Der Südpol schmilzt

Seit 2014 ist die Fläche des Meereises rund um die Antarktis um etwa 1,8 Millionen Quadratkilometer geschrumpft. Der massive Schwund ist erstaunlich.

In manchen Jahren schrumpft das Eis der Antarktis um eine Fläche von 730'000 Quadratkilometern. <nobr>Foto: Mario Tama (Getty Images)</nobr>

In manchen Jahren schrumpft das Eis der Antarktis um eine Fläche von 730'000 Quadratkilometern. Foto: Mario Tama (Getty Images)

Das Rätsel beschäftigt Klimaforscher seit Jahrzehnten: Wie kann es sein, dass sich das Meereis in der Antarktis weiter ausdehnt, also im Schnitt fast jedes Jahr eine grössere Fläche einnimmt? Ein derartiges Eiswachstum war rund um den Südpol seit Ende der 1970er recht lange zu beobachten, obwohl sich die Erderwärmung in anderen Teilen der Erde schon deutlich bemerkbar machte - etwa mit einem massiven Meereisverlust und steigenden Temperaturen in der Arktis.

Nun jedoch gibt es auch in der Antarktis Hinweise, dass das dortige Eiswachstum nicht nur gestoppt ist, sondern sich ins Gegenteil verkehrt hat. Wie die Nasa-Klimaforscherin Claire Parkinson im Fachmagazin «PNAS» darlegt, schmolz das Meereis rund um den Südkontinent von 2014 bis 2017 mit einer Geschwindigkeit weg, die sogar den Verlust in der Arktis übertraf. Parkinson nutzte dazu kontinuierliche Satellitenaufnahmen ab dem Jahr 1978.

Demnach wuchs die Fläche des antarktischen Meereises jahrzehntelang recht kontinuierlich, bis es 2014 mit 12,8 Millionen Quadratkilometern seine grösste Ausdehnung erreichte. Ab diesem Höhepunkt schrumpfte das Meereis drei Jahre lang im Schnitt um eine Fläche von 730 000 Quadratkilometern, mehr als die doppelte Fläche Deutschlands. Der Schwund sei so massiv gewesen, schreibt Parkinson, dass praktisch das gesamte in 35 Jahren angesammelte Eis «innerhalb weniger Jahre ausgelöscht wurde».

Wie kann es sein, dass sich der Trend so schnell umgekehrt hat? Die Ursachen für die Schmelze in jüngster Zeit liegen noch weitgehend im Dunkeln, ebenso wie die lange beobachtete Ausdehnung. So werden für die Expansion verschiedenste Faktoren angeführt, wie etwa mögliche Zusammenhänge zum Ozonloch, dem El-Niño-Wetterphänomen oder langfristigen meteorologischen Schwankungen in den Ozeanen. Einen Konsens darüber gibt es bislang nicht.

Auch bei der Interpretation des Eisverlusts bleibt Nasa-Forscherin Parkinson daher vorsichtig. Zuletzt gab es 2018 wieder einen leichten Zuwachs bei der Ausdehnung des Meereises. Es sei daher noch nicht sicher, dass es sich um einen langfristigen Negativtrend handle oder ob das Meereis nun doch wieder zulege. Dazu müsse man die nächsten Jahre abwarten. In jedem Fall ist die Geschwindigkeit beachtlich: So ging in der Antarktis zeitweise drei Mal so viel Eisfläche verloren wie gleichzeitig in der Arktis.

Die Antarktis ist ein eigener Kontinent, umgeben von einem dicken Rand aus Meereis.

Doch der direkte Vergleich zwischen den Polen sei aufgrund der geografischen Unterschiede nicht unbedingt aussagekräftig, betont Parkinson. Die Arktis ist praktisch ein gefrorener Ozean, umgeben von Landmassen wie Grönland, während die Antarktis ein eigener Kontinent ist, umgeben von einem dicken Rand aus Meereis. Sicher ist, dass dieses auf dem Ozean aufliegende Eis nur ein Teil des Bildes ist.

Auf den Landmassen des antarktischen Kontinents beobachten Klimaforscher schon länger einen Masseverlust, der wohl mit dem Klimawandel in Verbindung steht. So ermittelten Klimaforscher um Eric Rignot von der University of California Anfang des Jahres, dass sich der Schwund des Eispanzers seit den 1980ern um ein Vielfaches beschleunigt hat. Mittlerweile verliere die Antarktis 252 Milliarden Tonnen Eis im Jahr. Die Autoren führen den Verlust vor allem auf warme, zirkumpolaren Tiefenströmungen des umgebenden Meeres zurück.

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