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Insider: Ghosn floh nach Ende von Überwachung

Zur Flucht des gefallenen Autozars nach Beirut gelangten am Samstag weitere Details an die Öffentlichkeit.

Seine Geschichte sorgt für Aufsehen: Carlos Ghosn (hier in einer Aufnahme vom März 2019) flüchtet aus Japan, meldet sich dann aus Beirut und will sich bald persönlich äussern. Foto: Eugene Hoshiko/Keystone
Seine Geschichte sorgt für Aufsehen: Carlos Ghosn (hier in einer Aufnahme vom März 2019) flüchtet aus Japan, meldet sich dann aus Beirut und will sich bald persönlich äussern. Foto: Eugene Hoshiko/Keystone

Die Details spektakulären Flucht des ehemaligen Renault- und Nissan-Chefs Carlos Ghosn in den Libanon sind weiterhin unklar, die Hinweise verdichten sich aber, dass der 65-Jährige nicht nach einem Privatkonzert in einem Instrumentenkasten aus seiner Wohnung in Tokio geschmuggelt worden ist.

Der japanische Sender NHK berichtete am Freitag unter Berufung auf Ermittlerkreise, dass Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigen, wie Ghosn am 29. Dezember kurz vor seiner Flucht allein das Haus in Tokio verlassen habe.

Flucht nach Ende der Überwachung

Die Nachrichtenagentur Reuters erfuhr am Samstag von drei mit der Angelegenheit vertrauten Personen, dass Ghosn seine Wohnung in Tokio verlassen habe, nachdem eine private Sicherheitsfirma die Überwachung des früheren Spitzenmanagers eingestellt habe.

Die Firma sei von Ghosns früherem Arbeitgeber Nissan beauftragt worden. Ihre Aufgabe sei es gewesen herauszufinden, ob Ghosn Personen trifft, die mit den gegen ihn gerichteten Vorwürfen in Zusammenhang stehen.

Die drei Insider führten aus, Ghosns Anwälte hätten die von Nissan beauftragte Sicherheitsfirma aufgefordert, die Überwachung zu beenden. Sie warfen ihr demnach einen Verstoss gegen Ghosns Menschenrechte vor. Der ehemalige Manager habe eine Klage gegen die Firma geplant.

Daraufhin sei die Überwachung am 29. Dezember beendet worden, was dem ehemaligen Star-Manager offenbar die Flucht ermöglichte. Am 31. Dezember tauchte Ghosn im Libanon auf. Am 8. Januar will er sich öffentlich dazu äussern.

Zwei Privatjets für Flucht

Ghosn steht in Japan wegen Untreue und finanziellen Fehlverhaltens beim japanischen Renault-Partner Nissan unter Anklage. Er war im vergangenen Frühjahr gegen eine Millionen-Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen worden und wurde während seines Hausarrests streng überwacht. Dennoch konnte Ghosn, der unter anderem die libanesische Staatsangehörigkeit besitzt, nach Beirut fliehen.

Dazu nutzte er zwei Privatjets von MNG. Nach Firmenangaben vermietete MNG im Dezember zwei Privatjets an zwei unterschiedliche Kunden. Einer davon sei für den Flug von Dubai nach Osaka und dann von Osaka nach Istanbul angemietet worden. Ein zweiter Privatjet sei für den Flug von Istanbul nach Beirut angeheuert worden.

Die beiden Anmietungen seien scheinbar nicht miteinander verbunden gewesen. Erst nach Medienberichten, dass MNG-Jets von Ghosn zur Flucht genutzt wurden, habe das Unternehmen eine interne Untersuchung gestartet und Anzeige erstattet. «Der Name von Herrn Ghosn erschien in keinem der offiziellen Dokumente zu den Flügen.» Ein Mitarbeiter habe die Unterlagen aus eigenem Antrieb gefälscht.

Möglicherweise verkleidet

Unklar ist, wie Ghosn in Osaka an Bord des Privatjets gelang. Auch im Terminal für Privatjets, das der Manager wahrscheinlich nutzte, müssen Passagiere Pass- und Gepäckkontrollen durchlaufen. Gepäckstücke, die für die Röntgenmaschinen zu gross seien, würden geöffnet, sagte ein Flughafensprecher.

Es sei daher unwahrscheinlich, dass Ghosn so an Bord geschmuggelt worden sei. «Er hätte als Passagier durchgehen müssen, möglicherweise in Verkleidung», sagte der Sprecher. Das wäre nicht das erste Mal: Nach seiner Haftentlassung im März versuchte Ghosn sich in Verkleidung an den Medien vorbeizuschleichen, wurde aber dennoch erkannt.

Die türkische Polizei hatte am Donnerstag sieben Personen festgenommen, darunter vier Piloten. Nach Aussagen bei der Polizei mussten am Freitag die Piloten und andere Festgenommene vor Gericht erscheinen.

Extra-Pass im Gepäck

Wie die Nachrichtenagentur Reuters von mit der Sache vertrauten Personen erfahren hat, wurde Ghosn über eine private Sicherheitsfirma aus Tokio über die Türkei in den Libanon geschmuggelt.

 Sitzt er in diesem Auto? Pressefotografen lichten ein Fahrzeug ab, das die Villa Ghosns in Beirut verlässt. Foto: Maya Alleruzzo/Keystone
Sitzt er in diesem Auto? Pressefotografen lichten ein Fahrzeug ab, das die Villa Ghosns in Beirut verlässt. Foto: Maya Alleruzzo/Keystone

Nach einem Bericht des japanischen Senders NHK konnte sich Ghosn offenbar dank eines zweiten französischen Reisepasses absetzen. Japanische Behörden hätten Ghosn erlaubt, einen Extra-Pass in einem verschlossenen Koffer mit sich zu führen, während er unter Hausarrest stand. Den Schlüssel dazu hätten Ghosns Anwälte gehabt. Laut NHK wurde der Wohnsitz von Ghosn in Tokio am Donnerstag von der Staatsanwaltschaft durchsucht.

Einsame Weihnachten

Wie Reuters von Vertrauten von Ghosn erfuhr, haben erwartete Verzögerungen seines Prozesses in Japan und die Trennung von seiner Frau den Manager zur Flucht bewogen. Ghosn habe kürzlich bei einer Gerichtsverhandlung erfahren, dass einer seiner zwei Prozesse auf April 2021 von September 2020 verschoben werden sollte. Für beide Verfahren sei noch kein fester Termin festgelegt worden, aber es wurde allgemein erwartet, das mindestens einer der Prozesse im April beginnt.

Ghosn habe zudem belastet, dass er nicht mit seiner Frau Carole sprechen durfte. «Es quälte ihn, dass er seine Frau nicht sehen oder mit ihr sprechen konnte», sagte einer der Insider. Ghosns Bitte, seine Frau über Weihnachten sprechen oder sehen zu dürfen, sei abgelehnt worden.

Sorge um Familie

Carole Ghosn hatte im vergangenen Jahr bereits bei US-Präsident Donald Trump und Frankreichs Regierung um Unterstützung für ihren Mann gebeten. Den Insidern zufolge war Carlos Ghosn auch besorgt darüber, dass seine Tochter und sein Sohn Anfang Dezember von der japanischen Staatsanwaltschaft in den USA vernommen wurden. Er sei davon überzeugt gewesen, dass die Behörden Druck auf seine Familie ausübten, um ein Geständnis von ihm zu erzwingen.

Der Libanon weist inzwischen eine Verwicklung in Ghosns Flucht zurück. Das Land habe keine offizielle Rolle bei Ghosns Ausreise aus Japan gespielt, sagte der amtierende Verteidigungsminister Elias Bu Saab am Donnerstag dem Sender MTV.

Derweil erhielt der Libanon über die internationale Polizeibehörde Interpol einen Haftbefehl für den einst gefeierten Automanager. Der Antrag auf Basis einer so genannten «red notice» - der die Behörden auffordert, eine gesuchte Person mit dem Ziel der Auslieferung festzunehmen - sei bei internen libanesischen Sicherheitskräften eingegangen und müsse noch an die Justiz übermittelt werden, erfuhr die Nachrichtenagentur Reuters aus Justizkreisen.

Bei der libanesischen Regierung war zunächst keine Stellungnahme erhältlich, ob und welche Schritte sie plant. Bei früheren Fällen, in denen der Libanon rote Ausschreibungen für im Land ansässige Staatsbürger erhielt, seien diese nicht inhaftiert worden, sagte der Insider. Ihre Pässe seien aber beschlagnahmt und die Verdächtigen auf Kaution freigesetzt worden.

Der 65-jährige steht in Japan wegen Veruntreuung und finanziellen Fehlverhaltens beim japanischen Renault-Partner Nissan unter Anklage. Er war im vergangenen Frühjahr gegen eine Millionen-Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen worden und wurde während seines Hausarrests streng überwacht.

Kein Auslieferungsabkommen

Der einst hoch angesehene Topmanager wurde erstmals im November 2018 in Tokio verhaftet. Gegen ihn liegen insgesamt vier Anklagen vor. Ghosn wird vorgeworfen, sein Einkommen als zu niedrig angegeben, Nissan um umgerechnet über fünf Millionen Franken geschädigt und sich persönlich bereichert zu haben. Ursprünglich solle der Prozess schon im vergangenen Herbst beginnen.

Ghosn zur Rückkehr zu zwingen wird schwierig, da Japan lediglich mit den USA und Südkorea Auslieferungsabkommen hat. Im Libanon, wo er aufwuchs und umfangreiche Investitionen in Banken und Immobilien hält, geniesst er Unterstützung aus höchsten Kreisen. Die japanischen Behörden haben sich bislang noch nicht offiziell zu Ghosns Flucht geäussert.

Ghosn war die treibende Kraft hinter der französisch-japanischen Auto-Allianz aus Renault, Nissan und Mitsubishi. Der Manager bestreitet die Vorwürfe gegen ihn und sieht sich als Opfer einer internen Intrige bei Nissan wegen Widerstands gegen ein engeres Bündnis mit Renault.

SDA/cpm/sho

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