«Einen Teil des Vermögens sollten alle stiften»

Mit Insulinpumpen und Injektionspens ist Willy Michel reich geworden. Er stiftet nun 50 Millionen Franken für ein Diabetes-Forschungszentrum in Bern. Der 70-Jährige erklärt, was er als Mäzen davon erwartet und nimmt andere Milliardäre in die Pflicht.

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Herr Michel, Sie zahlen 50 Millionen Franken für den Aufbau eines Diabetes-Forschungszen­trums in Bern. Warum?
Willy Michel: Ich bin seit über vierzig Jahren im Diabetessektor tätig. In dieser Zeit ist relativ ­wenig passiert in der Diabetes-Grundlagenforschung, insbesondere für Typ-1-Diabetiker. Man muss heute noch den Blutzuckerwert durch tägliche mehrfache Blutentnahme selber messen, ­daraus den Insulinbedarf errechnen und sich Insulin selber ­spritzen. Obwohl es regelmässig Weltkongresse mit Tausenden Forschern und Ärzten gibt, kam es seit Jahren zu keiner echten ­Innovation. Dabei wäre dank des technischen Fortschrittes mehr möglich.

Wo sehen Sie neue, bahn­brechende Möglichkeiten für die Behandlung von Zuckerkranken?
Zum Beispiel bei der Blutzuckermessung. Ich bin überzeugt, dass man technologisch so weit ist, um hier in den nächsten zehn Jahren einen grossen Schritt voranzukommen. Etwa mit einem Sensor im Körper, der den Blutzuckerwert direkt und nicht verzögert messen kann und sofort an die Insulinpumpe meldet. Es gibt zwar seit einigen Jahren solche Sensoren für unter die Haut. Aber weil man hier im Unterhautfettgewebe und nicht im Blut misst, gibt es eine Verzögerung des echten Wertes von 20 bis 30 Minuten. Das gibt Probleme: Wenn ein Diabetiker in diesen 20 Minuten zum Beispiel ein Bier trinkt, verändert sich der Blutzuckerwert. Wir brauchen Werte ohne Zeitver­zögerung, um Insulinpumpen besser steuern zu können.

Wo sonst wollen Sie ansetzen?
Das Diabetes Center Berne soll sich auch mit der Automatisierung der Verabreichung von ­Insulin beschäftigen. In diesem Zusammenhang sprechen wir vom geschlossenen Kreislauf, auf Englisch «closed loop». Ultimativ muss es uns gelingen, dass der ­Betroffene nichts mehr mit Diabetes zu tun hat. Ein weiterer Forschungsansatz könnte sein, an der Wurzel der Entstehung von Diabetes zu forschen. Warum überhaupt entsteht Diabetes? Beim Typ-2-Diabetes kennt man die Ursachen relativ gut: gewisse erbliche Faktoren, falsche Ernährung, zu wenig Bewegung. Beim Typ-1-Diabetes können es unter anderem erbliche Faktoren sein. Aber wir wissen heute nicht, ­warum Diabetes beim einen ausgelöst wird und beim anderen nicht.

Fussballmäzen werde ich nicht. Denn für mich ist Spitzensport nicht sauber.Willy Michel

Schwebt Ihnen vor, Diabetes heilen zu können?
Nein, es wäre vermessen, von so etwas zu träumen. Aber wir möchten dazu beitragen, die ­Behandlung massiv zu verbessern und zu vereinfachen.

Das Diabeteszentrum wird in einen Neubau der Sitem-Insel AG beim Inselspital einziehen und eng mit der Universität Bern kooperieren. Braucht es hier einen Kick, um die Diabetes­forschung voranzubringen?
Nicht nur einen Kick, sondern eben auch Geld. Denn die öffentliche Hand hat nur beschränkte Mittel für den Diabetesbereich. Wir werden deshalb mit weltweit führenden Forschern reden, um sie und ihre Projekte nach Bern zu holen. Es gibt vor allem in den USA ein paar sehr wichtige Institute. Die 50 Millionen Franken sollten reichen, damit dreissig bis vierzig Wissenschaftler zehn Jahre lang arbeiten können. Parallel wollen wir aber explizit auch die Gründung von Unternehmen anregen, welche Erfindungen in Produkte überführen. Diese sollen mittelfristig zu einem Geldrückfluss ins Zen­trum führen. Es dürfte in der Zwischenzeit noch mehr Geld reinkommen, ich kann aber noch nicht mehr dazu sagen.

Sie wollen also hier einen ­Diabetescluster schaffen?
Ja, definitiv. Wir kennen international viele Grössen im Diabetesgeschäft. Wir haben aber auch in Bern gute Leute wie Professor Christoph Stettler, Leiter der Universitätsklinik für Diabeto­logie (UDEM) am Inselspital. Hinzu kommt die Sitem-Insel AG, welche Grundlagenforschung und industrielle Entwicklungen in die klinische Anwendung überführen will. Auch das Artorg-Zentrum, eine Institution an der Universität Bern für Forschung in der Medizinaltechnik, ist ganz in der Nähe.

Wenn Ihr Forschungszentrum einen Durchbruch erzielt, wem gehören die gewinnträchtigen Patente und Rechte?
Patente gehören dann der von mir gegründeten, unabhängigen Diabetes Center Berne Foundation. Über eine Tochtergesellschaft hält diese auch Gelder bereit für Start-ups, welche Innovationen zur Marktreife bringen sollen. Unternehmerische, innovative Leute sollen hier an den Produkten und Lösungen von morgen arbeiten. Wenn Ypsomed profitieren möchte, ist sie gleichgestellt mit allen anderen möglichen Investoren in die Start-ups.

Wenn Sie einen Diabetescluster bilden wollen, warum baut die Ihnen zur Mehrheit gehörende Ypsomed ein neues Werk im ostdeutschen Schwerin?
Wir schaffen in der Schweiz, wie schon letztes Jahr, auch in diesem Jahr nochmals gegen 100 neue Arbeitsplätze. In Burgdorf bauen wir aktuell einen neuen Werkzeugbau, ein neues Labor und ein neues Bürogebäude für 80 weitere Ingenieure. Und im Hauptproduktionswerk Solothurn läuft bis Ende 2018 der letzte mögliche Ausbau. Danach kommen wir an unsere Kapazitätsgrenzen. Wir haben uns umgeschaut. Es ist leider nicht möglich, in der Schweiz 10 Hektaren Land für unsere ­Ausbaupläne zu bekommen. In Schwerin haben wir 20 Hektaren fertig erschlossenes Industrieland zum Preis von ein paar Euro pro Quadratmeter gesichert. Zudem erhalten wir staatliche Investitionsbeihilfen und profitieren von der guten Verfügbarkeit von Fachkräften in der Region.

Hat Sie der Kanton Bern zu ­wenig unterstützt?
Nein, das kann ich so nicht sagen. Natürlich macht die hohe Steuerbelastung den Kanton unattraktiv für Neuansiedelungen und insbesondere für Ausbauprojekte von bereits ansässigen Firmen. Zudem müssen wir schauen, dass wir die guten Leute überhaupt noch bekommen. Mit CSL Behring und Biogen hat der Kampf um Talente zugenommen, und diese sind bereit, unter anderem deshalb, weil sie grosszügige Steuererleichterungspakete erhalten haben, mehr zu zahlen, und treiben dadurch die Löhne weiter nach oben. Die Löhne sind für gleich qualifizierte Mitarbeitende bereits heute mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland und fünf- bis sechsmal höher als in Osteuropa. Ein weiterer wichtiger Grund ist, dass unsere grösseren Kunden aus Gründen der Liefersicherheit verlangen, dass wir auch in der EU produzieren. Die Diskussionen und Ideen von rechts rund um die Abschaffung der Bilateralen sind Gift für unser Land und unseren Indus­triestandort.

Es gibt zwei Willy Michel: den streng kalkulierenden Geschäftsmann und den Stifter. Wie trennen Sie das?
Das ist für mich nicht schwierig. Auch im Geschäftsleben habe ich diverse Aufgaben, die ich klar trennen kann. So bin ich Verwaltungsratspräsident von Ypsomed und auch des Industrieunternehmens Adval Tech, dann besitze ich noch eine Uhrenfirma, Armin Strom. Ich kann gut am Morgen hier eine Sitzung haben und am Nachmittag da.

Sie besitzen auch noch Restaurants und Hotels in Burgdorf.
Eigentlich wollte ich zuerst nur ein einziges Haus in Burgdorf übernehmen, um den Kunden von Ypsomed den Weg nach Bern zu ersparen. Dann wurde klar, dass sich dies allein nie rechnet. Dann habe ich halt eine Gruppe gebildet, jetzt geht es plus/minus auf.

Was ist entscheidend dafür, dass ein Projekt wie das von Ihnen gestiftete Museum Franz Gertsch ein Erfolg wird?
Nur den Bau zu finanzieren, das reicht nicht. Auch der Betrieb muss nachhaltig gesichert sein. Das Geld, das ich für das Museum Franz Gertsch zurückgestellt habe, reicht sicher dafür, vierzig bis fünfzig Jahre lang Ausstellungen zu zeigen und den Betrieb zu führen. Es wird also nicht so sein wie zum Beispiel beim Zentrum Paul Klee, wo jemand etwas baut und nun Millionen an Steuergeldern für den Betrieb nötig sind. So gehe ich wie gesagt auch beim Diabetes Center Berne vor.

Die Zeitschrift «Bilanz» schätzte das Vermögen Ihrer Familie auf 1,75 Milliarden Franken. Haben Sie manchmal ein schlechtes Gewissen, im Geschäft mit einer Erkrankung so reich geworden zu sein?
Nein. Ich habe von meinen Eltern keinen Franken bekommen. Wir haben sehr viel zustande gebracht für Diabetespatienten. Als ich von Novo Nordisk weg bin und Disetronic aufgebaut habe, hat man weltweit Diabetes noch mit Wegwerfspritzen relativ primitiv behandelt. Jeder Diabetiker musste das Insulin aufziehen, richtig dosieren und dann mehrmals täglich spritzen. Das ist alles relativ fehleranfällig und gefährlich, und in der Öffentlichkeit war man sofort als Fixer abgestempelt. Eine tragbare Insulinpumpe gab es in dieser Form noch nicht. Wir haben nicht einfach irgendetwas nachgemacht und damit Geld verdient, sondern sehr viel geforscht und investiert und mit Innovation die Therapie erheblich verbessert. Später habe ich aber auch andere Firmen ge­gründet, wie das Biotechunternehmen Finox. Dieses hat viel Erfolg mit einem Hormon für die ­Behandlung von Fruchtbarkeitsstörungen. Einen Teil von Finox habe ich letztes Jahr verkauft, die Verkaufsrechte für die USA sind aber noch bei mir. Es gibt zwei, drei andere Beispiele, wo ich Glück hatte an der Börse. Und ich habe mir gesagt: Wenn man privat zu Kapital kommt, soll ein Teil davon zurückfliessen in sinn­volle Projekte.

Sie wollen also lieber einen Teil Ihres Vermögens nach eigenem Gutdünken spenden, als höhere Steuern zu zahlen?
Ich zahle Steuern, viel sogar. Aber darüber hinaus will ich beeinflussen können, wohin mein Geld geht.

Zahlen Reiche in der Schweiz genug Steuern?
Ich zahlte hier eine Zeit lang ­privat Vermögenssteuern von gegen 5 Millionen Franken pro Jahr. Ich musste Aktien verkaufen, um diese Summen zu bezahlen. Mein Vermögen ist primär in den ­Aktien der Ypsomed, nicht cash auf einem Konto. Ich zahle auch heute noch Steuern in Millionenhöhe. Als 2010 eine Initiative die Vermögenssteuern verdoppeln wollte, hatte ich ein Angebot von Montenegro, dort praktisch keine Steuern zahlen zu müssen. Bei einem Ja zur Initiative wäre ich gegangen.

Ist das Mäzenatentum in der Schweiz genügend verbreitet?
Das ist sehr unterschiedlich. Kollegen und Freunde von mir wie Hansjörg Wyss haben viel gemacht, andere halten sich zurück. Einen Teil des Vermögens sollten alle stiften und an die Gesellschaft zurückführen.

Entscheiden Sie allein über Ihre Spenden, oder wie sprechen Sie sich mit Ihrer Familie ab?
Ich habe letzten Herbst noch einmal geheiratet. Davor war ich eine Zeit lang allein und musste mich nicht gross absprechen. Mein älterer Sohn Simon leitet Ypsomed, der jüngere Sohn Serge ist Chef von Armin Strom. Ihr Weg ist also vorgespurt. Bei meiner 12-jährigen Tochter ist das ­alles noch weit weg.

Wie oft kommen Leute auf Sie zu und betteln um Geld?
Häufig. Als ich die Ankündigung für das Diabeteszentrum ­gemacht habe, kamen sofort von anderen Professoren Anfragen für Forschungsprojekte.

Haben Sie schon ein neues ­Projekt angedacht?
Im Moment nicht. Das Diabeteszentrum wird viel Energie von mir brauchen. Im Museum Franz Gertsch planen wir eine Erweiterung mit einem neuen Saal, aber Nachbarn haben dies verzögert.

YB-Mäzen Andy Rihs sucht einen Nachfolger, wäre dies ­etwas für Sie?
Nein, mit Fussball habe ich nichts am Hut. Ich habe zwar erst kürzlich mit Andy Rihs gesprochen, ich kenne ihn gut. Aber ich kann mich nicht mit Spitzensport identifizieren. Denn ich arbeitete viele Jahre für Novo Nordisk, den führenden Hersteller von Hormonprodukten. Wir waren der grösste Hersteller von Wachstumshormonen, von Anabolika. Ich musste das Zeug damals verkaufen, ich weiss, wo es hingegangen ist, nämlich in jede Sportart. Für mich ist Spitzensport nicht sauber. Selbst Insulin kann einen Leistungsschub ermöglichen, ­ohne dass die Einnahme nachgewiesen werden kann.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 16.07.2017, 09:35 Uhr

Serie: Mäzene in der Schweiz

Das Mäzenatentum ist in den USA weit verbreitet. Viele Reiche unterstützen die Hochschulen, an denen sie gelernt haben. Sie finanzieren auch Kulturbetriebe, die Sportförderung oder die medizinische Forschung.

Die Grenze zwischen Mäzenatentum ohne geschäftliche Interessen und Sponsoring verschwimmt manchmal. Superreiche wie Bill Gates, Warren Buffett und Mark Zuckerberg haben hingegen angekündigt, ihr Vermögen weitgehend für wohltätige Zwecke zu spenden. Hierzulande scheint das Mäzenatentum weniger verbreitet zu sein.

In einer Serie porträtiert diese Zeitung einige Mäzeninnen und Mäzene in der Schweiz. Wir wollen wissen, was ihre Beweggründe sind, wie sie reich wurden, oder ob sie nicht einfach für höhere Steuern wären, die der Allgemeinheit zugutekommen.

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