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Herzmassage und Pfotenverband für den Vierbeiner

In einem Samariterkurs lernen Hundefreunde das Wichtigste über Krankheiten ihrer Tiere. Und wie sie ihnen im Ernstfall helfen können.

Aus einer gefalteten Zeitung lässt sich im Notfall eine Schiene basteln: Die sechsjährige Lea dient als Übungshund.
Aus einer gefalteten Zeitung lässt sich im Notfall eine Schiene basteln: Die sechsjährige Lea dient als Übungshund.
Martina Frei

Die sechsjährige braun-weisse Lea hält brav ihr Pfötchen hin. Sie simuliert den verletzten Hund. Im Halbkreis um die kleine liegende Mischlingshündin stehen acht Teilnehmerinnen des Hundesamariterkurses und beobachten. Leas Besitzer, der Rheinfelder Tierarzt Matthias Volkert, legt dem Tier Verbände an. «Wichtig ist, dass man zwischen den Zehen mit Watte polstert», schärft Volkert den Hündelern beim Pfotenverband ein. Dann zeigt er ihnen, wie sie mit Hilfe einer gefalteten Zeitung eine Schiene basteln können und wie ein Ohrenverband gemacht wird. Lea lässt alles geduldig über sich ergehen.

In dem eintägigen Kurs lernen die Teilnehmer häufige Krankheiten bei Hunden kennen. Und sie erfahren, was bei Notfällen zu tun ist. Mit Hilfe des dreijährigen, dunkelbraunen Lennox erklärt der Tierarzt Matthias Scholer die Hunde-Basisuntersuchung. Dann üben die Teilnehmer, den geduldigen «Patienten» abzutasten, seinen Puls zu fühlen, sein Herz mit dem Stethoskop abzuhören und mit dem Otoskop einen Blick in die Ohren des Tierarztes – anstelle des Retrievers – zu werfen.

Die Schleimhäute untersuchen

«Von jetzt an: Wenn Sie irgendwo eingeladen sind, schauen Sie immer den Hund an», empfiehlt Scholer. Es sei wichtig, möglichst viele Hunde und auch Hundeschleimhäute gesehen zu haben, damit man die Lage im Ernstfall gut einschätzen könne. Manche Tiere etwa hätten pigmentierte Schleimhäute, was nicht mit Sauerstoffmangel-blau verfärbtem Zahnfleisch zu verwechseln sei.

Wer eine Wunde noch dem Tierarzt zeigen wolle, verzichte besser auf gefärbtes Desinfektionsmittel, das die Sicht behindere, rät Scholer. «Und denken Sie daran: Weisse Tiere werden damit rostfarbig. Das bleibt sehr lang im Fell haften.» Chlorhexidin oder Wasserstoffsuperoxid seien in solchen Fällen besser geeignet.

Scholer weiss, wovon er spricht: Als junger Tierarzt habe er bei einem Schimmel mit gefärbtem Desinfektionsmittel eine Wunde behandelt – kurz vor einem wichtigen Turnier und zum Entsetzen einer prominenten Reiterin, die mit dem hochklassigen Sportpferd antreten wollte.

Auf keinen Fall sollte man im Notfall vor dem Maul des Hundes hören, ob das Tier noch atme, warnt Scholer. «Das ist relativ gefährlich!» Sicherer sei, dem Hund einen Spiegel oder eine Brille vors Maul zu halten. «Wenn sie beschlägt, atmet das Tier.» Tipps dieser Art bekommen die Teilnehmer, allesamt begeisterte Hundebesitzer oder- züchter, in dem Kurs zuhauf. Die Stelle, wo eine Zecke entfernt worden sei, sollten sie zum Beispiel mit Tipp-Ex markieren, rät der Veterinär: «Das hält gut im Fell.» So könne man leichter beobachten, ob sich die Stelle im Verlauf der nächsten Tage entzünde.

Der Passagier wird zum Geschoss

Den grössten Raum im Kurs nehmen Un- und Notfälle ein. Bei einem Autounfall mit einer Geschwindigkeit von 50 Kilometern pro Stunde, werden die Teilnehmer gewarnt, kommt ein mitfahrender, zehn Kilogramm schwerer Hund wie ein Geschoss geflogen, das der Wirkung des 50-Fachen seines Gewichts entspricht – wenn er nicht sicher in einer Box untergebracht sei.

Auch wie man seinen Vierbeiner im Notfall «Mund zu Nase» beatme, erklärt der Tierarzt, ebenso wie die Herzmassage durchzuführen sei. «Das Herz befindet sich beim Hund etwa auf Höhe des Ellenbogens», sagt Scholer, und massiert werde mit übereinander gelegten Händen. Aber: «Beim Yorkshire-Terrier nicht mit dem vollen Gewicht drauflegen.»

Geboren wurde die Idee, solche Kurse abzuhalten, zu vorgerückter Stunde beim Rotwein, erinnern sich Scholer und Volkert. Nach dem Vorbild der Pferdesamariterkurse, die es seit vielen Jahren gibt, entwickelten die beiden Veterinäre einen analogen Kurs für Hündeler. Seit Sommer 2007 bieten sie die (bislang schnell ausgebuchten) Kurse an. Diese finden übers Jahr verteilt an verschiedenen Orten in der Schweiz statt.

«Mir wird grad schlecht, wenn ich an meinen Teppich daheim denke», kommentiert eine Teilnehmerin die elektronenmikroskopische Aufnahme eines Teppichs aus einem Hundehaushalt, die Scholer zeigt. Unzählige Floheier und -larven liegen dort eingebettet in das Teppichgewebe. Beim Ausbürsten des Tiers, wenn der Hund sich kratze oder abliege, gelange Flohkot vom Hund auf den Teppich. «Der Kot ist voll mit Blut. Das ist Red Bull gratis für die Bewohner im Teppich», sagt Scholer. Die Teilnehmer schauderts. Ein anderes ekliges Kapitel sind die diversen Würmer. «Spulwürmer schaffen es auch ohne Lift in Ihre Wohnung», stellt Scholer fest. An den Schuhsohlen beispielsweise würden die Eier mit ins Heim gelangen.

«Warum ist ein Ohrthermometer zum Fiebermessen beim Hund nicht zu empfehlen?», will der Kursleiter weiter wissen. Weil der Gehörgang des Hundes einen Knick habe und die gemessene Temperatur damit nicht der Temperatur am Trommelfell entspreche. Nicht nur die Anatomie der Ohren, auch die von Auge, Knie und Hüfte zum Beispiel lernen die angehenden Hundesamariter im Kurs.

«Mein Hund ist eine halbe Kuh»

Für ihre Fragen bleibt genügend Zeit. Ihr Hund sei «eine halbe Kuh», erzählt eine Teilnehmerin, er fresse halbe Wiesen ab. «Soll ich das unterbinden?» Nein, rät Tierarzt Volkert und zählt die möglichen Ursachen dieses Verhaltens auf: Magenschmerzen, Halsweh oder «einfach so».

Abgerundet wird das Programm durch einen «Streifgang» durch die Tierapotheke. Seit 2005 können Tierhalter Medikamente für ihre Lieblinge direkt beim Apotheker beziehen; davor war dies nur beim Tierarzt möglich.

Die speziell ausgebildete Apothekerin Monika Wilders, Verwalterin der Apotheke am Bach in Suhr, wo der Kurs an diesem Tag stattfindet, erklärt den Teilnehmern die wichtigsten Medikamente und was dabei zu beachten ist. Zeckenhalsbänder mit dem Wirkstoff Deltamethrin beispielsweise dürfe man keinesfalls der Katze anlegen. Sie reagiere mit Vergiftungserscheinungen. Ausserdem soll man sie dem Hund vor dem Baden im See abziehen, weil Permethrin auch für die Fische giftig ist. «Wenn das so einfach wäre», seufzt ein Teilnehmer, «mein Hund ist jeweils schneller im Wasser, als ich schauen kann.»

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