Das Kondom ist ein Feminist

Die Pille ist wegen ihrer Nebenwirkungen in Verruf geraten. Ein Loblied auf den Gummi. Er ist der Superstar unter den Verhütungsmitteln.

Der Gummi ist, in all seinen Farben und Formen, im Grunde ein Feminist.

Der Gummi ist, in all seinen Farben und Formen, im Grunde ein Feminist.

(Bild: iStock)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Nichts ist beliebter, beständiger und schützt umfassender vor ungewollten Schwangerschaften und gegen eigentlich alle Geschlechtskrankheiten als das gute alte Präservativ. Es ist quasi der Superstar unter den Verhütungsmitteln, und dies trotz seines stolzen Alters: Seit über 2000 Jahren ist das Prinzip das gleiche – mit unterschiedlichem Erfolg: Die Griechen setzten auf Ziegenblasen, später kamen Schafs- und Hammeldärme zum Einsatz. Leder, Metall, Stroh, feuchte Leinensäcke, nichts gab es, zu dem man(n) nicht gegriffen hätte. Dann kam im 19. Jahrhundert Charles Good­year und erfand das Kautschuk-Latex.

150 Jahre später, und immer noch stülpt sich der Mann ein Mäntelchen aus Gummi über, als wären wir nicht inzwischen zum Mars geflogen. Der irische Schriftsteller George Bernard Shaw bezeichnete das Gummikondom einst als die grösste Erfindung des 19. Jahrhunderts. Recht hatte er.

Ein zeitloser Held

Der Gummi ist der König der Nacht. Ein zeitloser Held. Simpel, souverän und gerade heute wieder sehr modern. Viel war zu lesen in letzter Zeit über Verhütung. Über die Aidskampagne, über Pillen, Spiralen und was es sonst noch so alles gibt. Vor allem aber über die zunehmend kritische Haltung gegenüber hormonellen Verhütungsmitteln. Etwas fällt dabei auf: Offenbar ist es in der heutigen Gesellschaft immer noch so, dass vor allem die Frau sich um die Verhütung zu kümmern hat. Das Kondom ist da gewissermassen eine Gegenbewegung, ja, um es salopp zu sagen: Der Gummi ist ein Feminist.

«Kondome sind auch eine Art Gleichberechtigungskatalysator.»

Das findet auch Daniela Enzler von der Organisation Sexuelle Gesundheit Schweiz: «Kondome sind einfach super.» Und dann erklärt sie, wieso. Nicht nur, dass sie richtig angewendet vor eigentlich allem schützen, unglaublich praktisch und handlich sind, nein, sie sind auch noch eine Art Gleichberechtigungskatalysator. Sie verteilen die Kontrolle über die Empfängnisverhütung an beide Geschlechter.

Beim ersten oder auch spontanen erotischen Intermezzo überbrückt der Pariser gewissermassen die Hemmschwelle. Er kommt dazwischen und regelt stumm die Frage nach Krankheiten, nach Familienplanung, nach Sorgen und Ängsten. «Das Kondom ist der gläserne Pantoffel unserer Generation. Du schlüpfst hinein, wenn du einen Fremden triffst… Du tanzt die ganze Nacht… Und weg damit. Das Kondom, mein ich, nicht den Fremden», hat Chuck Palahniuk in seinem Kultbuch «Fight Club» geschrieben. Ja, der gläserne Pantoffel für die eine, stürmische, meist ja auch kopflose Nacht.

Darüber reden

Aber er kann eben noch mehr. Der Gummi ist auch der Steg, der von der Unverbindlichkeit in die Ernsthaftigkeit führt. Sobald aus dem Beiläufigen etwas Ernstes wird, will er sich zurückziehen und fordert das Tanzpaar zu dem auf, was jede Anti-Aids-Kampagne empfiehlt: Darüber reden. Über Verhütung, Familienplanung. Die eigenen Intentionen.

Obwohl sich die Verkaufszahlen relativ stabil halten, glaubt auch Daniela Enzler, dass der gute alte Gummi wieder mal einen Marketingschub vertragen könnte. Beweisen kann sie es nicht, sie befürchtet aber, dass das Kondom heute nicht mehr so selbstverständlich zum Sex dazugehört, weil die allgemeine Angst vor einer Aidserkrankung etwas zurückgegangen ist. «Heute bedeutet Aids kein Todesurteil mehr», sagt sie. Vielleicht liege es daran. Dabei gehe aber vergessen, vor allem bei Männern, dass es eben noch zahlreiche andere Geschlechtskrankheiten gebe, vor denen eigentlich nur das Kondom schützen könne.

Leuchten im Dunkeln

Apropos Männer. Sie, das hört man immer wieder, bekunden ihre liebe Mühe mit Gummis. Vor allem wegen des Gefühls. Das kann auch damit zu tun haben, dass sich nicht jeder Mann so um seine Sexualität kümmert wie vielleicht um sein Golfspiel oder das eigene Auto. Beim Kauf von Präservativen wird eher selten auf die Qualität geachtet.

In der Schweiz dominieren drei Hersteller den Kondommarkt: Ceylor, Durex und die Migros-Eigenmarke Cosano. Wobei Ceylor Marktführerin ist. Eine Nachfrage bei der Verkaufsabteilung zeigt: Topseller sind die «klassischen Naturkautschuk-Latex-Kondome, Standardform ohne Aroma». Nicht gerade das ausgefallenste Modell. Dass die meisten zudem auf die Standardgrösse setzen, ist ein weiteres Anzeichen dafür, dass man hier nicht unbedingt wählerisch ist.

Kondome werden heute gekauft wie früher Zahnbürsten. Eine ist so gut wie die andere. Wirklich? Weit gefehlt. Das zeigt ein Besuch in einem Berner Sexshop. Was es da nicht alles gibt. Gummis in allen Farben des Regenbogens, solche mit Noppen, mit Geschmack, mit eingebautem Penisring, solche, die im Dunkeln leuchten, genannt: Technosex.

Für Veganer sind tierversuchsfrei entwickelte Gummis erhältlich, für Allergiker latexfreie. Es gibt etwas dickere für den Analverkehr, dünne für das authentische Feeling oder solche, die mit einem Lokalanästhetikum versehen sind, um die Ejakulation zu bremsen, solche mit extra viel, solche mit sehr wenig Gleitmittel.

Die richtige Grösse

Täglich gingen hier Gummis über den Tresen, sagt die Verkäuferin. Eine Beratung finde meist nur statt, weil die Angestellten dafür geschult worden seien, das Verkaufsgespräch zu suchen. Man spüre sehr schnell, wo beim Mann der Schuh drücke, sagt die Verkäuferin. Meistens geht es, wie beim Schuhwerk, um die passende Grösse. Doch gerade dort gibt es, so ist es zumindest herauszuhören, Wissenslücken. Denn längst nicht jeder Mann kennt seine wahre Grösse. Dabei ist es bei Kondomen äusserst wichtig, dass sie passen. Nicht nur wegen des Vergnügens. Ein zu enger Gummi kann schnell reissen. Ein zu loser kann abrutschen.

Im Shop werden deshalb inzwischen gratis Messbänder abgegeben, extra so entworfen, dass das Messergebnis auf die auf den Packungen angegebene Grösse verweist. Denn offenbar wissen die wenigsten, dass sich die Kondomgrösse nicht auf den Umfang des besten Stücks, sondern auf die Breite bezieht. Der Durchschnitt liegt hier bei 53 Millimetern. Für Singlefrauen raten die Verkäuferinnen deshalb auch, immer eine 53 in Reichweite zu haben.

Die richtige Technik

Bekanntlich kommt es ja nicht auf die Grösse an, sondern auf die Technik. Beim Kondom ist beides wichtig. Wenn erst mal die Grösse passt, darf es an der richtigen Handhabe nicht fehlen. Sonst ist jedes noch so schön im Dunkeln leuchtende Exemplar nutzlos. Auch wenn sich das jetzt wie eine Gebrauchsanweisung für Deppen liest: Offenbar scheint eine kleine Auffrischung vonnöten.

Dass man beim Aufreissen der Verpackung vorsichtig sein sollte, ist ja wohl klar. Ziemlich häufig werden auch Innen- und Aussenseite des Gummis verwechselt. Richtig ist es, wenn sich das Röllchen am unteren Ende des Kondoms aussen befindet. Was auch nicht alle wissen: Kondome und ölhaltige Gleitmittel sind ein No-go. Also auch Vaseline, Baby- oder Massageöl. Das kann das Material des Präservativs beeinträchtigen.

Und zu guter Letzt – dies auch, weil auf den Packungen das Nachher selten thematisiert wird: Das Glied sollte nach dem Sex noch im erigierten Zustand herausgezogen und das Kondom dabei festgehalten werden, damit es nicht abrutschen und auslaufen kann. Dann schnell, schnell entsorgen und: Hände waschen nicht vergessen.

Berner Zeitung

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