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Airlines wollen sich mit Billig-Zertifikaten freikaufen

Die Fluggesellschaften möchten ihre Emissionen mit umstrittenen alten Klimazertifikaten kompensieren. Ein Streit an der Klimakonferenz in Madrid ist programmiert.

Heute besteht ein Überangebot von etwa vier Milliarden Emissionszertifikaten. Damit möchte sich die Flugbranche günstig eindecken. Foto: Urs Jaudas
Heute besteht ein Überangebot von etwa vier Milliarden Emissionszertifikaten. Damit möchte sich die Flugbranche günstig eindecken. Foto: Urs Jaudas

Die Flugbranche ist bisher von internationalen Klimaverpflichtungen verschont geblieben: ­keine Steuer auf Kerosin, keine politischen Auflagen durch inter­nationale Regelungen wie das ­Kyoto-Protokoll und ab 2020 das Pariser Klimaabkommen. Doch nun brauchen die Flug­gesellschaften bald Milliarden Emissionszertifikate von Klimaprojekten, um sich von ihren Emissionen freizukaufen.

Die Internationale Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) hat schon vor gut zehn Jahren ­beschlossen, ab 2021 die CO2-Emissionen durch den internationalen Flugverkehr auf dem Niveau von 2020 zu stabilisieren. Durch technischen Fortschritt, optimalere Flugrouten und ­klimaschonenden Treibstoff ­alleine lässt sich dieses Ziel nicht erreichen. So hat die ICAO inzwischen das CO2-Kompensationssystem Corsia für den internationalen Flugverkehr aufgebaut. Dabei will sie umstrittene alte Zertifikate kaufen, die vor Paris, also nach den Regeln des Vorgängerabkommens, des Kyoto-Protokolls, generiert wurden.

Schlecht für Klimaschutz

Eine internationale Forschergruppe warnt im Fachmagazin «Nature Climate Change» davor, diese Zertifikate unbeschränkt auch unter der neuen Marktordnung des Pariser Abkommens zugänglich zu machen. Das führe zu keiner weiteren Reduktion der Emissionen und biete keinen Anreiz für neue Investitionen in Klimaprojekte, erklären die Wissenschaftler. Auf einen kurzen Nenner gebracht: Die Umsetzung der Klimaziele von Paris würde weiter verlangsamt. Schon die bisherigen Klimaversprechen der Vertragsstaaten sind weit weg vom Emissionspfad, der nötig wäre, um den Klimawandel zu bremsen.

Das Kyoto-Protokoll, das seit 2005 in Kraft ist, läuft Ende 2020 aus und wird durch das Pariser Klimaabkommen abgelöst. Die alten Zertifikate entstanden unter dem sogenannten CDM-Programm (Clean Development Mechanism), das die Vertragsstaaten des Kyoto-Protokolls ­begründeten. Damit hatten die ­Industriestaaten die Möglichkeit, in Entwicklungsländern kostengünstiger als im eigenen Land vor allem durch Energieprojekte einen Teil ihrer Reduktionsziele zu erfüllen. Für jede reduzierte Tonne CO2 wird ein ­Zertifikat ausgestellt. Auch die Schweiz hat davon profitiert. Ohne den Zertifikatekauf im Ausland würde sie das Reduktionsziel für 2020 – minus 20 Prozent gegenüber den Treibhausgasemissionen von 1990 – nicht erfüllen.

Klimaziele können nun günstig allein durch billigen Zertifikatekauf erreicht werden.

Doch die Entwicklung nahm einen ­anderen Weg als erwartet. Das Angebot der Zertifikate übertraf die Nachfrage bei weitem. Die Konsequenz: Der Preis zerfiel – bis unter einen Euro für ein Zertifikat. Damit besteht kein ­Anreiz mehr für Staaten und Unternehmen, in klimaschonende Technologie zu investieren, weil nun –ohne Regelung –Klimaziele günstig allein durch billigen ­Zertifikatekauf erreicht werden können.

Die Autoren in «Nature» ­gehen davon aus, dass heute aus der Zeit zwischen 2013 und 2020 durch über 8000 Klimavor­haben– der grössere Teil Wasser- und Windkraftprojekte – etwa 4,65 Milliarden Zertifikate im ­Angebot sind. Die derzeitige Nachfrage betrage jedoch nur etwa 600 Millionen. Was übrig bleibt, reicht immer noch, um die prognostizierte Nachfrage durch die Flugbranche zu decken. Die Wissenschaftler rechnen mit 1,6 bis 3,7 Milliarden Zertifikaten.

«Die Schweiz lehnt eine Übertragung dieser Zertifikate in das Pariser Abkommen ab», sagt Franz Perrez, Leiter der Schweizer Delegation an der Klimakonferenz in Madrid. Die Übertragung ist eines der Schlüssel­traktanden an der diesjährigen Konferenz. «Es droht damit ein Überangebot an Zertifikaten. Wenn der Markt schon von ­Anfang an übersättigt ist, gibt es keinerlei Anreize, zusätzliche Emissionsreduktionen zu generieren, der Preis wird derart ­gedrückt, dass sich Investitionen in neue Aktivitäten gar nicht ­lohnen», so Perrez.

Brasilien will profitieren

Die meisten Vertragsstaaten ­vertreten die Meinung der Schweiz. Nur Brasilien und ­Indien pochen auf den Weiterbestand der alten Emissionsrechte auch unter dem Pariser Vertrag. Beide Staaten gehören neben China zu den grössten ­Besitzern solcher Zertifikate. Diese könnten in Zukunft nützlich sein, weil die Pariser Regeln im Gegensatz zu Kyoto verlangen, dass nicht mehr nur die ­Industriestaaten, sondern alle Staaten ihre Emissionen reduzieren müssen. Eine Einigung darüber gibt es allerdings nur, wenn Konsens unter allen Staaten herrscht.

Problematisch ist jedoch nicht nur die Überschwemmung des Emissionsmarktes. Die Autoren von «Nature» haben in ihrer Studie festgestellt, dass die meisten Zertifikate aus Projekten stammen, welche gegen die sogenannte Additionalität verstossen, die im Kyoto-Protokoll und im Pariser Abkommen gilt. Das heisst: Die meisten Klimaprojekte, mehr als 80 Prozent, sind nicht mehr auf die Einnahmen durch den Verkauf der Zertifikate angewiesen, sondern funktionieren marktwirtschaftlich. Die neue Nachfrage nach Zertifikaten durch die Fluggesellschaften würde also dazu führen, dass meistens nicht in Klimaprojekte investiert würde, die eine Anschubfinanzierung brauchen.

Dennoch: «Der Übergang von Projekten, die unter dem Kyoto-Protokoll realisiert wurden, sollte grundsätzlich ermöglicht werden», sagt Axel Michaelowa vom unabhängigen Beraterunternehmen Perspectives Climate Group mit Sitz in Zürich. Für den Experten für umweltverträgliche Entwicklung in Schwellen- und Entwicklungsländern müsste jedoch überprüft werden, ob sie die Regeln des ­Pariser Abkommens einhalten.

Die ICAO habe erkannt, dass es Zertifikate unterschiedlicher Qualität gebe, heisst es in einem Arbeitspapier. Trotzdem: Da das Kompensationssystem Corsia nicht den Regeln des Pariser ­Abkommens unterliegt, sei die ICAO frei, einen eigenen Ansatz zu wählen, sagt Michaelowa. «Sollte sie die alten Zertifikate ohne Beschränkung zulassen, so ist mit einem erheblichen Angebotsüberhang im Corsia-System zu rechnen, der bis weit in die 30er-Jahre anhalten würde.»

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