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«Delphi wäre ein gutes Finanzmarktorakel»

Manchmal muss man zweitausend Jahre zurückblicken, um die Gegenwart zu verstehen. Oder auch umgekehrt: Ein Gespräch mit Karl-Wilhelm Weeber, Historiker und Autor des Buches «Hellas sei Dank».

«Eine Besinnung auf gemeinsame Wurzeln würden Europa nicht schaden»: Schauspiel vor der Akropolis.
«Eine Besinnung auf gemeinsame Wurzeln würden Europa nicht schaden»: Schauspiel vor der Akropolis.
AFP

Herr Weeber, Europa ist in der Krise, Griechenland streikt – und Sie schreiben ein Buch mit dem Titel «Hellas sei Dank». Wollen Sie uns auf den Arm nehmen? Nein. Aber ich möchte die Debatte einmal anders führen. Anstatt über Schulden, Schlendrian und Hinterlist will ich über das kulturelle Vermächtnis Griechenlands sprechen. Immerhin ist das ein Land, das Europa mit seiner Kultur, Philosophie und Demokratie während zweitausend Jahren geprägt hat.

Drehen wir den Spiess doch gleich einmal um: Wie demokratisch ist Europa denn heute? Das kommt darauf an, wo Sie hinschauen. Die meisten heutigen Demokratien sind Parteiendemokratien. Und diese Parteien haben eine Ähnlichkeit mit Gemischtwarenläden.

Die Bürger werden alle paar Jahre um Ihre Stimme gebeten. Stadtstaaten der Antike – wie Athen – waren da demokratischer. Man stimmte über Sachfragen ab und sagte der Exekutive so, wo es langgeht. In den griechischen Stadtstaaten wurde über Verteilungsfragen, Infrastrukturprojekte, ja sogar über Kriegs- oder Friedensbeschlüsse demokratisch entschieden. Solche Strukturen finden sich heute am ehesten noch in der Schweiz.

Sie vergleichen die Schweiz mit dem alten Griechenland? Mit ihren Systemen haben beide einen grossen Vorteil: Der Bürger oder griechisch gesprochen: der Polit, pflegt ein Ethos der Teilhabe. Er weiss, dass die Dinge der Politik, «ta politika», auch seine Dinge sind. Dinge, die ihn etwas angehen, für die er sich einsetzen muss.

Könnte auch Europa basisdemokratisch funktionieren? Es sollte sicher öfters Referenden geben. In Deutschland etwa betrachten viele Menschen Politik als dreckiges Geschäft. Das führt so weit, dass sich die Leute mit Stolz als unpolitisch bezeichnen – eine skandalöse Einstellung, wenn Sie mich fragen.

War das bei den Griechen anders? Es gab sicher weniger Sachzwänge als heute und eine globale Perspektive brauchte man auch nicht einzunehmen. Die konservativen Athener fanden zum Beispiel, dass der Bau der Akropolis zu viel Geld verschlinge. Für sie wäre es durchaus vorstellbar gewesen, die Tempel halbfertig stehen zu lassen. Das Volk liess sich kontinuierlich über die angefallenen Kosten orientieren, erst nach ausführlicher Debatte stimmte die Mehrheit für die Fertigstellung der Bauten.

Und heute steht die Akropolis als Symbol für den Niedergang Griechenlands. Worauf gründete die Ambition der alten Athener? Zu einem Grossteil auf der Konkurrenz zur konservativen Rivalin Sparta. Es herrschte ein Wettbewerb um Macht und Ansehen unter den Poleis – ein Wettbewerb der Systeme, wenn Sie wollen.

Ähnlich wie im kalten Krieg? Oder im heissen Krieg. Griechenlands Stadtstaaten hatten oft Auseinandersetzungen. Das demokratische Athen hatte durchaus imperiale Züge: Um das Machtgebiet auszudehnen und an Rohstoffe zu gelangen, ging man auch ziemlich rücksichtslos gegen Nachbarn vor. Der Konflikt mit der neutralen Insel Melos war so ein Fall.

Athen schickte die Kavallerie? Nicht die Kavallerie, aber die Seeflotte. Die Melier wandten sich daraufhin hilfesuchend an die Spartaner. Doch die sagten: Warum sollen wir euch helfen, wenn wir selbst nichts davon haben? Sechs Monate später musste Melos dem Athener Seebund beitreten.

Das heutige Europa scheint doch ein wenig zivilisierter. Ja. Allerdings bildeten die Poleis eine sprachliche, kulturelle und religiöse Einheit – im Gegensatz zum heutigen «Europa der Regionen», das sich primär als politisches Projekt versteht. Ein stärkeres Geborgenheitsgefühl, eine Besinnung auf gemeinsame Wurzeln würden Europa nicht schaden.

Es gibt den Fussball und die Champions League. Der Fussball ist sicher identitätsstiftend. In gewisser Weise, wie es die Olympischen Spiele für die Griechen waren. Allerdings waren das sozusagen nationale Meisterschaften. Andere Länder, sogenannte Barbaren, waren von der Teilnahme ausgeschlossen. Übrigens: Eine Ethik des Fairplay, wie sie die Fifa oder das IOC heute vertritt, gab es damals noch nicht. An Olympia nutzte man alle Mittel aus: Man behinderte den Gegner beim Laufen oder beim Wagenrennen und hörte erst auf, wenn der Schiedsrichter einschritt.

So ähnlich ist es im Fussball ja immer noch. Man könnte tatsächlich sagen, dass die Sportsethik unserer Fussballer sehr altgriechisch ist. Das zeigt sich an Dingen wie der Notbremse – ein sehr unsportliches, gefährliches Mittel. Sogar Sportreporter betrachten sie aber mitunter als legitimes Mittel, um ein Tor zu verhindern.

War die antike Polis eine Leistungsgesellschaft? Ja, aber nur innerhalb der Oberschicht. Es gibt diese Geschichte von Odysseus: Als er nach Ithaka zurückkehrt, wird er zunächst als Knecht behandelt. Um seine Reputation wiederzuerlangen, bietet er einem Herausforderer einen Wettstreit im Pflügen an – getreu dem von Homer formulierten Credo: «Immer der Beste sein und den anderen überlegen.» Odysseus muss auch in einer materiellen, ökonomischen Auseinandersetzung obenaus schwingen.

Wie gingen die Griechen mit Verlierern um? Obwohl achtzig Prozent der Menschen am Existenzminimum lebten, war die Idee der Solidarität in der Antike weitgehend unbekannt. Es gab andere Mittel der Umverteilung. Etwa die sogenannte Leiturgie: Dabei wurden reiche Leute dafür herangezogen, Kriegsschiffe, Theaterspiele oder Gymnasien zu finanzieren. Die Reichen regten sich furchtbar über diese Institution auf.

Verheimlichten sie ihr Vermögen, um Steuern zu hinterziehen? Auch dagegen wurde vorgesorgt. Wer zur Leiturgie aufgefordert wurde, hatte zum Beispiel das Recht, sich zu drücken und eine andere Person als Spender vorzuschlagen. Passierte das, so wurden die Vermögen verglichen. Lehnte die genannte Person das ab, so wurde ihr ein Vermögenstausch mit dem Herausforderer angeboten. Wer durch diesen Tausch etwas zu verlieren hatte, bezahlte lieber gleich die Steuern.

Die Steuermoral der Reichen war also schon damals nicht sehr hoch. Sagen wir es einmal so: Moralische Autorität suchte man andernorts. Etwa im religiösen Bereich, bei Orakeln wie demjenigen von Delphi. Die dortigen Priester machten mit ihren Ratschlägen schon auch Geld. Doch sie redeten den Leuten ins Gewissen und mahnten vor dem Übermass.

Die heutigen Wahrsager sitzen an der Wallstreet und in der Londoner City. Und genauso wie vor zweitausend Jahren stellen sich ihre Sprüche allzu oft als selbsterfüllende Prophezeiungen heraus. Wobei dem Orakel von Delphi die Hybris, dieser Wille zur materiellen Übertreibung, abging. Delphi würde heutzutage anstelle der Finanzmärkte wohl keinen so schlechten Job machen. Denn es hätte ein unschlagbares Plus: Glaubwürdigkeit.

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