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Wallstreet: Die nächste Krise ist schon da

Nach der bisher grössten Rettungsaktion des Staates ist an der Wallstreet die nächste Krise aufgebrochen: Die Kapitaldecke der Investmentbank Lehman bricht ein.

Händler im Stress: Erneut werden die Finanzmärkte von schlechten Nachrichten geschüttelt.
Händler im Stress: Erneut werden die Finanzmärkte von schlechten Nachrichten geschüttelt.
Keystone

Die US-Aktien gerieten erneut in den Abwärtssog, nur einen Tag nachdem die US-Regierung die Hypothekarinstitute Freddie Mac und Fannie Mae verstaatlicht und neue Zuversicht über ein nahes Ende der Kreditkrise verbreitet hatte. Auslöser waren Berichte über eine gescheiterte Auffangaktion für Lehman Brothers, die viertgrösste Bank an der Wallstreet und die führende Händlerin von Schuldscheinen aller Art. Lehman stand mit der koreanischen Entwicklungsbank seit Wochen im Gespräch, mit dem Ziel, bis zur Hälfte der Bank an die ausländischen Investoren abzutreten und im Gegenzug eine Kapitalspritze von mehreren Milliarden Dollar zu bekommen.

Neben Lehman ist auch Washington Mutual, ein grosses Kredithaus, akut bedroht. Die Bank wechselte zwar den Konzernchef aus, um rasch eine Sanierung durchzudrücken, doch zeigten sich Analysten gestern skeptisch, dass eine Rettung noch gelingt. Lehman und Washington Mutual werden noch zu Bruchteilen ihres Marktwertes von Anfang Jahr gehandelt. Zum allem Übel trafen neue Hiobsbotschaften vom Immobilienmarkt ein. Demnach sackte die Zahl der hängigen Liegenschaftskäufe im Juli erneut um 3,2 Prozent ab, entgegen der Prognose einer Stabilisierung auf tiefem Niveau. Solange sich der Immobilienmarkt nicht festigt, so Finanzminister Hank Paulson, wird die US-Wirtschaft nicht genesen. Eine Wende zum Bessern ist frühestens 2009 zu erwarten.

Warum die Rettungsaktion für Lehman scheiterte, war zunächst unklar. Von koreanischer Seite hiess es dazu nur, eine Beteiligung sei derzeit «nicht angebracht». Branchenkenner gehen davon aus, dass Lehman-Chef Richard Fuld auf bessere Angebote hofft. Der massiv unter Druck geratene Fuld prüft verschiedene Optionen, darunter die Aufteilung in eine «gute» und in eine «schlechte» Bank. Auf der guten Seite würde der Vermögensverwalter Neuberger & Berman untergebracht.

Riskante Kreuzbeteiligungen

Interesse am Kauf dieser Sparte haben bereits Private-Equity-Gruppen wie Black Rock und KKR angemeldet, ohne dass es bisher zu einem Handschlag gekommen wäre. Experten halten solche Kreuzbeteiligungen innerhalb einer Krisenbranche für riskant. Auf die gute Seite würden auch die Geschäftsliegenschaften verpackt, an denen die Bank mit bis zu 40 Milliarden Dollar beteiligt ist. Diese gelten als relativ sicher, doch halten sich die Käufer offenbar noch zurück.

Die schlechte Seite würde den Rest der Vermögenswerte umfassen, vor allem die auf 25 Milliarden Dollar geschätzten faulen Kredite im Hypothekarbereich. Die für ihre treffsicheren Analysen bestens bekannte Meredith Whitney von Oppenheimer & Co. sagt für das laufende Quartal Abschreibungen von vier Milliarden voraus, fast doppelt so viel wie allgemein angenommen.

Alle Finanztitel gaben nach

Die Unsicherheit über die Verluste und Abschreibungen haben mehrere Banken veranlasst, keine Gegengeschäfte mit Lehman mehr einzugehen, was die Ertragsbasis zusätzlich aushöhlt. Fuld dürfte deshalb zu einem Befreiungsschlag gezwungen sein, möglicherweise mit der vorzeitigen Veröffentlichung der Quartalszahlen und der raschen Ankündigung einer strategischen Allianz. Als mögliche Partnerin kommt die japanische Nomura in Frage. Gelingt dies nicht, so ist Fuld doch noch zu einem Ausverkauf zu Schleuderpreisen gezwungen.

Die Berichte vom gescheiterte Deal versetzten den Märkten einen starken Dämpfer. Die Lehman-Papiere sackten über 40 Prozent auf einen seit zehn Jahren nicht mehr gesehenen Stand ab; alle anderen Finanztitel gaben deutlich nach und drückten die Indizes stark ins Minus. Es ist dies seit Beginn des Jahres zum fünften Mal, dass eine vom US-Finanzministerium oder der Notenbank übers Wochenende orchestrierte Rettungsübung rasch verpufft und der Einsicht Platz macht, dass die Kreditkrise tiefer reicht als offiziell behauptet und die Banken noch Dutzende von Milliarden Dollar abschreiben müssen, bevor das Vertrauen zurückkehrt.

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