Schweizer IT-Branche befürchtet Abwanderungen

2000 Drittstaaten-Fachkräfte weniger kommen künftig in die Schweiz. So will es der Bundesrat. Gut versteckt war die Nachricht der Landesregierung – der Frust kommt jetzt.

Die Schweizer Informatik-Branche rekrutiert immer wieder Fachkräfte aus Asien: Mitarbeiterin eines Technologiekonzerns an einer ICT-Messe. (Archiv)

Die Schweizer Informatik-Branche rekrutiert immer wieder Fachkräfte aus Asien: Mitarbeiterin eines Technologiekonzerns an einer ICT-Messe. (Archiv)

(Bild: Reuters)

Franziska Kohler@tagesanzeiger

Der Bundesrat hätte sich kaum einen besseren Zeitpunkt aussuchen können: Am letzten Freitagabend, kurz nachdem er die geplante Frauenquote in börsenkotierten Firmen angekündigt hatte, informierte er ganz nebenbei auch noch über neue Kontingente für Fachkräfte aus Drittstaaten. Er hatte entschieden, 2000 von gesamthaft 8500 Aufenthaltsbewilligungen zu streichen. Der grosse Aufschrei blieb aus – vorerst.

Fast eine Woche später kommt er nun doch, und zwar vonseiten der Kantone. Christoph Niederberger, Generalsekretär der Volkswirtschaftsdirektoren-Konferenz, kritisiert den Bundesrat harsch. «Bei diesem Entscheid wurden die Kantone zwar konsultiert, aber am Schluss eigentlich nicht mit einbezogen», sagt er gegenüber dem Schweizer Radio SRF. Die Kürzung ist vor dem Hintergrund der Masseneinwanderungsinitiative (MEI) zu interpretieren. Der Bundesrat steht unter Druck, Massnahmen zur Beschränkung der Zuwanderung zu erlassen – aber die Kontingente für Drittstaatler zu kürzen, ist laut Niederberger ein denkbar schlechter Weg. Er spricht von «Augenwischerei» und einer falschen Politik.

«Die MEI so umzusetzen, ist ein Witz»

Auch Ruedi Noser, FDP-Nationalrat und Inhaber eines IT-Unternehmens, ist unzufrieden. Er ärgert sich vor allem über die Begründung des Bundesrates. Man wolle auch einen Anreiz für Schweizer Unternehmen setzen, das inländische Arbeitskräftepotenzial noch effektiver auszuschöpfen, sagte dieser letzten Freitag. «Schon heute bekommt eine Firma nur eine Bewilligung für Drittstaatler, wenn sie nachweisen kann, dass sie in der Schweiz keinen geeigneten Kandidaten findet», sagt Noser. Diese Regelung sei bereits strenger als eine allfällige Beschränkung durch die MEI es sein könnte. Und der Anteil der Fachkräfte aus Drittstaaten an der Gesamteinwanderung sei ohnehin sehr klein.

Ausserdem macht eine gesamtschweizerische Beschränkung der Kontingente laut Noser keinen Sinn. Ein Drittel der betroffenenen Arbeitsbewilligungen gehe erfahrungsgemäss an die IT-Branche, und die ist kantonal sehr unterschiedlich vertreten. So dürfte Zürich von der Beschränkung weit stärker betroffen sein als zum Beispiel das Appenzell. Für seine eigene Firma hat der Entscheid laut Noser zwar keine Konsequenzen, da er kaum Fachkräfte aus Drittstaaten anstellt. «Aber ich könnte mir vorstellen, dass der Bankdienstleistungssektor und Technologiefirmen wie Google bald vor grossen Problemen stehen werden.»

Enormes Beschäftigungswachstum im IT-Bereich

Google will sich zur Angelegenheit nicht äussern und verweist auf ein Statement des Schweizerischen Informatikverbands ICT Switzerland vom September. Darin weist der Dachverband auf das enorme Beschäftigungswachstum im IT-Bereich hin: Es sei rund vier Mal so hoch wie in anderen Branchen. Der wachsende Bedarf könne nicht ausschliesslich durch inländische Fachkräfte abgedeckt werden, das müsse der Bund bei der Festlegung der Kontingente berücksichtigen.

Dasselbe fordert Marcel Gamma vom Schweizerischen Verband der Informations- und Kommunikationstechnologie, swissICT. «In der IT-Branche können schon jetzt nicht alle offenen Stellen besetzt werden, weil es zu wenig richtig qualifizierte Fachkräfte gibt. Der Bundesrat verschärft dieses Problem nun noch weiter.» Damit steige auch die Gefahr, dass in Zukunft Jobs verloren gingen oder in andere Länder ausgelagert würden, weil die Firmen in der Schweiz nicht mehr genügend Personal rekrutieren könnten.

Protestbrief aus Basel

Gemäss Angaben des Volkswirtschaftsdepartements wurden in Zürich von Januar bis November dieses Jahres 1670 Kurzaufenthalts- und 522 Jahresbewilligungen erteilt. Zum Vergleich: Mit der neuen Regelung stehen im nächsten Jahr gesamtschweizerisch 4000 Kurzaufenthalts- und 2500 Jahresbewilligungen zur Verfügung. Vor allem bei den Kurzaufenthaltsbewilligungen könnte es also knapp werden.

«Wir sind überrascht, dass der Bund ohne Rücksprache mit den Kantonen die Kontingente gekürzt hat», sagt darum Erich Wenzinger, Pressesprecher der Volkswirtschaftsdirektion in Zürich. Die Nachfrage nach Drittstaatenkontingenten sei 2014 höher gewesen als im Jahr zuvor. «Der Kanton hatte seinen Kantonsanteil im laufenden Jahr bereits nach recht kurzer Zeit ausgeschöpft und musste auf das Bundeskontingent zurückgreifen. Eine Kürzung des Kantonsanteils für 2015 ist nicht in unserem Sinne», so Wenzinger.

Auch andere Kantone fürchten um ihre Kontingente. Besonders unzufrieden sind die beiden Basel: Die Kantonsregierungen protestieren laut SRF in einem gemeinsamen Brief an den Bundesrat. Der Basler Wirtschaftsdirektor Christoph Brutschin will wissen, ob die reduzierte Anzahl an Kontingenten ausreicht – «wenn nicht, muss der Bundesrat diese entsprechend anpassen».

langenthalertagblatt.ch/Newsnetz

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