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Was blüht denn da?

Die Smartphone-Anwendung Flower Walks verbindet Wanderführer mit Pflanzenbestimmung. Doch wie geht das? Unterwegs mit Botanikerin Muriel Bendel auf Sunnbüel ob Kandersteg.

Margeriten und Alpenrosen wachsen auf dieser Bergwiese. So viel erkennen die meisten Leute, doch bei vielen hapert es schon bald danach mit dem Wissen über Pflanzen.
Margeriten und Alpenrosen wachsen auf dieser Bergwiese. So viel erkennen die meisten Leute, doch bei vielen hapert es schon bald danach mit dem Wissen über Pflanzen.
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Botanikerin Muriel Bendel kartiert auf Sunnbüel die Herzblättrige Kugelblume, im Hintergrund Martin Sahli, ­Daniel Zürcher und Doris von Känel (von links).
Botanikerin Muriel Bendel kartiert auf Sunnbüel die Herzblättrige Kugelblume, im Hintergrund Martin Sahli, ­Daniel Zürcher und Doris von Känel (von links).
Urs Baumann
Ein Lauchgewächs: Der Allermannsharnisch, umgangssprachlich auch «Nünhemmlere» genannt.
Ein Lauchgewächs: Der Allermannsharnisch, umgangssprachlich auch «Nünhemmlere» genannt.
Muriel Bendel
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Was tut sie da bloss? Die Bernerin Muriel Bendel kniet neben dem Wanderweg ins Gras und holt eine Lupe aus dem Rucksack. Sie hält sie über hellblaue Blümchen am Wegrand und guckt konzentriert. Ganz unbedarft denkt sich der Laie: So kleine, hellblaue Blümchen gibts doch auch auf der Weide neben dem Haus.

Botanikerin Bendel lacht: «Richtig, das sind Vergissmeinnicht.» Sie stellt sich natürlich andere Fragen. Um welche Art von Vergissmeinnicht handelt es sich denn? Es sind winzige Details, die darüber entscheiden, manchmal von blossem Auge gar nicht erkennbar. Bis endlich klar ist: Das hier sind Alpen-Vergissmeinnicht.

Die Sache mit den Schildern

Gebannt beugen sich drei weitere Personen über die Pflänzchen des Interesses. Martin Sahli, Doris von Känel und Daniel Zürcher sind alle drei aus Kandersteg und pflanzenbegeistert. Bisher steckten von Känel und Zürcher jeden Sommer einen Blumenweg auf dem Stierenbergli ob Kandersteg aus.

Kleine Messingschilder machten auf Storchschnabel, Türkenbund oder Grünerle aufmerksam. Spaziergänger ohne Vorwissen fanden manchmal ­jedoch nicht genau heraus, welche Blume das Schild eigentlich meinte. Und immer wieder machten Unbekannte sich einen Spass daraus, Schilder auszureissen und woanders wieder einzustecken.

Doch nun soll alles anders ­werden. Digital. Darum ist Muriel Bendel heute hier. Sie kartiert die Route des Blumenwegs auf dem Stierenbergli. In Zukunft wird das Handy die Messingschildchen ersetzen.

Warten auf den «Plopp»

Bendel hat zusammen mit ihrem Geschäftspartner Wolfgang Bischoff die App Flower Walks erfunden. Mit dieser Anwendung kann man um die 50 Blumenspaziergänge in der ganzen Schweiz unternehmen. Man muss sich Flower Walks wie eine Kombi­nation aus Wanderführer und Pflanzenbestimmungs-App vorstellen.

Der Nutzer installiert die kostenlose App auf sein Smartphone, lädt alle Daten und Routen herunter, sucht sich eine aus. Und – einmal unterwegs – braucht er nicht einmal mehr eine Internetverbindung.

«Es gibt auch ­Blumen, die wir ganz bewusst nicht in die App aufnehmen, weil sie vom Aussterben bedroht sind.»

Botanikerin Muriel Bendel

Sobald er an einem kartierten Wegpunkt vorbeikommt, macht es auf dem Handy «Plopp» – und schon erscheinen auf dem Display automatisch Bilder der Pflanze, die hier wächst, mit Namen und anderen Informationen. Wer noch mehr wissen will, kann sich direkt auf die entsprechende Seite von Info Flora weiterleiten lassen, der komplettesten Sammlung von Pflanzendaten in der Schweiz.

Kleiner Download-Erfolg

Erstaunlicherweise gab es ein solches digitales Angebot vorher noch nicht. «Dabei sagten uns die App-Entwickler, als wir ihnen unsere Idee vor etwa drei Jahren vorstellten, dass wir mit der ­Blumen-App zu spät kämen», sagt Muriel Bendel. Die Leute ­seien mit Apps gesättigt, es brauche keine neuen mehr. Doch davon liessen sich die beiden Botaniker, die in Bern leben und dort auch ihr Büro betreiben, nicht abhalten.

Zum Glück. Im Mai vor einem Jahr haben sie die App lanciert, vorerst auf Deutsch und Französisch. Das Ziel: 10 000 Downloads in zwei Jahren. Nach fünf Monaten waren es bereits 11 000. Mittlerweile ist die Zahl auf 14 000 angewachsen. Seit diesem Frühling gibt es Flower Walks auch auf Italienisch. Zudem sollen jedes Jahr neue Routen hinzukommen.

12 Wanderungen kartieren Bischoff und Bendel in diesem Jahr, damit sie ab nächstem Jahr auf der App zu finden sein werden. Darunter eben jene auf Sunnbüel ob Kandersteg. Sie wird von der Luftseilbahn Kandersteg–Sunnbüel finanziert. Auch bei anderen Routen übernahmen lokale Partner die Kosten, manche sponserten Sektionen von Pro Natura.

«Natürlich geht es uns auch um Naturschutz», sagt die 42-jährige Bendel. Es gebe wohl keinen Botaniker, der sich nicht für den Schutz der Pflanzen einsetzen würde. «Und es gibt auch Blumen, die wir ganz bewusst nicht in die App aufnehmen, obwohl sie vielleicht am Wegrand wachsen würden.»

Manche Blumen wie der Frauenschuh stehen auf der roten Liste und sind gefährdet oder sogar vom Aussterben bedroht. Je weniger Menschen ­wissen, wo sie genau wachsen, desto besser. Man will verhindern, dass jemand sie ausreisst oder beschädigt.

Schneckentempo

Wer mit Botanikern unterwegs ist, muss Geduld haben. Es kann durchaus sein, dass plötzlich eine Schnecke links vorbeizieht. Immer wieder halten Bendel und ­ihre Begleiter an, bewundern, analysieren, bestimmen, diskutieren. Irgendwann sagt Bendel fast ein bisschen verzweifelt: «Es ist schwierig, hier eine anständige Auswahl zu treffen, es gibt eine solche Vielfalt!»

Die anderen drei lächeln geschmeichelt. Und versprechen für die restliche Route noch weitere Höhepunkte: Zum Beispiel die «Nünhemmlere». Die was, bitte? «Der Allermannsharnisch», sagt Bendel und lacht. «Das ist ein Lauchgewächs, das im Boden verschiedene Schichten macht wie eine Zwiebel.

Früher wurden diese netzartigen Zwiebelschalen ausgegraben und von Rittern unter ihren Kettenhemden getragen. Sie sollten sie vor Verletzungen schützen oder einfach Glück bringen. Darum sagt man der Blume umgangssprachlich ‹Nünhemmlere›, also neun Schichten. Eine schöne Geschichte, nicht wahr?»

Nicken. Schwelgen. Auf zur nächsten Pflanze.

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