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Das Ende eines Schweizer Fussballtraums

Der Sportvermarkter Kentaro aus Wil SG galt als Erfolgsgeschichte, hatte gar die brasilianische Nationalmannschaft unter Vertrag. Nun steckt die Agentur in finanziellen Schwierigkeiten.

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Der grösste Aufreger des Spiels war ein Störenfried, den ein halbes Dutzend Ordnungskräfte quer über das Feld des Khalifa International Stadions hetzte. Es lief die 80. Minute, und es stand 0:0 zwischen Argentinien und Brasilien. Eine Partie zum Vergessen, eigentlich.

Trotzdem spricht die Fussballwelt bis heute über dieses Testspiel, und nun beschäftigt es sogar die Ermittler der Schweizer Bundesanwaltschaft. Der Grund: Es fand in Katars Hauptstadt Doha statt, an einem Mittwochabend im November 2010, kurz vor der Vergabe der WM 2022. Der Verdacht: Katar könnte damals über die Antrittsgagen hinaus Schmiergelder bezahlt haben.

Organisiert hatte die Partie der Vermarkter Kentaro aus Wil SG. Die Agentur war über Jahre die auffälligste Sportrechte-Firma der Schweiz, ein Schnell­aufsteiger. Gegründet 2003, vermarktete sie nur wenige Jahre später über 30 englische Fussballclubs (darunter Arsenal und Chelsea) und bis zu 20 Nationalmannschaften (darunter Brasilien). Im Hallenstadion liess sie 2008 die Boxer Nikolai Walujew und Evander Holyfield aufeinandertreffen. Und zwei Jahre zuvor hatte sie aus dem Nichts ein neues Businessmodell geschaffen, indem sie die brasilianische Equipe nach Weggis holte und deren WM-Trainingslager zum Volksfest veredelte. Heute sind Freundschaftsspiele und Vorbereitungscamps Millionen wert.

An Kentaros Spitze stehen der deutsche Jurist Philipp Grothe und der Luzerner Treuhänder Philippe Huber, beide zu Hause in London. Grothe redet am liebsten über Deals und Zahlen, Huber liess in England Schweizer Journalisten in seinem Bentley mitfahren, sprach abwechselnd in zwei Handys und sagte Sätze wie: «Ich arbeite bis zu 18 Stunden am Tag.» 2010 zählte die Agentur nach eigenen Angaben in ganz Europa 120 Angestellte.

«Bedenkliche Zahlungen»

Als vor zwei Wochen im Zürcher Luxushotel Baur au Lac sieben Fifa-Funktionäre verhaftet wurden, holten sich Fahnder gleichzeitig bei Kentaro die Akten rund um das Testspiel von Doha. Es wird vermutet, dass auf Umwegen Geldbeträge an die Präsidenten der beiden Landesverbände geflossen sein könnten. Der amerikanische Fifa-Ermittler Michael Garcia war im argentinischen Verband auf «bedenkliche Zahlungen» gestossen.

Ricardo Teixeira (Brasilien) und Julio Grondona (Argentinien) sassen im Exekutivkomitee, als die Fifa wenige Wochen nach dem Testspiel über den Gastgeber der WM 2022 entschied. Beide stimmten nach allgemeiner Ansicht für Katar. Teixeira trat 2012 unter schwe­ren Korruptionsvorwürfen zurück, Grondona starb 2014.

Financier des Spiels war der Katarer Ghanim Bin Saad al-Saad, einer der mächtigsten Männer des Landes. Er war Chef von Qatari Diar, dem staatlichen Immo-Investmentfonds, und pflegt enge Beziehungen zum Emir. Parallel dazu führt er ein privates Konglomerat, die GSSG-Gruppe. Diese kam für die Rechnung der Partie in Doha auf. Das Geld floss via den GSSG-Ableger Swiss Mid­east, der seinen Sitz an der Zürcher Bahnhofstrasse hat, an Kentaro.

Ein Vertreter von Swiss Mideast bestätigt dem TA die Zahlung, legt aber die geflossene Summe nicht offen. Dafür nennt Kentaro konkrete Zahlen: 8,6 Millionen Dollar habe die Swiss Mideast überwiesen. Davon seien 2,2 Millionen an einen arabischen Vermittler gegangen, der den Kontakt eingefädelt hatte. 2 Millionen gingen an Argentinien, 1,5 Millionen an Brasilien. Nach Abzug der eigenen Kosten habe Kentaro einen Gewinn von 0,5 bis 0,7 Millionen Dollar erzielt.

Zahlungen an Dritte, etwa an südamerikanische Funktionäre, verneinen sowohl Swiss Mideast wie auch Kentaro. Die Bundesanwaltschaft kommentiert ihre Ermittlungen nicht, bestätigt lediglich, dass man sich von Kentaro Dokumente beschafft hat. Allerdings nicht im langjährigen Hauptquartier in Wil, sondern am neuen Sitz im Rheintal, in Mels.

Büros und Webseite aufgelöst

Das hat seinen Grund: Kentaro hat inzwischen keine eigenen Büros und keine Webseite mehr, dafür sind gegen die Firma Forderungen von mehr als 20 Millionen Franken offen. Das zeigt ein aktueller Auszug aus dem Betreibungsregister. Zu den Gläubigern gehören unter anderem zwei Konzerne aus Katar und Saudiarabien sowie der Autobauer Audi.

In der Optik der Gläubiger ist die Kentaro «seit Monaten, wenn nicht seit Jahren überschuldet und zahlungsunfähig». Das schrieb ein Gläubigeranwalt im Feb­ruar 2014 in einem Brief an das Kantonsgericht St. Gallen, der dem TA vorliegt.

Kentaro-Chef Grothe erzählt eine ganz andere Geschichte. Die Agentur sei zwar angeschlagen, aber funktionstüchtig: «Wir haben Hinweise darauf, dass uns Konkurrenten aus dem Nahen Osten, namentlich aus Katar, aus dem Weg räumen wollen.»

Überprüfen lässt sich das nicht. Klar ist, dass Katar im Fussball durch Investments in TV-Rechte, Sponsoring und Mannschaften stetig an Einfluss gewinnt. Und klar ist auch, dass um Kentaro ein Kampf tobt – mit Beteiligung aus Nahost.

Seit 2013 haben die St. Galler Gerichte das Unternehmen unter Hinweis auf Überschuldung dreimal in Liquidation geschickt. Grothe und Huber wehrten sich dreimal, bekamen dreimal recht. Zuletzt, im Oktober 2014, rüffelte das Bundesgericht das St. Galler Kantonsgericht: Dieses hatte Zeugen von Kentaro nicht angehört, welche die Finanzkraft der Agentur hätten belegen sollen. Der Konkurs wurde aufgehoben, die Firma überlebte.

Der saudische Milliardär

Kentaros Probleme wurzeln dort, wo die Firma auch die grössten Erfolge feierte: in Brasilien. Seit 2005 vermarkten Grothe und Huber das brasilianische Team. Allerdings nicht direkt: Dazwischen hängt seit 2006 die International Sports Events Ltd (ISE), eine Offshorefirma von den Cayman-Inseln. Kontrolliert wird diese von einem Milliardär aus Saudiarabien: Saleh Kamel. Dessen Konzern hatte dem brasilianischen Verband die Rechte abgekauft – und reichte die Arbeit an Kentaro weiter. Grothe und Huber organisierten zwei «Global Tours», Brasilien reiste von Kontinent zu Kontinent, spielte in Libreville gegen Gabun und in Tallinn gegen Estland.

Dieses einträgliche Geschäft brach Kentaro 2012 weg. Laut einer ISE-nahen Quelle konnte die Agentur ab 2011 Rechnungen nicht mehr bezahlen, deswegen wurde der Brasilien-Vertrag aufgelöst. Das weisen die Kentaro-Leute zurück und sagen, sie hätten «aus Compliancegründen» auf einen neuen Vertrag verzichtet. Daraufhin sei ihnen zu Unrecht der laufende Vertrag gekündigt worden, was für ihr Geschäft weitreichende Folgen gehabt habe.

Die Brasilien-Spiele der nächsten Jahre gingen stattdessen an einen Konkurrenten aus England: Pitch International. Grothe sagt, jene Firma stehe Katar sehr nahe und die Katarer hätten die brasilianische World Tour «um jeden Preis» haben wollen. Pitch International antwortete nicht auf Fragen des TA.

Heute betreibt ISE Kentaro auf 4,2 Millionen Franken. Der Streit steckt vor einem Schiedsgericht fest.

Der Geldtopf auf den Bermudas

Ein zweiter Kentaro-Gegner ist offenbar Ghanim Bin Saad al-Saad – ausgerechnet jener Mann, der das Doha-Spiel bezahlt hatte. Dessen Gruppe hatte 10 Millionen Dollar in einen Fussballfonds namens Global Eleven Ltd auf den Bermudas investiert. Dieser Geldtopf steckte wiederum Mittel in die Welttourneen der brasilianischen Mannschaft. Nun fordert der Fonds 6,3 Millionen Franken aus Erlösen der Brasilien-Spiele von Kentaro. Auch diese Schuld weisen Grothe und Huber zurück.

Die beiden sind heute die einzigen Mitarbeiter der Kentaro AG, alle Angestellten wurden vom Konkursamt entlassen. Sie steuern von London aus, was von der Agentur übrig ist. Nach eigenen Aussagen wollen sie das Unternehmen weiterführen, die «rechtmässigen Forderungen» wie die von Audi begleichen und sich gegen die unrechtmässigen wehren. Grothe sagt, Kentaro kooperiere mit der Bundesanwaltschaft. Und er rechne damit, dass weitere Sport­vermarkter ins Visier von internationalen Ermittlern geraten würden, vor allem in Südamerika.

In Doha entschied am Ende Lionel Messi das Spiel. Er sprintete in der 92. Minute durch die Abwehr Brasiliens, sein Schuss ging zwischen den Beinen eines Verteidigers hindurch.

Argentinien gewann 1:0.

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