vor Ablauf der Verjährungsfrist – gemeinsam mit weiteren IG-Mitgliedern eine Flugblattaktion startete, um vielleicht neue Zeugen zu finden, kam für einige Monate etwas Leben in den Fall. Neben dem grossen Medienecho gingen bei der IG Ungelöst neue Hinweise ein. «Fast vierzig Personen haben sich aufgrund der Aktion bei uns gemeldet», sagt Fisler. Eine Person erzählte, sie habe Annika Hutter kurz nach deren Verschwinden im Anhänger eines Personenwagens gesehen, der auf der Hauptstrasse von Frauenfeld nach Winterthur fuhr. «Das sind einerseits ganz neue Aspekte, die den Fall auf die andere Seite des Kemptthals verlagert, anderseits stützt diese Aussage unseren bisherigen Verdacht.» IG hat Entführer im Visier Die IG Ungelöst hat seit einigen Jahren einen potenziellen Entführer im Visier. Dies aufgrund von Aussagen einer mittlerweile verstorbenen Person, die aus dem nahen Umfeld des möglichen Täters kommt. Die IG nahm mehrere Jahre lang weitreichende Abklärungen im Umfeld des verdächtigen Mannes vor, aus denen man gemäss Fisler wichtige Erkenntnisse gewonnen hat. Weil die Person, die diese Aussagen machte, jedoch verstorben ist und mit ihren Verdachtsmomenten nicht bei der Polizei vorstellig geworden war, gelten diese bei der Justiz als «aus zweiter Hand» gewonnene, minderwertige Aussagen. Mit dieser neuen Zeugenaussage erhärtet sich der Verdacht jedoch weiter. «Was wir nun erfahren haben, schliesst den möglichen Täter nicht aus, im Gegenteil», sagt Fisler. So habe auch dieser einen entsprechenden Autoanhänger sowie einen Mofaanhänger besessen. In Letzterem war Annika Hutter am Tag ihres Verschwindens gesehen worden. Ihr defektes Mofa hatte man rund fünfzig Meter von der Strasse entfernt gefunden.«So, wie der Fall sich präsentiert, muss man vom schwersten Delikt, also von Mord, ausgehen», erklärt Tanja Knodel, Vorstandsmitglied des Zürcher Anwaltsverbands, und bestätigt, dass hier die Strafverfolgung nach dreissig Jahren verjährt. Würde sich ein Täter in nächster Zeit zu erkennen geben, könnte er für sein Verbrechen nicht mehr belangt werden. Möglicherweise sei dies aus Sicht der Familie stossend, sagt die Strafverteidigerin. «Es kann aber durchaus sein, dass nach so langer Zeit auch das Interesse der Betroffenen nicht mehr vorhanden ist.» Nicht mehr öffentlich machen Für die Verjährungsfrist sprechen laut Knodel durchaus gute Gründe. «Nach dreissig Jahren ist die Beweisführung sehr schwierig, weil Zeugen sich kaum mehr im Detail erinnern können und sich Fantasie und Wirklichkeit oftmals vermischen.» Dies sei ein bekanntes psychologisches Phänomen. Mit dem heutigen Tag kommt auch für IG-Initiant Markus Fisler der Zeitpunkt, nicht mehr öffentlich auf den Fall Annika Hutter aufmerksam zu machen. «Rein juristisch gesehen, ist der Fall damit abgeschlossen, und natürlich muss man es auch selber irgendwann abhaken», sagt Fisler, der betont, dass er dieses Engagement nicht für sich persönlich macht. «Solange aber ernst zu nehmende Verdachtsmomente bestehen, werden wir auf unserer Homepage weiter darüber berichten.» Die IG Ungelöst werde weiter dranbleiben, solange es auch für die betroffene Familie «okay» sei. Seit zehn Jahren am Fall dran Markus Fisler verfolgt den Fall Hutter seit zehn Jahren intensiv. Gedankliche Pausen müsse er sich aber unbedingt nehmen, das sei wichtig, sagt er. «Der Fall darf mich nicht ganz vereinnahmen.» Ein Umstand nagt aber dennoch an ihm, wie er sagt. «Dass möglicherweise ein Gewaltverbrecher mit dem heutigen Tag straffrei ausgeht, kann ich mit meinem Gerechtigkeitssinn schlecht vereinbaren.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch