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Wie Lenzburg seiner Altstadt Leben eingehaucht hat

Altstadtgassen müssen nicht immer leerer werden. Lenzburg im Aargau macht es vor. Mit gezielten Massnahmen hat die Stadt ihr historisches Zentrum attraktiver gemacht – ein Vorbild für den serbelnden Kern von Burgdorf?

«Ich habe das Gefühl, dass unsere Altstadt lebendiger geworden ist», betont Christoph Moser, der Stadtschreiber. «Ich nehme in unserer Altstadt mehr Leben wahr als noch vor ein paar Jahren», pflichtet ihm Max Werder bei. «Obwohl sich dies», wie der Inhaber eines Altstadtgeschäfts für Geschirr und Geschenkartikel einschränkt, «nicht gleich zwingend in der Ladenkasse niederschlagen muss.» Lenzburg mit seinen knapp 8000 Einwohnern hat offenbar geschafft, wovon gut 70 Kilometer entfernt das nicht ganz doppelt so grosse Burgdorf nur träumen kann. Nach Jahren des Niedergangs scheint sich der historischen Kern der Aargauer Kleinstadt gefangen zu haben. Sogar leicht bergab Ein Unterschied zu Burgdorf, wo die Gassen vor Jahresfrist mit dem Ende des Warenhauses Manor und im Frühling mit dem Wegzug der Kleiderkette Vögele ins Geschäftsviertel rund um den Bahnhof noch leerer geworden sind, wird schon bei der Ankunft in Lenzburg deutlich. Und auch eine Gemeinsamkeit: Hier wie dort liegt die Altstadt ein Stück vom Bahnhof weg. Zu Fuss sind es beiderorts rund zehn Minuten. Aber: Anders als in Burgdorf führt der Weg nicht hinauf auf einen Felsen, sondern im Gegenteil sogar bequem leicht bergab. Zumindest fürs Gefühl ist das nicht unwichtig – und damit für Lenzburg automatisch ein Vorteil, wie Moser festhält. Eine neue Rolle Doch Werder macht gleich klar, dass allein dies in Lenzburg die Wende nicht herbeigeführt hat. «Wichtig ist, dass die Altstadt nicht vergessen geht», sagt er, der als Exekutivpolitiker die Entwicklung in seinem engsten geschäftlichen Umfeld jahrelang selber mitgeprägt hat. Er erinnert an den Wandel der Einkaufsgewohnheiten und an das Entstehen der neuen Shoppingmeilen, erklärt, dass sich so die Rolle der Altstädte verändere. Anders als früher seien sie nicht mehr die zentralen Orte, an denen man sich für den täglichen Bedarf eindecke – diesen Wandel, betont er, müsse die öffentliche Hand aktiv unterstützen. Vor diesem Hintergrund hat sich auch Burgdorf ans Werk gemacht. Wie in diesen Tagen im sogenannten Stadtlabor in den ehemaligen Räumen von Manor Sport: Architekturstudenten der Berner Fachhochschule suchen hier nach Ideen, wie die Altstadt neu belebt werden könnte (Ausgabe von gestern). Im Zentrum ohne Autos In Lenzburg sind aus Ideen bereits Tatsachen geworden. Den Anlass, sich Gedanken über den Stadtkern zu machen, gab der Verkehr. Während Jahren wälzten sich die Autos im Einbahnverkehr durch zwei parallel verlaufende Altstadtgassen, und während Jahren suchten die Behörden nach Mitteln und Wegen, wie für diese Hauptverkehrsachse eine Umfahrung gebaut werden könnte. Seit bald vier Jahren ist diese nun in Betrieb, zugleich wurde für die Altstadt ein neues Verkehrsregime eingeführt. Mit einer Fussgängerzone in der Mitte. Und mit einer Begegnungszone in den Bereichen um diesen Kern herum, in der die Autos zwar in langsamem Tempo zugelassen sind, die Fussgänger aber Vortritt haben. Von allen Seiten her Für Werder steht ausser Frage, dass der Stadtkern nur als autofreie Zone bestehen kann. «Die Leute suchen dieses Ambiente, sie schätzen es, bei einem Drink oder einem Kaffee draussen sitzen und die historische Kulisse geniessen zu können.» Vor diesem Hintergrund hat Lenzburg schon vor 20 Jahren in der zentralen Gasse die hohen Trottoirs weggerissen. Seither weist ein Grossteil der Fahrbahn auf der ganzen Breite dasselbe Niveau auf, was den Strassenbeizen nur entgegenkommt – kein Wunder, wertet Moser den Umbau von damals als ersten Schritt hin zu einer lebendigeren Altstadt. Dafür, dass das Zentrum heute trotz allem problemlos erreichbar bleibt, ist die Begegnungszone da. Sie hält zwar einerseits den Durchgangsverkehr wirkungsvoll fern, ermöglicht es aber andererseits, von allen Seiten bis auf eine Distanz von wenigen Minuten zu Fuss ans Zentrum heranzufahren. Werder redet davon, dass die Altstadt auf diese Art wirkungsvoll mit der übrigen Stadt verknüpft worden sei. Wichtig sei, dass im zentrumsnahen Bereich genug Parkplätze zur Verfügung stünden. Eine Barriere weniger Natürlich müssten in den Läden auch Angebot und Dienstleistung stimmen, so Werder weiter. Altstadtkunden suchten just das Spezielle und den Service – und mit einem Blick über den Stadtkern hinaus: Zum Glück sei vor 30 Jahren das grosse Migros-Zentrum in unmittelbarer Nähe gebaut worden. Der Bezug vom Grossverteiler zum Stadtkern sei mit der Umfahrung gar enger geworden – weil der grosse Verkehr nicht mehr durch die Altstadtgassen rolle und damit eine die beiden Einkaufsorte trennende Barriere gefallen sei. Auf den Verkehr von einst kommt auch Moser zu reden, genauer auf die Häuser, die jahrelang an dieser lärmigen Achse lagen, entsprechend zum Wohnen unattraktiv waren und deshalb still vor sich hinlotterten. Mit der Umfahrung sei Ruhe eingekehrt, und plötzlich sei das Interesse an den Liegenschaften im Stadtkern neu erwacht. Es werde um- und, wo die Substanz nicht mehr zu retten sei, in passender Art sogar neu gebaut – kurz: «Die Nachfrage für Altstadtwohnungen ist gross.» Zuzüger geben Hoffnung Dass Lenzburg als Teil des Grossraums Zürich mit einem massiven Wachstum rechnet, lässt Moser wie Werder optimistisch in die Zukunft blicken. 2000 Einwohner – potenzielle Kunden also – sollen es in 10 bis 15 Jahren mehr sein, und das, so sagen die beiden, «wird die Altstadt weiter stützen». Vielleicht kann Burgdorf ja auf einen ähnlichen Effekt hoffen. Auf Wachstumskurs befindet es sich jedenfalls auch. Stephan Künzi>

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