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Aus dem Schmerz entstand eine Leidenschaft

Sei es mit seinen Nordic-Walking-Stöcken, sei es im Kostüm von Wilhelm Tell - der Ustermer Erich Bossard macht keine halben Sachen.

Uster. - Sein Gang ist forsch. Seinen aufmerksamen Augen entgeht nichts. Seine hagere Erscheinung zeugt von Ausdauer. Diese erarbeitet sich Erich Bossard in seinen Nordic-Walking-Schuhen. «Ich würde leiden, wenn ich nicht mehr draussen Sport treiben könnte», sagt der 81-jährige Ustermer. Seine Passion wurzelt in einer Leidensgeschichte: Ein Bandscheibenvorfall machte ihm bereits im Alter von 20 Jahren das Leben schwer. Er arbeitete in der Baubranche - die Schmerzen zwangen ihn umzusatteln. So übernahm Bossard die Leitung des internen Transports der Firma Zellweger. Dort ruhte er aber nicht: «Ich entdeckte, wie sehr mir die Arbeit mit Menschen Spass macht», sagt er rückblickend. Er vermittle zudem gerne, was er sich erarbeitet habe. Deshalb rief er die Stapelfahrerausbildung ins Leben und instruierte für die Kantone Basel-Stadt und Baselland Arbeitslose im Umgang mit den Hubstaplern.

Ein Mann mit langem Atem

Und immer quälte ihn sein Rücken. «Es gab Nächte, in denen ich mich kaum noch im Bett umdrehen konnte.» Keine Nacht schlief er mehr durch. Plötzlich zeichnet die Erinnerung an diesen Schmerz das Gesicht des Ustermers. «Nein, eine Operation war für mich keine Alternative.» Ende der 90er-Jahre weckten Medienberichte über Nordic Walking in Uster (siehe Kasten) sein Interesse. Diese propagierten diese neue Sportart als schonend. «Es hiess, sie solle die gesamte Muskulatur - auch im Rücken - aktivieren», erinnert sich Bossard. Der Ustermer Urs Ryffel war es, der sich seiner annahm und ihm zum ersten Mal Stöcke in die Hand drückte. Es war «Liebe auf den ersten Schritt». Seither sind die Nordic-Walking-Stöcke Bossards treue Begleiter in ausgiebigen Gängen durch die Oberländer Natur. «Nach und nach wurden meine Muskeln stärker - die Schmerzen liessen nach.» Dies habe seine Zeit gebraucht. Der 81-Jährige hat aber nicht nur einen langen Atem bei allem, was er tut, er legt auch Wert auf Korrektheit. «Ich habe etliche Kurse und Privatlektionen besucht - es ist mir wichtig, alles richtig zu machen.» Technisch sauber sollen seine Bewegungen sein. «Mein Alter hat meine Medaillenträume begraben, es fordert mich trotzdem täglich heraus, mich zu bewegen.» Und spazieren reiche ihm nicht - er müsse dabei schon etwas leisten. Durch Nordic Walking ist Bossard nicht nur seinen Schmerzen davongelaufen, er flieht damit vor dem Schreckgespenst «Pflegefall». «Ich will es so lange wie möglich hinauszögern, pflegebedürftig zu sein.» Zähneknirschend fügt er an, dass ihm manchmal seine Frau beim Sockenanziehen behilflich sein müsse. Weil er selbstständig bleiben will, kümmert er sich auch in seinem stolzen Alter als Abwart um zwei Wohnblöcke - seit 20 Jahren schon. «Das müsste ich nicht - aber Nichtstun wäre für mich der reine Horror.» Sein aufmerksamer, fester Blick zeugt denn auch von beinah unbändiger Lebensfreude. Sie ist ansteckend und hat wohl auch die Einwohner von Saas Almagell in ihren Bann gezogen. Die südlichste Gemeinde im Saastal nennt Bossard sein zweites Zuhause. Seit 28 Jahren ist der Walliser Ort seine Feriendestination. Und seit 11 Jahren ist der Ustermer dort am Nationalfeiertag ein Protagonist. Jahr für Jahr schlüpft er in ein Tell-Kostüm und schultert die Armbrust. Angefangen habe dies mit Bergtouren, die Bossard für den örtlichen Tourismusverein führte. Bald war sein Name im Dorf ein Begriff. Eines Tages war die Rolle des helvetischen Helden verwaist - er sprang ein. Dass Bossard keine halben Sachen macht, zeigt sich auch am Tellkostüm - akribisch genau liess er eine Kopie erstellen und bemühte sich um eine schöne Armbrust. Er schmunzelt: «Schliesslich ist das ein Vertrag auf Lebzeiten.»

Der 81-jährige Erich Bossard läuft dem Schreckgespenst «Pflegefall» davon. So fand er seine Passion: Nordic Walking.

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