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Impfexperten weniger verstrickt als befürchtet

Die Eidgenössische Impfkommission gewährt erstmals einen Einblick in ihre Verbindungen zur Pharmaindustrie.

Jetzt beginnt die Zeit, in der sich Tausende gegen Grippe impfen: Das Bundesamt für Gesundheit rät zumindest zu einem «Grippe-Impf-Check»
Jetzt beginnt die Zeit, in der sich Tausende gegen Grippe impfen: Das Bundesamt für Gesundheit rät zumindest zu einem «Grippe-Impf-Check»
Keystone

Sie wird von vielen argwöhnisch beäugt, für Impfgegner ist sie gar das Feindbild schlechthin: Die Eidgenössische Kommission für Impffragen (Ekif), die das Bundesamt für Gesundheit (BAG) berät. Das 16-köpfige Expertengremium beurteilt neue Impfstoffe, etwa gegen Masern, Gebärmutterhalskrebs oder Grippe, und spricht Impfempfehlungen aus, die das BAG in aller Regel übernimmt.

Dabei fällen die Fachleute ihre Entscheidungen hinter verschlossenen Türen, was vielen ein Dorn im Auge ist. Nicht nur Impfskeptiker befürchten insbesondere, dass die Impfexperten unter dem Einfluss der Pharmaindustrie stehen, die sie mit grosszügigen Geschenken und Honoraren vereinnahmt. Zwar sind die Interessenbindungen innerhalb der Ekif bekannt und die Mitglieder angehalten, bei zu hoher Verbandelung bei einzelnen Themen in Ausstand zu treten. Doch Kritiker misstrauen dieser Selbstkontrolle.

Umtriebige Experten

Erstmals seit Bestehen schafft die Kommission nun Transparenz und legt gegenüber dem TA die Interessenbindungen ihrer Mitglieder offen. Dabei zeigt sich, dass die Verstrickungen mit Impfstoffherstellern geringer sind als angenommen. Sieben der 16 Mitglieder geben an, überhaupt keine Bindungen zu haben. Bei den restlichen überwiegen Entschädigungen für Referate an Weiterbildungen – am meisten genannt sind dabei die alljährlichen Veranstaltungen «Vacademy», bei der der Impfstoffhersteller GlaxoSmithKline (GSK) als Hauptsponsor auftritt, und die «Impfart», mit Konkurrent Sanofi Pasteur MSD als wichtigstem Geldgeber. Die beiden Anlässe sind als ärztliche Fortbildungen von der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften anerkannt. Interessenkonflikte etwa durch Aktienbesitz, Verwaltungsratsmandate oder Mitwirkung bei Marketing-Aktivitäten vermeldete keines der Ekif-Mitglieder.

Vernachlässigbar sind die Verflechtungen mit der Impfstoffindustrie dennoch nicht. So umfassen die Angaben nur den Zeitraum vom letzten Februar bis Oktober – was davor für Interessenkonflikte bestanden, etwa als die Ekif die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs empfahl, hält die Ekif weiterhin geheim. Möglich, dass im Vorjahr Beziehungen bestanden, die aktuelle Entscheidungen beeinflussen könnten. Eine Einschränkung ist auch, dass es sich um Selbstdeklarationen der einzelnen Mitglieder handelt.

Drei Mitglieder fallen durch weitergehende Verbindungen auf. Kathrin Mühlemann, Infektiologin am Berner Inselspital, führt zurzeit zwei Studien zur Pneumokokken-Impfung bei Kleinkindern durch, die der Pharmakonzern Pfizer mitfinanziert. Mühlemann betont, dass der Sponsor keinen Einfluss auf sämtliche Aspekte der Studien habe. Claire-Anne Siegrist, Ekif-Präsidentin, ist ebenfalls vor allem durch die Forschung verbandelt. Sie ist Mitinhaberin von zwei Patenten – beide für innovative Impfstoffverabreichungen, die noch nicht im Einsatz sind. Es bestünden keinerlei finanzielle Interessen, vermerkt die Medizinerin. Gemäss ihren Angaben führte sie in den letzten 15 Jahren drei Studien durch, die partiell von Impfstoffherstellern finanziert wurden.

Druck auf die Impfkommission

Am umtriebigsten ist Ekif-Mitglied Ulrich Heininger. Er hielt seit Ende Februar 2010 Referate an acht Fortbildungsanlässen und wurde von verschiedenen Impfstoffherstellern dafür bezahlt. Ausserdem sitzt der Pädiater vom Universitäts-Kinderspital beider Basel im Expertengremium einer Studie zu einem Pneumokokken-Impfstoff und wird dafür von GSK bezahlt. Neben seiner Ekif-Mitgliedschaft ist Heininger auch stellvertretender Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (Stiko) – dem deutschen Pendant der Ekif.

In dieser Funktion wurde er bereits Anfang 2008 in den deutschen Medien für seine Verbindungen zur Pharmaindustrie kritisiert. Heininger dürfe eigentlich gar keiner Stiko-Sitzung mehr beiwohnen, da er bereits von allen grossen Impfstoffherstellern Honorare erhalten habe, schrieb die «Süddeutsche Zeitung» damals. Seit dem Frühjahr 2008 legt die Stiko die Selbstdeklarationen der Interessenverbindungen ihrer Mitglieder auf der Internetsite des Robert-Koch-Instituts offen. Die Kritik an der Stiko ist seither verstummt.

Die Ekif hat ihre Interessenbindungen nur unter Druck bekannt gegeben. Dass dies jetzt geschehen ist, ist ein Erfolg der Journalistin Catherine Riva und des Gynäkologen Jean-Pierre Spinosa. Sie hatten für eine Recherche zum Thema Gebärmutterhalskrebs-Impfung die Interessenbindungen der Ekif-Mitglieder angefragt und sich dabei auf das seit 2006 geltende Öffentlichkeitsprinzip berufen.

Trend zu mehr Transparenz

Nach anfänglichen Widerständen und durch die Intervention des eidgenössischen Öffentlichkeitsbeauftragten anerkannte das BAG, dass das Öffentlichkeitsprinzip ab dem 12. Februar 2010 auch für die Ekif gilt. «Heute ist es möglich, dass ein Journalist oder ein einfacher Bürger die Interessendeklarationen einfordern kann», freut sich Riva. Zurückliegende Interessenkonflikte, etwa 2007 beim Entscheid, die Gebärmutterhalskrebs-Impfung zu empfehlen, bleiben allerdings weiterhin unter Verschluss. Die Anfrage von Riva und Spinosa ist noch hängig vor dem Bundesverwaltungsgericht.

Doch wieso tut sich das Ekif so schwer, seine Verbindungen zur Industrie preiszugeben? «Die damalige Praxis war, dass die Kommissionen nicht dem Öffentlichkeitsgesetz unterstanden», sagt Virginie Masserey, Leiterin der BAG-Sektion Impfprogramme und Sekretariatsmitglied der Ekif. Sie glaubt jedoch, dass es nun langsam in Richtung Transparenz geht, wie sie heute in Deutschland herrscht.

Hingegen wird die Höhe der Honorare bis auf Weiteres kein Thema sein. Sie wurde bislang auf den selbst deklarierten Interessenbindungen nicht vermerkt und dürfte auch in Zukunft selbst innerhalb der Ekif ein Geheimnis bleiben. Masserey glaubt: «Die Höhe der Honorare ist nicht ausschlaggebend für einen Interessenkonflikt.»

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