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In Schweizer Museen liegen wertvolle Schätze brach

Über 60 Millionen Objekte schlummern in den Kellern von Schweizer Museen und Hochschulen. Die Akademie der Naturwissenschaften will diese nun für Forscher zugänglich machen.

Geweihe in der osteologischen Sammlung des Naturhistorischen Museums Basel. Foto: Gregor Brändli
Geweihe in der osteologischen Sammlung des Naturhistorischen Museums Basel. Foto: Gregor Brändli

Es ist kein Ort für eine Schatzkammer. Wer sich in den «Raum der Insekten» im Keller des Naturhistorischen Museums in Bern begibt, ist vorerst enttäuscht. Neonbeleuchtung, bewegbare Regale, graue Wände. Es ist kühl und trocken in diesem öden Archiv. Erst als der Entomologe Hannes Baur einen Holzkasten mit Glasfenster aus dem Regal zieht, kommen die Kostbarkeiten zum Vorschein. Schmetterlinge, fein säuberlich in Reih und Glied mit feinen Nadeln fixiert. In einem anderen Kasten präsentieren sich Parasitische Wespen, kleine Punkte, kaum sichtbar. Jeder Schaukasten ist ein kleines Kunstwerk. «Etwa 2,5 Millionen Objekte befinden sich in dieser Sammlung», sagt Hannes Baur.

Die Schweiz ist reich an solchen Archiven. Nicht nur in den grossen Zentren Zürich, Basel, Bern und Genf. Auch St. Gallen, das Tessin, Uri oder Luzern verfügen über bemerkenswerte Sammlungen. Tiere, Pflanzen, Pilze, Steine, Knochen, Bodenproben und Versteinerungen: Schweizweit gibt es über 60 Millionen Objekte, die zumeist verborgen in den Lagerräumen der Naturmuseen, Botanischen Gärten und Universitäten liegen. Das ist ein Befund des Berichts «Nationale Bedeutung Naturwissenschaftlicher Sammlungen der Schweiz», den die Akademie der Naturwissenschaften (SCNAT) gestern im Naturhistorischen Museum in Bern präsentiert hat.

Nationale Aufgabe

«Die Schweiz ist international ein grosser Player», sagt Christoph Scheidegger, Mitautor und Präsident der Plattform «Biologie» der Akademie der Naturwissenschaften. Das betrifft allerdings nur die Bedeutung der Sammlungen. Der Zugang zu diesen wissenschaftlichen Schätzen ist jedoch weitgehend für die Forschung verschlossen. Nur 17 Prozent der Objekte sind digital dokumentiert, der Rest kann nur mit grossem Aufwand für die Wissenschaft nutzbar gemacht werden.

Das will die Akademie der Naturwissenschaften nun ändern. «Es ist eine nationale Aufgabe, die gesamten Sammlungen zu digitalisieren», sagt Scheidegger. Das heisst: Für jedes Objekt soll mindestens der Standort des Fundes, der Zeitpunkt und eine Beschreibung erfasst werden. Dazu kommt ein Bilddokument von jedem einzelnen Sammelstück. Die Daten sollen schliesslich auf einer nationalen digitalen Forschungsplattform vernetzt werden, die öffentlich zugänglich sein soll. «Das grosse Potenzial der Sammlungen liegt in der Vernetzung, sie verschafft der Forschung einen riesigen Fundus», sagt Christoph Beer, Direktor am Naturhisto­rischen Museum Bern und Präsident des Verbandes der Naturmuseen.

Für viele Naturmuseen in der Schweiz ist das jedoch Neuland. Sie gelten in der Öffentlichkeit und in der Politik primär als Wissensvermittler. Sie hätten bisher in erster Linie einen Kulturauftrag zu erfüllen, sagt Beer. Zudem leiden Museen Jahr für Jahr unter dem Spardruck der Geldgeber, der Kantone und Gemeinden. Die Digitalisierung der Sammlungen und der Forschungsanspruch sind unter diesen Bedingungen in den Hintergrund gerückt.

Bilder: Wertvolle Objekte in Schweizer Museen und Hochschulen

Die Gesteinssammlung des Naturhistorischen Museums in Bern wurde vor zwanzig Jahren weltbekannt, weil Forscher Spuren von Mikroben entdeckten, die unter extremen Bedingungen lebten. Sie sind ein Beleg für frühes Leben auf der Erde.
Die Gesteinssammlung des Naturhistorischen Museums in Bern wurde vor zwanzig Jahren weltbekannt, weil Forscher Spuren von Mikroben entdeckten, die unter extremen Bedingungen lebten. Sie sind ein Beleg für frühes Leben auf der Erde.
Uni Bern
Die Zürcher Herbarien verfügen über eine bedeutende Sammlung von Rostpilzen (im Bild Sporen des mexikanischen Kartoffelrosts). Es gibt 60'000 Objekte aus der ganzen Welt. Dank der Sammlung wurden zwei neue Pilzarten entdeckt, darunter eine, die auf Wildkartoffeln wächst und eine Kartoffelkrankheit verursacht.
Die Zürcher Herbarien verfügen über eine bedeutende Sammlung von Rostpilzen (im Bild Sporen des mexikanischen Kartoffelrosts). Es gibt 60'000 Objekte aus der ganzen Welt. Dank der Sammlung wurden zwei neue Pilzarten entdeckt, darunter eine, die auf Wildkartoffeln wächst und eine Kartoffelkrankheit verursacht.
R. Berndt, Vereinigte Herbarien Z+ZT
Forschende des Kompetenzzentrums für landwirtschaftliche Forschung (Agroscope) haben eine in der Schweiz neue Erzwespe entdeckt, die ein natürlicher Feind der Kirschessigfliege ist.
Forschende des Kompetenzzentrums für landwirtschaftliche Forschung (Agroscope) haben eine in der Schweiz neue Erzwespe entdeckt, die ein natürlicher Feind der Kirschessigfliege ist.
SCNAT
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Das gilt aber nur bedingt für grosse Museen wie das Naturhistorische in Bern, das über ein eigenes Forscherteam verfügt und gut aufgestellt ist. Die Vereinigten Herbarien der Universität Zürich und der ETH haben jährlich ein Budget von etwa 800'000 Franken, um die Pflanzen-, Pilz- und Moossammlungen nicht nur zu deponieren und zu lagern, sondern auch zu digitalisieren und die Infrastruktur zu verbessern. Kleinere Naturmuseen wie in St. Gallen hingegen ver­fügen laut Direktor Toni Bürgin über eine Stelle, die sich der Sammlung widmet «Werden Naturhistorische Sammlungen nicht gepflegt und entwickelt, nimmt deren Nutzen immer mehr ab und wird irgendwann obsolet», sagt Reto Nyffeler vom Institut für Systematische und Evolutionäre Botanik und Kurator des Herbariums der Universität Zürich.

Das will die Akademie der Naturwissenschaften verhindern. Sie befürchtet, dass ohne künftigen Effort der Anschluss an die internationale Forschung verpasst wird. Die EU zum Beispiel hat die Bedeutung der Museen erkannt und Sammlungen als prioritäre Forschungsinfrastruktur eingestuft.

Es fehlen Fachleute

Dass die Akademie und die Naturmuseen erst jetzt aktiv werden, hat laut den Initianten auch mit dem Fortschritt in der Wissenschaft zu tun. Heute lassen sich auch bei uralten Sammel­objekten Erbgut oder chemische Zusammensetzungen bestimmen. Das eröffnet neue Forschungszugänge. So können klimatische und ökologische Umweltveränderungen über Jahrzehnte oder Jahrhunderte hinweg anhand von Sammel­belegen aufgezeigt werden. Die Daten aus der Vergangenheit sind nun auch wertvoll, um die Gegenwart und die Zukunft einzuschätzen. Zum Beispiel konnte mithilfe der Sammlung von Bodenproben des Forschungsins­tituts WSL in Birmensdorf der Grad der radioaktiven Verseuchung der Böden in der Schweiz nach dem Nuklearunfall in Tschernobyl aufgezeigt werden.

In den nächsten zwei Jahren will die Akademie zusammen mit den Museen und Hochschulen die Strategie für die künftige digitale Forschungsplattform ausarbeiten. Bis 2024 soll die nationale Infrastruktur aufgebaut sein. Die Akademie rechnet mit Kosten von rund 14 Millionen Franken, die sie beim Bund beantragt hat.

Die Initianten erhoffen sich noch einen anderen Effekt von der Digitalisierung der Sammlungen. Für die Bestimmung von Insekten, Pflanzen und Pilzen fehlen immer mehr Fachleute. Unter anderem, weil die sammlungsbasierte Forschung im Gegensatz etwa zu Molekularwissenschaften weit weniger angesehen ist. «Mit der Digitalisierung eröffnen sich attraktive neue Forschungsprojekte», sagt Christoph Scheidegger von der Schweizerischen Akademie der Naturwissenschaften.

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