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Schüttelfrust

Die Hände bleiben im Hosensack. Das sollte auch postcoronal so bleiben.

Erfunden haben es die alten Römer. Das Schütteln der Hände sollte ­Harmlosigkeit signalisieren: Fühl doch, ich trag keine Waffe.

Während einer Pandemie läuft es umgekehrt. Der Händedruck wird selber zur Waffe. Jetzt müssen die Hände am Körper bleiben. Auch wenn es zuckt in ihnen und sie hochschnellen wollen vor lauter Gewohnheit.

Das neue Händeschütteltabu zählt zu den wenigen positiven Corona-­Nebenwirkungen. Denn Händeschütteln ist selten eine angenehme Tätigkeit. Menschen niesen in ihre Hände, waschen sie nicht, bevor sie die Toilette verlassen, kratzen sich damit an unvorteilhaften Orten. Solche Pranken muss man anlangen. Sonst gilt man als unhöflich. Immerhin bleiben Hygieneverstösse ein Problem der Fantasie. Meistens passiert einem nichts deswegen. Schwerer ver­drängen lässt sich, dass sich Hände ­ziemlich persönlich anfühlen: frostig, knochig, schmierig, wächsern. Mit dem Händedruck taucht man in eine Intimzone ein, der man oft lieber fernbleiben würde. Das Gegenüber, so fremd es ist, wird zum gespürten Körper. Gleichzeitig sorgt man sich ständig, wie sich die eigene Hand für die anderen angefühlt haben muss.

Noch unangenehmer wird es, wenn Menschen die Begrüssung dazu missbrauchen, um ihren zupackenden Charakter zu beweisen. Der manuelle Schraubstock, verstärkt mit einem eindringlichen Blick, soll Achtung schaffen, Autorität befestigen.

Schon länger wird in der Schweiz an der Handschlag-freien Begrüssung gefeilt. Drei Küsse, ein Kuss, verschiedene Umarmungen; diese Alternativen wirken weniger hemdsärmlig und besitzergreifend, teilen aber den Grundnachteil des Händeschüttelns. Auch sie erzwingen einen Moment physischer Verbundenheit.

In den Zeiten von Corona werden sich luftigere Begrüssungsrituale entwickeln – solche, die nicht als Waffen taugen. Hoffentlich überleben sie.

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