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Attika oder vierter Stock?

Das Verwaltungsgericht hat eine Beschwerde gegen die Überbauung Hertenbrünnen in Schliern abgewiesen. Es befasste sich erstmals mit der Frage,

«Stellen wir uns vor, in der Berner Gerechtigkeitsgasse würde der Bauherr die Baulinie geringfügig verändern.» Mit diesen Worten machte Verwaltungsrichter Thomas Müller anschaulich, was eine auf den ersten Blick läppische «geringfügige» Änderung in einem Baureglement für Folgen haben könnte. Das Verwaltungsgericht befasste sich gestern in einer öffentlichen Sitzung mit einer solchen «geringfügigen» Änderung eines Baureglements. Konkret ging es um die Überbauung Hertenbrünnen in Schliern in der Gemeinde Köniz. Auf 1,4 Hektaren sollen hier neun Gebäude mit 86 Wohnungen entstehen. Änderung nach Wettbewerb Im Siegerprojekt des Architekturwettbewerbs sind dreistöckige Häuser mit Attikaaufbauten geplant. Das Spezielle daran: Die Attika berühren an drei Seiten die äussere Hausfassade. Um so bauen zu können, nahm der Gemeinderat nachträglich eine «geringfügige» Änderung im Baureglement vor. Dies liegt in seiner Kompetenz. Neu kann die Lage der Attikageschosse auf dem Areal Hertenbrünnen frei gewählt werden. Die Aufbauten dürfen explizit dreiseitig fassadenbündig sein, und sie gelten bis zu einer gewissen Grösse nicht als Stockwerk. Ursprünglich war nur erlaubt, maximal zwei Seiten, seitlich und hinten, fassadenbündig zu bauen – aber auch nur, wenn dies architektonisch begründet ist. Eine Anwohnerfamilie hat ihre Beschwerde gegen diese Änderungen bis ans Verwaltungsgericht weitergezogen, das seit Anfang Jahr zuständig ist. Es debattierte gestern erstmals zum Thema «geringfügige Änderungen». Die Richter betonten, auf keine eigene Erfahrung zurückgreifen zu können. Man orientiere sich auch an Angaben der Vorinstanzen und der bisherigen Praxis der Gemeinden. Attika als vierter Stock? In der Debatte nahmen die fünf Richter unterschiedliche Standpunkte ein. Es sei sinnvoll, wenn ein Gemeinderat kleine Anpassungen im Baureglement ohne Abstimmung vornehmen könne sagte Verwaltungsrichterin Esther Steinmann. Im Fall Hertenbrünnen sei es aber zumindest fraglich, ob das Volk die Änderungen als Einhaltung seines Willens akzeptieren würde. Aus ihrer Sicht sei eine Änderung nicht mehr «geringfügig», wenn das Baumuster verändert werde, so Steinmann. Dies sei hier nicht eindeutig. Auch Richter Robert Burkhard meinte, dass solche Änderungen wohl dem Volk vorgelegt werden müssten. «Faktisch sind jetzt ja vierstöckige Gebäude geplant.» Davon sei er nicht überzeugt, hielt Verwaltungsrichter Beat Stalder entgegen. Wenn die Häuser wuchtig schienen, dann nicht wegen der Änderung. «Das würden sie auch sonst.» Der Gesamtcharakter bliebe erhalten. Richter Thomas Müller schlug vor, die Sache an die Justizdirektion zurückzuweisen, zog diesen Antrag aber wieder zurück. Mit 3:2 knapp abgewiesen Mit 3:2 Stimmen wiesen die Richter die Beschwerde schliesslich ab. Der Beschwerdeführer sprach von einem «verantwortungslosen» Entscheid und bemängelte die fehlende Erfahrung des Gerichts in dieser Frage. Er will einen allfälligen Weiterzug zumindest prüfen.Wolf Röcken >

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