Auch Heilpflanzen töten

Sie können heilen, aber auch töten: Über die Heilpflanzen im Botanischen Garten Bern ist ein neues Buch erschienen. Es zeigt, wie nahe Heilung und Vergiftung beieinanderliegen.

Biologe Beat Fischer mit dem neuen Pflanzenbuch. Das stachelige Gewächs ist eine Eselsdistel. Bilder: Andreas Blatter

Biologe Beat Fischer mit dem neuen Pflanzenbuch. Das stachelige Gewächs ist eine Eselsdistel. Bilder: Andreas Blatter

Am 7. September 1978 verletzte in London ein Unbekannter den bulgarischen Schriftsteller und Regimekritiker Georgi Markow mit der Spitze eines Regenschirms an der Wade. Markow glaubte an ein Versehen. Vier Tage später war er tot. Bei der Autopsie wurde in seinem Bein ein winziges Metallkügelchen entdeckt, präpariert mit 20 Milligramm Rizin. Rizin ist in der Rizinuspflanze enthalten und eines der stärksten Gifte biologischer Herkunft. Weniger als ein Milligramm reicht, damit ein Mensch das Zeitliche segnet.

Die Pflanze Ricinus communis hat aber auch eine andere Seite, eine heilende. Während die Samen tödlich giftig sind, wird das ungiftige Rizinusöl in der Medizin angewandt: etwa als Abführmittel, in der Dermatologie für eine geschmeidige Haut und in der Geburtshilfe als «Wehencocktail», um Geburtswehen einzuleiten. Und schliesslich findet es Einsatz in der Industrie, als Gleit- und Schmiermittel.

Die Dosis machts

Rizinus ist nur eines von über 300 Gewächsen, die im Buch «Fingerhut & Herzgespann – Heilpflanzen im Botanischen Garten» vorgestellt und abgebildet werden.

«Die Grenzen zwischen Heil- und Giftpflanzen sind fliessend», sagt Beat Fischer, Biologe und Co-Herausgeber des Bandes. Er ist Mitglied des Vereins Aqui­legia, dessen Ziel es ist, die Vielfalt des Pflanzenreichs im Botanischen Garten einem breiten Publikum zugänglich zu ma­chen. Dies mittels Führungen, Ausstellungen und Publikationen.

Die Pflanzenporträts im neuen Buch sind nach Hauptwirkstoffen geordnet. Ein spezielles Kapitel widmet sich der Geschichte der Pflanzenheilkunde und ihren Exponenten. Einer von ihnen, der Schweizer Arzt und Naturforscher Paracelsus, hat bereits im 16. Jahrhundert erkannt: «Alle Dinge sind Gift, allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift ist.»

Pflanzen für Pfaffen

«Die meisten im Buch vorgestellten Pflanzen können Besucherinnen und Besucher im Garten vor Ort betrachten», sagt Beat Fischer. Er selbst weiss zu jeder Pflanze eine Geschichte zu erzählen. Er peilt die Eselsdistel an. «In der Volksheilkunde diente sie als Heilmittel.» Dann zu einem Gewächs mit leuchtend schwarzen Beeren. «Die Tollkirsche spielt unter anderem in der Augenheilkunde eine wichtige Rolle», weiss er. «Sie ist hoch giftig, der Verzehr von drei Beeren ist für ein Kind tödlich.»

Ein paar Schritte weiter steht der Mönchspfeffer. Ein Anti-Aphrodisiakum. Früher hätten Mönche die Beeren am Körper getragen. Der Pflanze wurde nachgesagt, dass sie den Geschlechtstrieb abschwächt. Im frühen 17. Jahrhundert schrieb ein Heilkundler: «Mönchspfeffer nimmt die Begierde zum Venushandel, nicht aber nur so man sie esset, sondern auch wenn man sie im Bett verstreut.»

Schliesslich zeigt Botaniker Beat Fischer auf seine Lieblingspflanze, die ihm persönlich geholfen hat – nicht im Bett: «Der Echte Wallwurz hat meine Karriere als Handballspieler gerettet», sagt er. Wegen einer Sehnenentzündung am Arm habe er die Blätter aufgelegt, mit Erfolg.

Aber auch der Echte Wallwurz hat seine Tücken. Bei der inneren Anwendung greift er die DNA an, schädigt die Leber und verursacht Krebs.

Berner Zeitung

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