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Wer kann noch abschalten?

Smartphone und mobile Geräte tragen die Firma in die eigenen vier Wände. «Stopp», sagt dazu jetzt die deutsche Arbeitsministerin. Die ständige Erreichbarkeit ist auch in der Schweiz ein Thema. Betroffene erzählen.

Mit Smartphone und E-Mail sind Arbeitnehmer immer und überall erreichbar: Ein Vater mit seinem Sohn am iPad.
Mit Smartphone und E-Mail sind Arbeitnehmer immer und überall erreichbar: Ein Vater mit seinem Sohn am iPad.

«Das Arbeitsschutzgesetz verlangt von jedem Chef, dass er Körper und Geist seiner Mitarbeiter aktiv schützt», sagte jüngst die deutsche Arbeitsministerin. Von deutschen Unternehmen verlangt Ursula von der Leyen «klare Regeln, was den Handygebrauch und den Mail-Verkehr angeht». Die Betriebe sollten festlegen, zu welchen Zeiten ein Mitarbeiter erreichbar sein müsse und wann er dafür einen Ruheausgleich bekomme.

Die ständige Erreichbarkeit für Kollegen, Kunden und den Chef ist auch für Schweizer Arbeitnehmer ein Thema. «Wenn der Zeitdruck bei Projekten gross ist, sitze ich auch abends noch vor dem Computer und beantworte Mails oder erstelle Unterlagen», sagt Simon Zimmermann, der für die SBB internationale Projekte betreut. «Seitdem ich mehr Verantwortung habe, checke ich E-Mails über das Smartphone und fühle mich oft verpflichtet, sie auch zu beantworten.» Die Vermischung von Arbeitszeit und Freizeit mache es schwer, wirklich abzuschalten.

Auch Zimmermanns Teammitglieder verschicken abends um 22 Uhr noch Informationen oder arbeiten am Wochenende. Dasselbe erlebt ein UBS-Banker, der nicht persönlich genannt werden will. «Kollegen versenden um Mitternacht noch E-Mails und sind Tag und Nacht für das Unternehmen erreichbar. Es gibt nur einen Kollegen, der auf das Smartphone verzichtet, obwohl die Firma ihm gerne eines geben würde.»

Die Belastung steigt

Beat Ringger, Zentralsekretär bei der Gewerkschaft für öffentliche Angestellte (VPOD) sieht in der ständigen Erreichbarkeit ein «ausuferndes Problem». «Arbeitszeit und Freizeit vermischen sich, dadurch steigt auch die Belastung.» Unternehmen könnten nicht verlangen, dass Mitarbeiter ständig erreichbar sind, «und wenn, dann müsste das begründet und vergütet werden». Problematisch ist für viele Angestellte, dass Arbeit in der Freizeit vom Unternehmen nicht ausdrücklich gefordert wird, sie sich aber dennoch dazu verpflichtet fühlen.

«Wenn viel Arbeit ansteht oder ich tagsüber nicht dazu komme, setze ich mich abends noch an den Laptop, während meine Frau am Fernseher sitzt», sagt Adrian Raths, der für einen grossen Versicherer arbeitet. Da er drei Kinder hat, die erst noch ins Bett müssen, kann das bis Mitternacht dauern. Um sich nicht völlig von der Arbeit vereinnahmen zu lassen, verzichtet er bewusst auf ein Handy, über das er auch E-Mails empfangen kann. «Sonst könnte ich mich selbst nicht mehr kontrollieren.» Damit er nicht auch noch in den Ferien arbeitet, wird Raths diesen Sommer seinen Laptop zu Hause lassen.

E-Mail-Funktion am Handy ausschalten

«Es gibt Kollegen, die unter der ständigen Erreichbarkeit leiden, und andere, die damit umgehen können», beobachtet der UBS-Banker. Da Firmen meist keine klaren Regeln haben, muss jeder Smartphone-Besitzer mit sich selbst ausmachen, wie er mit beruflichen Informationen und Anforderungen in der Freizeit umgeht. Zimmermann schafft es inzwischen, «die E-Mail-Synchronisation abzuschalten, sobald ich aus dem Zug steige».

Für Beat Ringger ist das Phänomen der mobilen Erreichbarkeit nicht nur für Büroangestellte ein Problem. «Im Spitex-Bereich gibt es Organisationen, die jetzt auf elektronische Einsatzpläne umsteigen. Wenn man das nicht regelt, können Schichtpläne sehr kurzfristig geändert werden, bis die Mitarbeiter quasi auf Abruf zum Einsatz dirigiert werden.» Für den Zentralsekretär des VPOD ist diese Entwicklung sehr beunruhigend. «Die Gewerkschaften müssen hier dringend handeln», sagt er.

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