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Wie die Proteste die türkische Wirtschaft gefährden

In einer von Rezession geprägten Region gilt die Türkei als Erfolgsgeschichte. Doch durch die heftigen Unruhen könnte das Land ins Schlingern geraten. Ein Blick auf die türkische Wirtschaft und die Risiken.

Nach ihm entschieden sich zahlreiche weitere Demonstranten für die neue Form des stummen Protests: Erdem Gunduz alias Duranadam (der bewegungslose Mann) während seiner Performance auf dem Taksim-Platz. (17. Juni 2013)
Nach ihm entschieden sich zahlreiche weitere Demonstranten für die neue Form des stummen Protests: Erdem Gunduz alias Duranadam (der bewegungslose Mann) während seiner Performance auf dem Taksim-Platz. (17. Juni 2013)
Reuters
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Ein Bulldozer der Polizei räumt eine Barrikade der Demonstranten ab.
Ein Bulldozer der Polizei räumt eine Barrikade der Demonstranten ab.
Keystone
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Wie gross ist die türkische Wirtschaft?

Nach einem raschem Konjunkturwachstum in den vergangenen Jahren erwirtschaftete die Türkei ein Bruttoinlandsprodukt von etwa 800 Milliarden Dollar (rund 602 Milliarden Euro), was in etwa der Grössenordnung reicher Industrienationen wie der Schweiz oder den Niederlanden entspricht. Viele Nachbarn der Türkei haben derzeit allerdings wenig Grund zur Freude. Griechenland und Zypern stecken in der Schuldenkrise und einer schweren Rezession, den östlichen Anrainern Irak und Syrien haben Kriege und Aufstände zugesetzt.

Der Türkei ist es jedoch gelungen, sich gegen den Trend zu stemmen. Nach einer Wirtschaftskrise um die Jahrtausendwende konnte die Konjunktur jährlich knapp über fünf Prozent zulegen. Während sich 2010 und 2011 weite Teile der Weltwirtschaft von einer Rezession erholten, wuchs die türkische Wirtschaft um mehr als acht Prozent - in etwa so schnell wie die chinesische.

2012 verlangsamte sich das Wirtschaftswachstum auf 2,6 Prozent, aber der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet für dieses Jahr mit 3,5 und für 2014 mit einem Plus von 3,75 Prozent.

Im Quartal vor Beginn der Proteste stand die türkische Konjunktur vergleichsweise gut da, wie jüngste Zahlen belegen: Drei Prozent Plus gegenüber dem Vorjahreszeitraum waren mehr, als die Märkte erwartet hatten. Zum türkischen Wachstum trägt nicht allein der Tourismussektor bei, auch die Industrie und Dienstleistungen treiben die Konjunktur voran. Sogar eine ewige Plage, die Hyperinflation, konnte eingedämmt werden. Behält der IWF recht, wird die Teuerungsrate dieses Jahr vergleichsweise geringe 6,6 Prozent betragen.

Wie reagieren Investoren auf die Unruhen?

Nicht gut. Während der ersten Tage der Proteste brachen die Märkte deutlich ein und schwanken seitdem stark. Ganz offensichtlich ist das Ausland beunruhigt. Der führende Aktienindex der Türkei liegt diesen Monat weiter rund zehn Prozent im Minus. Die Zinsen auf Staatsanleihen sind stark gestiegen, ein Papier mit zehn Jahren Laufzeit bringt jetzt 6,2 statt 7,3 Prozent. Dass die Türkei wie Griechenland beim IWF Mittel beantragen muss, ist unwahrscheinlich. Aber die jüngsten Entwicklungen sind dennoch nicht positiv für ein Land, dessen Wachstum so stark von Investitionen aus dem Ausland abhängt.

Welche Gefahren drohen der Wirtschaft?

Ausländische Investoren könnten nun ihr Geld abziehen. Vor allem ihre relative politische Stabilität hat die Türkei für Anleger bislang so interessant gemacht. Ankara hat gewaltige Infrastrukturprojekte angeschoben, etwa einen neuen Grossflughafen ausserhalb Istanbuls, eine dritte Bosporus-Brücke und diverse Ölpipelines.

Finanziert werden die Vorhaben mit Anleihen von Staat und Grosskonzernen - Anleihen, die für Anleger aus den USA und Europa reizvolle Renditen abwerfen. Doch bei politischen Unruhen sind auch diese Investitionen gefährdet. Nervöse Anleger könnten beschliessen, ihr Geld an sicherere Orte umzuschichten.

Auch wenn der Vergleich ein paar Mal angestellt wurde: Die Lage in der Türkei ist mit dem Arabischen Frühling kaum vergleichbar. Die demokratisch gewählte Regierung in Ankara geniesst immer noch breiten Rückhalt in der Bevölkerung. «Die Demonstrationen haben noch nicht ein Ausmass erreicht, das zu den wirtschaftlichen Verwerfungen führen könnte, wie sie Teile der arabischen Welt in den vergangenen Jahren erlebten», sagt Paul Rawkins von der Ratingagentur Fitch.

Weiten sich die Unruhen aus, könnte allerdings die Tourismusbranche leiden. Mit 37,7 Millionen Besuchern war die Türkei eines der zehn beliebtesten Reiseziele weltweit. Bislang kam es noch nicht zu Stornierungen, weil die Demonstranten Besucher in Ruhe lassen und Hauptattraktionen wie Paläste, Märkte und Strände frei zugänglich sind. Ändert sich das, dürften die Folgen nicht auf sich wartenlassen.

(SDA)

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