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Krebszellen werden unempfindlich gegenüber ihrem eigenen «Schrott»

Das Multiple Myelom ist für Pharmafirmen attraktiv: Der Blutkrebs ist vergleichsweise häufig, bis heute nicht heilbar, auf molekularer Ebene aber gut erforscht. Zudem sind die Medikamentenpreise hoch. «Alle grossen Pharmahersteller, die im Bereich hämatologischer Tumorerkrankungen aktiv sind, unterhalten drei- bis vierstellige Millionenbudgets für die Entwicklung neuer Therapien im Bereich Myelom», sagt Christoph Driessen, Chefarzt am Kantonsspital St. Gallen.

Die grossen Anstrengungen der Pharmafirmen machen den Erfolg der Schweizer Mediziner um Driessen zusätzlich bemerkenswert: die Umnutzung des altbekannten HIV-Medikaments Nelfinavir als Myelom-Therapie. In der nun veröffentlichten Studie behandelten die Ärzte 34 Patienten, die nicht mehr auf die Standardtherapie mit Proteasom-Inhibitoren ansprachen. Bei solchen Resistenzen gibt es bis jetzt kaum weitere Behandlungsmöglichkeiten.

«Wir fanden heraus, wie Tumorzellen resistent gegen die herkömmlichen Myelom-Medikamente werden, und suchten systematisch bei bekannten Substanzen nach entsprechenden Wirkungen», erzählt Driessen. Was anfangs eine Spielerei im Labor war, wurde plötzlich ernst, als sich die vermutete Wirkung des HIV-Medikaments bestätigte. «Die Daten waren so stark, dass wir das Medikament unbedingt auch an Patienten testen mussten.»

In der Schweiz erkranken jedes Jahr rund 560 Personen an Multiplem Myelom, 330 sterben daran. Bei den Betroffenen vermehren sich die Antikörper produzierenden Plasmazellen im Knochenmark krankhaft. Dies beeinträchtigt andere Immunzellen und letztlich die gesamte Abwehr. Die wuchernden Plasmazellen produzieren dabei grosse Mengen an Eiweiss, «viel Schrott», wie Driessen sagt.

Doppelt so wirksam

Damit der Krebs weiter wachsen kann, müssen die Zellen die störenden Eiweisse abbauen. Die Standardmedikamente, sogenannte Proteasom-Inhibitoren, behindern diesen Abbau und so auch das Krebswachstum. Mit der Zeit gewöhnen sich die Tumorzellen jedoch an den «Schrott» und vermehren sich trotzdem. «Das HIV-Medikament macht die Zellen wieder empfindlich», so der Mediziner. Mit Nelfinavir verlieren gemäss Studie rund zwei Drittel der Betroffenen ihre Resistenz. «Ein bisher unerreichtes Resultat in dieser Patientengruppe», sagt Driessen.

Neu entwickelte Medikamente der Pharmafirmen erzielen die gleiche Wirkung nur bei jedem dritten bis sechsten Patienten. Unerreicht tief sind bislang auch die Kosten von Nelfinavir: 1000 Franken pro Patient und Monat. Mit Neuentwicklungen ist es bis zu 25-mal so teuer. (fes)

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