Gut getarnte Designerdroge

Der jüngste Vorfall mit «Badesalz» hat die Diskussion um Designerdrogen neu entfacht. Wie verbreitet die Stoffe hierzulande sind, ist unklar. Ebenso, was sie im Gehirn der Konsumenten anrichten.

«Geniale Rauschwirkung» – «angenehmes Anfluten» – «Flash kurz nach dem Ziehen»: Mit solchen Formulierungen beschreiben Junkies in einschlägigen Internetforen die Wirkung von «Badesalz», das sie sich wie Kokain in die Nase gezogen haben.

Weniger gut bekam die Designerdroge einem jungen Mann, der Anfang August von der Polizei in den Notfall des Luzerner Kantonsspitals eingewiesen wurde. «Er war so aggressiv, dass wir ihn auf die Intensivstation bringen und mit einem Narkosemittel ruhigstellen mussten», sagt Serge Elsasser, Leitender Arzt für Intensivmedizin. Zu Schaden gekommen sei niemand, doch es habe 36 Stunden gedauert, bis sich der Patient von seinem «Trip» erholt habe und entlassen werden konnte.

Horrormeldungen aus den USA

Seither grassiert wieder die Angst vor «Badesalz». Die «Zombie-Droge» sei in der Schweiz angekommen, war in Zeitungen zu lesen. Sie verwiesen auf frühere Horrormeldungen aus den USA – Fälle von Selbstverstümmelungen, Überdosierungen, gar Kannibalismus. Was steckt dahinter? Die Fakten:

  • «Badesalz» ist ein Sammelbegriff für eine neue Gruppe von Drogen, die rein synthetisch, also im Labor hergestellt und im Internet als Wellnessprodukte getarnt vermarktet werden. Auch als Pflanzen-, Kaktusdünger und Kapseln wird das weisse Pulver zum Schnupfen angepriesen. In Fachkreisen kursieren die neuen Substanzen als «Research Chemicals», «Designerdrogen» oder «Legal Highs» – immer wieder neue Stoffe, die vom Betäubungsmittelgesetz (noch) nicht erfasst sind.
  • Das bekannteste «Badesalz» ist Mephedron, ein Cathinon-Derivat (chemische Bezeichnung: 4-Methylmethcathinon oder 4-MMC), das in der Schweiz seit Dezember 2010 verboten ist. Besonders verbreitet ist Mephedron in Grossbritannien, Schweden, Tschechien, Australien und Neuseeland. In Grossbritannien wurde Mephedron ab 2008 so populär wie Kokain, bevor es im April 2010 verboten wurde. Im selben Jahr registrierten die britischen Behörden 48 Todesfälle «im gesicherten Zusammenhang mit Mephedron». Im Umlauf ist die Droge noch heute, insbesondere bei Teens und Twens.

Über den Wirkmechanismus und die Toxikologie der Substanz ist jedoch wenig bekannt. «Dafür bräuchte es erstens Tierstudien und zweitens Langzeituntersuchungen an Konsumenten – ein praktisch unmögliches Unterfangen bei der Kurzlebigkeit von Legal Highs», sagt Boris Quednow, Professor für Experimentelle und Klinische Pharmakopsychologie an der Universität Zürich. Eine der wenigen Studien zu Mephedron haben britische Forscher Anfang 2012 im Fachblatt «Addiction» publiziert. Sie untersuchten das Verhalten von 20 Mephedron-Konsumenten während und nach dem Rausch. Unter dem Einfluss der Droge zeigten sich die Probanden verwirrt und unkonzentriert, gleichzeitig erzählten sie, typisch für Stimulanzien, von euphorischen Gefühlen und überbordendem Selbstvertrauen. Auch das Verlangen nach der nächsten Dosis war bei allen schnell wieder da. Bei Gedächtnistests schnitten sie schlechter ab als die Kontrollgruppe.

Um die Langzeitwirkung von Mephedron einzuschätzen, muss man auf Erkenntnisse zur natürlichen «Schwester» des Cathinon-Derivats zurückgreifen: die Kath-Pflanze. Diese enthält einen psychoaktiven Wirkstoff, dessen chemische Struktur derjenigen von Mephedron ähnlich ist. «Kath wird in Ostafrika seit Jahrhunderten als Stimulanz und Alltagsdroge konsumiert, unter anderem gegen den Hunger», sagt Boris Quednow. Die Kathblätter werden einzeln vom Strauch gezupft und im Mund zu Bällchen zerkaut. In jüngerer Zeit hat sich Kath global verbreitet, insbesondere in den Niederlanden, Grossbritannien und Nordamerika; Amsterdam und London sind die wichtigsten Umschlagplätze für Kath in Europa.

Entgleiste Selbstkontrolle

Ein Forscherteam um die niederländische Psychologin Lorenza Colzato hat die Langzeitwirkung des Kath-Konsums untersucht. Resultat: Kath-Konsumenten sind im Durchschnitt impulsiver als andere, sie können sich schlechter kontrollieren und sind bei der Arbeit weniger leistungsfähig. «Die Ergebnisse lassen sich mit den Langzeitwirkungen von Kokain und Amphetamin vergleichen, zu denen es gesicherte Daten gibt», sagt Boris Quednow. Und: «Wahrscheinlich bewirken Kath und demnach auch Cathinon-Derivate wie Mephedron ähnliche Veränderungen des Dopaminsystems und anderer Botenstoffsysteme im Hirn wie Kokain oder Amphetamin.»

Und was hält der Fachmann vom jüngsten Mephedron-Vorfall in Luzern? Wie beurteilt er Meldungen über die mehrfachen «Kannibalenattacken» aus den USA, bei denen die Angreifer unter dem Einfluss von «Badesalz» ihre Opfer verstümmelt und sie teilweise sogar gegessen haben sollen? «Dass solche Ereignisse allein durch Mephedron verursacht werden, ist schwer vorstellbar, aber nicht unmöglich», sagt Boris Quednow. «Bei allen Stimulanzien zeigt ein kleiner Teil der Konsumenten sehr intensive Verhaltensänderungen, bei denen die Selbstkontrolle völlig entgleisen kann. So finden die schlimmsten Gewaltausbrüche von Individuen häufig unter Kokain statt.» Manchmal sei dabei eine vorbestehende psychiatrische Erkrankung mit im Spiel, die durch die Droge ausgelöst oder verstärkt werde. Stimulanzien könnten aber auch bei völlig Gesunden vorübergehende Psychosen auslösen.

Eine «stille Epidemie»

Mephedron ist in der Schweiz zwar offiziell kaum verbreitet. Trotzdem sieht Boris Quednow in den «Legal Highs» ein ernsthaftes Problem. «Erstens hat sich durch das Internet ein neuer globaler Drogenmarkt etabliert, der sich den bisherigen Kontrollmechanismen völlig entzieht», sagt er. «Zweitens können dadurch neue Substanzen, die noch auf keiner Liste stehen, sehr schnell unters Volk gebracht und wieder vom Markt gezogen werden.» Der Konsument werde so zum Versuchskaninchen.

Eine «stille Epidemie» von neurotoxischen Substanzen sei im Gang, deren nachteilige Wirkung nicht absehbar sei. «Wir müssen davon ausgehen, dass manche dieser Stoffe bei den Konsumenten nachhaltige Veränderungen im Gehirn bewirken», sagt Boris Quednow. «Welche das sind, wissen wir vielleicht erst in 10 oder 20 Jahren. Dann ist es zu spät, um davor zu warnen.»

Tages-Anzeiger

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